Der Palliativmediziner Dr. Dirk Hennesser ist für seine Patienten immer da
Der Palliativmediziner Dr. Dirk Hennesser ist für seine Patienten immer da
Dr. Dirk Hennesser
Dr. Dirk Hennesser
Dr. Hennesser erklärt Kardinal Woelki das Konzept des Bensberger Hospizes. (2015)
Dr. Hennesser erklärt Kardinal Woelki das Konzept des Bensberger Hospizes. (2015)

04.04.2020

Palliativmediziner warnt vor einer Priorisierung "Wir dürfen auch die anderen Schwerkranken nicht vergessen"

Die Krankenhäuser bereiten sich auf eine große Corona-Welle vor. Angesetzte OPs werden abgesagt und zusätzliche Intensivbetten bereit gestellt. Doch was geschieht mit den Patienten, die ebenfalls schwer krank sind und dabei aus dem Blick geraten?

DOMRADIO.DE: Herr Dr. Hennesser, das Thema "Corona" und die damit verbundene Gefahr haben uns zurzeit fest im Griff. Die diesbezüglichen Ängste bestimmen unser Leben. Dabei gilt momentan die ganze Sorge – und das weltweit – vor allem den Corona-Patienten. Seit über 20 Jahren betreuen Sie Menschen mit Tumor- und lebensverkürzenden Erkrankungen in Ihrer onkologischen Praxis und in einem Hospiz. Welche Veränderungen zeigen sich bei Ihrer Arbeit seit Ausbruch der Corona-Krise?

Dr. Dirk Hennesser (Onkologe und Palliativmediziner): In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es nur noch Menschen, die entweder gesund sind oder sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben. Zwischen diesen beiden Polen, die aber die Realität verzerren, gibt es eigentlich nichts anderes mehr. Ich behandle in meiner Praxis von morgens bis abends Krebspatienten, die dadurch total verunsichert werden. Das geht so weit, dass manche am liebsten ihre Krebstherapie abbrechen würden, weil sie Sorge haben, dafür außer Haus gehen zu müssen und sich dabei einer Infektionsgefahr auszusetzen. Sie glauben, dass für sie die Vermeidung einer Ansteckung mit Corona wichtiger ist als eine Immun-, Antikörper- oder Chemotherapie gegen den Tumor. Diese Angst wird von den Angehörigen noch zusätzlich mit Appellen geschürt wie: Pass nur ja auf, dass Du Dir keinen Corona-Virus einfängst!

DOMRADIO.DE: Das hört sich nach viel zusätzlicher Überzeugungsarbeit an…

Hennesser: In der Tat verbringe ich momentan viel Zeit damit, meinen Patienten in Abwägung aller Risiken und Gefahren die Wertigkeit einer lebensnotwendigen Tumortherapie zu erklären. Hinzu kommt, dass eine Krebsbehandlung ja immer auch eine sinnvolle Vorsorge ist, um grundsätzlich Abwehrkräfte wieder zu stärken, insbesondere wenn es sich dabei um die inzwischen häufig eingesetzte Immun- oder Antikörpertherapie handelt. Nach Auswertung der Daten aus China sind es auch nicht die Tumorpatienten, sondern mehrheitlich Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen oder Diabetes, die unter schweren Verläufen bei einer Corona-Infektion leiden.

DOMRADIO.DE: Finden Sie, dass sich hier der Fokus zum Nachteil aller anderen Patienten mit schweren Erkrankungen verschoben hat?

Hennesser: Ja, ich empfinde es als unverhältnismäßig, wenn ich für meine Patienten in der Radiologie um ein CT kämpfen muss, ein Großteil der Bettenkapazität in manchen Hospizen möglichen Corona-Patienten vorbehalten bleiben soll und ich mir außerdem Sorgen um verlässliche Blut- und Medikamentenlieferungen machen muss. Alles steht still und wartet auf die große Welle. In dieser Hybris aber, dass der Corona-Virus alles andere überlagert, sehe ich ein großes Problem, weil plötzlich Menschen mit anderen schweren Erkrankungen nicht mehr gesehen werden. Außerdem kann man doch nicht einfach per Dekret die Behandlung anderer Erkrankungen herunterfahren. Schließlich gibt es ja für jede Behandlung einen Grund. Ganz aktuell sollen sogar Vorsorgeuntersuchungen von Brust- und Darmkrebs ausgesetzt werden. Da sehe ich bereits die nächste Welle auf uns zukommen: nämlich die zu spät erkannter Tumore.

