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Prof. Joachim von Braun
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Ein Park ist, bis auf ein Paar, menschenleer
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03.04.2020

Entwicklungsforscher zu Corona und den Folgen "Diese Krise wird ein Umdenken verursachen"

Die Rufe nach einem Ausstiegsszenario aus dem Shutdown werden in Deutschland lauter. Steht das, was wir tun, im Verhältnis zu der Bedrohung durch das Virus? Der Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften gibt Antworten.

KNA: Wie finden Sie die Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung der Pandemie?

Prof. Joachim von Braun (Bonner Entwicklungsforscher und Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften): Insgesamt scheinen mir die Maßnahmen der Bundesregierung zielführend. Die Bundesländer hätten vielleicht kohärenter und harmonischer reagieren können, aber es ist eine besondere Situation und noch nicht an der Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Wir sollten jetzt auch nicht vorschnell an sogenannte Ausstiegsszenarien aus den Maßnahmen denken, sondern erstmal müssen wir es solidarisch schaffen, die exponentiellen Infektionskurven zu überwinden.

KNA: Aktuell wird die Frage nach der Verhältnismäßigkeit gestellt. Lassen sich Ihrer Ansicht nach Kosten und Nutzen irgendwie aufrechnen?

von Braun: Nein, weil wir schon die Frage nach Kosten und Nutzen von Leben und Überleben so einfach nicht stellen sollten. Und auch Nein, weil wir uns in einem sehr dynamischen Prozess befinden.

Unterstützung und Schutz der im Gesundheitssystem und in der Pflege Tätigen und derjenigen, die essenzielle Versorgung sicherstellen, muss vorerst höchste Priorität haben.

KNA: Nach welchen Kriterien ließe sich eine solche Güterabwägung überhaupt vornehmen?

von Braun: Welche "Güter" wägen wir da ab? Der nun von vielen erlittene Einkommensverlust ist natürlich ein Problem und die umfangreichen Hilfen sind erforderlich und gerechtfertigt, insbesondere die auf Arme fokussierten und die für die Belebung unsere Volkswirtschaft strategisch erforderlichen Maßnahmen.

Aber "Güter" wie Leben und Solidarität mit gefährdeten Mitmenschen zum Beispiel abzuwägen gegen Freiheit der Mobilität und Fun wäre eine schreckliche und ethisch abzulehnende Gleichung. Leben und Menschenwürde zu schützen erfordert es auch, dass die dazu erforderlichen Mittel als vom Staat bereitgestellte öffentliche Güter verstanden werden.

KNA: Die Päpstliche Akademie plädiert in ihrer Erklärung für mehr Abstimmung unter den Nationalstaaten. Tatsächlich erleben wir, dass jeder auf eigene Faust handelt - bis hinunter zu den Bundesländern.

Die EU spielt so gut wie keine Rolle. In Ungarn nutzt Premier Viktor Orban die Krise, um die Demokratie auszuhöhlen. In einigen anderen vor allem osteuropäischen Ländern zeichnen sich ähnliche Tendenzen ab. Geht gerade die EU vor die Hunde?

von Braun: Wir haben diesen Trend bereits vor drei Wochen kommen sehen und deshalb in unserer Erklärung der päpstlichen Akademie gesagt: "Wir sind besorgt über den Egoismus und die Kurzsichtigkeit unkoordinierter nationaler Reaktionen. Es ist an der Zeit zu beweisen, dass die 'Familie der Nationen' oder die 'Familie der Völker' (Papst Franziskus) Wertegemeinschaften mit einem gemeinsamen Ursprung und einem gemeinsamen Schicksal sind."

Die EU ist immer nur so stark, wie der gemeinsame Wille ihrer Mitglieder und da erwarte ich, dass der große Wert einer gemeinsamen europäischer Gesundheitspolitik und Wirtschaftspolitik mit der Corona-Krise viel bewusster werden wird.

KNA: Wie beurteilen Sie als Entwicklungs- und Agrarexperte den Umgang mit der Pandemie mit Blick auf die Entwicklungs- und Krisenländer: Lassen wir die Armen der Welt die Zeche bezahlen?

von Braun: Die Pandemie ist die große Gefahr für Entwicklungs- und Krisenländer, wo Flüchtlinge und Slumbewohner konzentriert leben und wo insbesondere die ländlichen Bewohner kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Der Hunger nimmt zu. Wenn die zu erwartenden störenden Folgen für die Nahrungsmittelproduktion und -versorgung nicht gemildert werden, werden vor allem die Armen noch mehr leiden.

Eine Sorge ist, dass jetzt der internationale und nationale Lebensmittelhandel stark gestört wird. Darunter leiden arme Länder und arme Haushalte am meisten. Globale Krisen erfordern kollektives Handeln. Im Sinne der Enzyklika Laudato Si sind die Verhinderung und Eindämmung von Pandemien und auch von Hunger und der Klimaschutz globale öffentliche Güter und der Schutz solcher globaler öffentlicher Güter erfordert verstärkte globale Koordinierung.

KNA: Supermärkte sind "systemrelevant", Gottesdienste sind es nicht - was sagt das über unsere Gesellschaft aus - und halten Sie diese Einschränkung von Grundrechten sowohl mit Blick auf den Einzelnen?

von Braun: Die Kirchen sowie alle Glaubens- und Wertegemeinschaften sind zum Handeln aufgerufen. Eine Lektion, die uns das Virus lehrt, ist, dass Freiheit nicht ohne Verantwortung und Solidarität genossen werden kann. Das heutige Paradoxon besteht darin, dass wir erkennen, dass jeder Mensch genau zu dem Zeitpunkt mit anderen Menschen kooperieren muss, zu dem es notwendig ist, sich aus gesundheitlichen Gründen von allen anderen zu isolieren.

Dieses Paradoxon ist jedoch nur insofern offensichtlich, als der Akt des zu-Hause-Bleibens in Selbstisolierung ein Akt tiefer Solidarität ist. Es geht darum, "den Nächsten wie sich selbst zu lieben".

KNA: Viele Jobs vom Erntehelfer bis zur Altenpflegerin, die jetzt als "systemrelevant" bezeichnet werden, sind äußerst schlecht bezahlt - im Gegensatz zu beispielsweise Managementtätigkeiten, deren gesellschaftlicher Wert nicht immer direkt zutage tritt. Glauben Sie, dass wir nach der Krise zumindest in Teilen ein Umdenken in der Form unseres Wirtschaftens erleben werden, dass es möglicherweise gerechter zugeht auf der Welt?

von Braun: Ich denke diese Krise wird zumindest für einige Zeit ein Umdenken verursachen. Wenn Corona unter Kontrolle ist, können wir nicht mehr zur Tagesordnung übergehen. Eine gründliche Überprüfung von Weltanschauungen, Lebensstilen und auf das Kurzfristige fokussierte wirtschaftliche Bewerten muss unternommen werden, um den Herausforderungen des Anthropozän zu begegnen.

Eine verantwortungsbewusstere, mehr teilende, gleichberechtigte, fürsorglichere und gerechtere Gesellschaft ist erforderlich, wenn wir überleben wollen.

Das Interview führte Joachim Heinz.

(KNA)

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