Haptikforscher Grunwald über die Bedeutung des Tastsinns in der Corona-Krise
Haptikforscher Grunwald über die Bedeutung des Tastsinns in der Corona-Krise

09.04.2020

Haptikforscher Grunwald über Anfassen in der Corona-Krise Warum wir ohne Berührungen auf Dauer krank werden

Körperliche Entspannung, Regulation von Emotionen, Stärkung der Immunabwehr - all das sind Folgen der gegenseitigen Berührung. Was passiert aber, wenn diese dauerhaft ausbleibt? Wahrnehmungspsychologe Martin Grunwald über die Bedeutung des Tastsinns.

KNA: Herr Grunwald, Sie haben sich mit der Bedeutung von Berührungen in Ihrem Buch "Homo Hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können" auseinandergesetzt. Warum sind Berührungen so wichtig?

PD Dr. Martin Grunwald (Wahrnehmungspsychologe, Leiter des Haptiklabor an der Universität Leipzig): Wir brauchen adäquaten Körperkontakt für ein gesundes Leben und für einen guten Zusammenhalt in der sozialen Gemeinschaft. Ein Organismus, der nicht fühlen kann, ist zum Sterben verurteilt. So sind Berührungen eine elementare Voraussetzung dafür, dass der Mensch überhaupt wächst. Alle biologischen Wachstumsprozesse von Säugetieren sind abhängig von Körperkontakten. Das heißt, Wachstumsprozesse finden nicht statt, wenn es nicht ein angemessenes Maß an Körperverformungen gibt.

KNA: Körperverformungen?

Grunwald: Bei einer Berührung gibt es zunächst eine physikalische Verformung der Haut. Danach werden Signale an das Gehirn gesendet, dort verarbeitet und Hormone ausgeschüttet, die über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt werden: Herzfrequenz und Atmung werden langsamer, die Muskulatur entspannt sich.

KNA: Wegen des Coronavirus sollen aber momentan jegliche Körperkontakte deutlich eingeschränkt werden. Was hat das für Konsequenzen?

Grunwald: Es gibt Tierstudien, die gezeigt haben, dass die soziale Deprivation - der völlige Verlust sozialer Kontakte - tödlich endet. Ansonsten ist die Studienlage bisher ziemlich dünn. Es reagiert auch jeder anders auf die Kontaktsperre: Für die einen ist es eine wunderbare Entschleunigungsphase, für die anderen ein nicht endenwollender Albtraum. Ich würde sagen: Wenn es sich um eine zeitlich befristete Periode unserer Existenz handelt, ist es eine interessante Erfahrung, die wir machen, an der wir aber nicht zugrunde gehen werden.

KNA: Sehen Sie auch etwas Positives an der Krise?

Grunwald: Mein Eindruck ist, dass zur Zeit eine analoge Sehnsucht entsteht. Aufgrund der übermäßigen Digitalisierung des Alltags wird die analoge Körperlichkeit ganz anders gewürdigt, wir genießen sie umso mehr, umso bewusster. Wir erfahren jetzt sehr plötzlich und sehr dramatisch, dass die digitalen Verheißungen von Glück und Wohlbefinden Blödsinn sind. Das kann auch für die Zeit nach Corona nützlich sein.

KNA: Aber ist es nicht auch von Vorteil, dass jetzt etwa Schulen gezwungen werden, sich für das Online-Lernen besser aufzustellen?

Grunwald: Ich würde eher sagen, jetzt schauen wir uns mal an, was die Digitalisierung leisten kann und was nicht. Mir als Haptiker ist Online-Unterricht ohnehin ein Rätsel. Wer kann denn das wollen? Allein das Schwatzen und Rascheln, den Raum einer Schulklasse zu fühlen - all das fehlt doch beim Online-Lernen komplett. Ich zum Beispiel muss jetzt wegen der Corona-Krise digitale Vorlesungen halten, im leeren Hörsaal. Wissen Sie, wie dämlich sich das anfühlt, beim Reden auf leere Bankreihen zu starren? Auch wenn bei der Vorlesung sonst so mancher eingeschlafen ist, so ist das doch wenigstens eine menschliche Reaktion.

KNA: In Ihrem Haptiklabor in Leipzig erforschen Sie auch die Bedeutung von Selbstberührungen. Warum sind diese wichtig?

Grunwald: Jeder Mensch fasst sich etwa 400 bis 800 Mal täglich ins Gesicht - und frischt durch diese Eigenberührung sein Kurzzeitgedächtnis auf oder beruhigt hochfahrende Emotionen. Dieses Verhalten ist schon bei Föten im Mutterleib zu beobachten. Es tritt umso häufiger auf, wenn die Mutter etwa raucht oder stark unter Stress steht. Offenbar hilft uns die Selbstberührung, uns in kritischen Sekunden des Alltags in Balance zu halten.

KNA: In der Corona-Krise sollen wir aber möglichst vermeiden, uns ins Gesicht zu fassen - damit mögliche Viren an den Händen nicht an die Schleimhäute geraten. Geht das überhaupt - kann man die Eigenberührung unterlassen?

Grunwald: Das ist tatsächlich schwierig, weil es sich um einen hochgradig unbewussten Vorgang handelt. Wenn man etwa durch einen externen Reiz aus seiner Arbeit gerissen wird, verpasst man sich selbst einen Berührungsreiz im Gesicht, um das zu regulieren und wieder zur Arbeit zurückzufinden. Solche spontanen Reaktionen kann man nicht unterbinden: Um sich nicht zu infizieren, hilft da nur, sich häufig die Hände zu waschen.

Das Interview führte Nina Schmedding.

(KNA)

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