DOMRADIO.DE: Als Bumerang könnten sich ja auch andere auf einen späteren Zeitpunkt verschobene medizinische Maßnahmen erweisen…

Hennesser: Richtig, auch eine Hüft-Operation kann für jemanden lebensnotwendig sein, der dadurch wieder ans Laufen kommt. Und auch Blut spenden rettet Leben, weil viele darauf angewiesen sind. Das alles sind Kollateralschäden, wenn hier wichtige Maßnahmen einfach ausgesetzt werden. Denn an diesen funktionierenden Kreisläufen hängt die Versorgung vieler Menschen. Wie gesagt, für mich ist das eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Jeder Mensch muss gerettet werden. Und wir dürfen wegen Corona auch die anderen Schwerkranken nicht vergessen.

DOMRADIO.DE: Was schlagen Sie vor?

Hennesser: Jedenfalls nicht alles lahm zu legen. Ich mache mir einfach große Sorgen, dass angesichts dieser Priorisierung viele andere Patienten gerade hinten über fallen, weil sich alles nur noch um Corona dreht. Dabei kann man das nicht gegeneinander ausspielen. Schon jetzt werde ich täglich von meinen Patienten gefragt: Muss ich jetzt sterben, weil meine Versorgung nicht mehr gewährleistet ist? Das ist in meinen Augen entwürdigend und entwertet das Leben eines Menschen, der an Krebs oder einer anderen lebensverkürzenden Krankheit leidet.

DOMRADIO.DE: Das heißt, auch im Hospiz ist die aktuelle Bedrohung durch das Virus durchaus ein Thema?

Hennesser: Ja, unter den Patienten herrschen Unsicherheit, ob die Pflege aufrecht erhalten bleibt, und Angst, dass es zu Lieferengpässen zum Beispiel von Schmerzmitteln kommen kann. Damit sich diese Menschen nicht allein gelassen fühlen, müssen wir hier gegensteuern und beruhigend auf die Patienten einwirken. Dieses unkalkulierbare Virus lässt sich nun mal nicht kontrollieren und zeigt uns unsere Grenzen auf. Trotzdem benötigen wir die bestehende Infrastruktur, um weiterhin unsere Arbeit machen zu können. Denn alles herunterzufahren kann nicht die Lösung sein. Auch die anfängliche Überlegung, manche Hospize zu schließen, ist abwegig. Ganz im Gegenteil: Es ist wichtiger denn je, dass alles wie gewohnt weiterläuft. Dabei gehört es zu unserer vorrangigen Aufgabe, den Menschen in unseren Hospizen die Angst zu nehmen, dass sich irgendwann niemand mehr um sie kümmern wird. Hier müssen wir unseren Patienten, die sich der Situation hilflos ausgeliefert fühlen, den psychischen Druck nehmen und für sie da sein.

DOMRADIO.DE: Leben und sterben in Würde, so lautet das Credo des Hospizwesens. Menschlichkeit und Zugewandtheit spielen demnach in Hospizen eine große Rolle. Nun gelten besondere Schutz- und Hygienevorschriften, die körperliche Nähe und Besuche im Hospiz so gut wie unmöglich machen. Wie erleben Sie diese Einschränkungen?

Hennesser: Natürlich halten wir uns auf der Palliativ- und Hospizstation an alle Regeln, um unsere Patienten zu schützen. Dazu gehört auch, dass die vielen Ehrenamtlichen und auch die Klink-Clowns im Moment nicht mehr kommen. Dafür ist das Pflegeteam umso motivierter und kompensiert diesen Personalausfall, der sonst eine große Entlastung ist. Jedenfalls hat sich bisher noch niemand wegen Corona vom Dienst abgemeldet. Es entspricht unserem Selbstverständnis, jeden zunächst einmal als Menschen und nicht als potenzielle Infektionsquelle wahrzunehmen. Diese Aufgabe ist im Moment wichtiger denn je. Wir sollten uns davor hüten, Patienten unnötig in  Panik zu versetzen, auch wenn natürlich jeder für sich sein individuelles Schutzbedürfnis definieren und leben darf.

DOMRADIO.DE: Das heißt, der Betrieb läuft – auch unter den erschwerten Bedingungen – so normal wie möglich…

Hennesser: Nach wie vor gilt: Niemand muss alleine sterben – auch nicht in Zeiten von Corona. Das heißt, auch Besuche sind weiterhin erlaubt, um am Ende des Lebens diese für Sterbende so entscheidende Nähe herzustellen. Denn es gibt ja keinen amtlich verordneten Besucherstopp. Allerdings weisen wir Angehörige bei Neuaufnahmen darauf hin, dass keine größeren Gruppen zulässig sind. Noch einmal: Es ist undenkbar, die Menschen im Hospiz in der Endphase ihres Lebens sich selbst zu überlassen. Sie brauchen dringend unsere Begleitung. Anders gesagt: Die Würde jedes Patienten steht über der Angst vor Corona.

DOMRADIO.DE: Zusätzlich verfügen Sie über ein weites Netz an Begleitangeboten für Angehörige, die ebenfalls Teil der Hospizarbeit sind. Haben Sie unter diesen Umständen überhaupt noch die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen?

Hennesser: Nach wie vor steht unsererseits dieses Gesprächsangebot. Allerdings haben viele ja ohnehin ein Problem mit einem Besuch im Hospiz. Nun können sie sich hinter der Entschuldigung, kein Infektionsträger sein zu wollen und daher die Station aus Rücksichtnahme zu meiden, gut verstecken. Aber wie gesagt: Das fangen wir mit einem wunderbar funktionierenden Pflegeteam auf. Unser Ziel ist und bleibt dasselbe: Jeder Patient soll bis zum Ende in Würde leben können. Dafür sind wir da, und dafür kämpfe ich tagtäglich. Es soll keiner das Gefühl haben, dass sich niemand mehr für ihn interessiert. Das wäre in der jetzigen Situation ein fatales Signal.

DOMRADIO.DE: Als Arzt kämpfen Sie zurzeit an vorderster Front. Was würden Sie aus Ihrer Perspektive den Politikern raten?

Hennesser: Sich mehr noch von Ärzten, die täglichen Umgang mit Patienten haben, und nicht nur einem Expertenstab eher wissenschaftlich tätiger Virologen und Epidemiologen beraten zu lassen. Und anstelle von Verboten auch mal Ermutigendes zu vermitteln. Es wäre so einfach zu sagen: Geht in den Wald, bewegt Euch viel an der frischen Luft und treibt – bei allem gebotenen Abstand – viel Sport! Das ist so wichtig für das Immunsystem und wirkt positiv gegen jede Infektion. Außerdem darf Mut machen, dass wahrscheinlich viele Menschen das Virus längst unbemerkt oder mit leichten Symptomen durchgemacht haben und nie getestet wurden. Damit sinkt der Anteil der schweren Verläufe schon statistisch sehr deutlich.

DOMRADIO.DE: Und Tipps, was die Logistik angeht?

Hennesser: Da meine ich, sollte vor allem die gewohnte Infrastruktur erhalten bleiben und nicht der gesamte Dienstleistungssektor, an dessen Tropf wir im Praxis-, aber auch Krankenhausbetrieb hängen, brach liegen. Um das gesamte System am Laufen zu halten, muss der Computer funktionieren und die Zufuhr an Medikamenten und Medizintechnik gesichert sein. Unsere Arbeit hängt an vielen kleinen Details. Außerdem mahne ich zur Besonnenheit und dazu, auf die Realität zu schauen und nicht auf eigene Umfragewerte zu schielen. Es kann nicht sein, dass der Politiker am meisten Gehör findet, der in den Medien das schlimmste Szenario mit noch drastischeren Maßnahmen überbietet. Der wahre Held ist, wer sich ungeachtet von Corona weiterhin zum Dienst auf Station meldet und seinen Beitrag dazu leistet, dass Menschen wie unsere Sterbenskranken im Hospiz bis zu ihrem letzten Atemzug in Würde leben können.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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