28.03.2020

Was die Geschichte zum Umgang mit Seuchen lehren kann Seismografen der Gesellschaft

Heute Corona, früher die Pest, die Spanische Grippe oder Ebola - derartige Vergleiche sind momentan häufig zu hören. Fachleute versuchen, aus früheren Epidemien zu lernen. Zugleich warnen sie vor Verallgemeinerungen.

Aus dem Alltag der westlichen Länder sind zahlreiche Infektionskrankheiten fast verschwunden - durch Impfprogramme und Vorsorge. Internationale Hilfswerke haben dagegen Erfahrung mit akuter Bekämpfung von Seuchen.

Praktisch lässt sich daraus einiges für die heutige Lage ableiten, erklärt der Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor, Martin Bröckelmann-Simon. Die wichtigste Erfahrung aus der Ebola-Epidemie, die ab 2014 mehrere westafrikanische Länder heimsuchte, sei gewesen: "Je eher wir handeln, desto besser."

Lehren aus der Ebola-Epidemie

Misereor versuche derzeit, Partner vor Ort zu stärken, damit sie einer Ausbreitung des Coronavirus möglichst wirkungsvoll begegnen könnten. Dass viele afrikanische Länder trotz vergleichsweise niedriger Fallzahlen bereits Ausgangsbeschränkungen angeordnet haben, bezeichnet Bröckelmann-Simon als eine der Lehren aus der Ebola-Epidemie. Nun gehe es darum, möglichst viele Angebote über Internet und Telefon aufrecht zu erhalten.

Derartige Lehren können hilfreich sein. Auch Mediziner suchen nach Schnittmengen, gerade bei neuartigen Viren wie dem derzeit grassierenden Coronavirus. Aus virologischer Sicht ist es vergleichbar mit jenem Virus, das vor gut 100 Jahren die Spanische Grippe auslöste.

Historiker Malte Thießen warnt jedoch vor einfachen Gleichsetzungen. Die gesellschaftlichen Bedingungen seien damals völlig andere gewesen. "Das betrifft die Gesundheitssysteme, die Probleme im Europa im und nach dem Ersten Weltkrieg, die Kommunikationswege."

Die Geschichte tauge selten für einfache Handlungsanleitungen, mahnt der Wissenschaftler, der unter anderem einen Forschungsband zur Sozial- und Kulturgeschichte europäischer Seuchen in der Moderne veröffentlicht hat. Seine Beobachtung: "Solche Vergleiche bringen kaum Erkenntnisse, sondern sorgen eher für Panik."

Epidemien stets als etwas Fremdes wahrgenommen

Im Umgang mit bedrohlichen Krankheiten gibt es indes Phänomene, die sich kaum verändern. So seien Epidemien stets als etwas Fremdes wahrgenommen worden, sagt Thießen. "Man verortete die Seuche in ungesunden und unzivilisierten Gesellschaften oder Gegenden, griff zu Stereotypen: die Ungesunden, die Unsauberen, die Migranten, die Randgruppen."

Bis heute blieben Seuchen in dieser Hinsicht auch Seismografen der Gesellschaft - und rückten kaum an den eigenen Nahbereich heran.

Aus Sicht des Historikers sollte sich die heutige Gesellschaft davor hüten, Stereotype und Ausgrenzungen als Auswüchse eines "finsteren Mittelalters" abzutun. Bei den historischen Pestausbrüchen sei es etwa zu Pogromen gegen jüdische Menschen gekommen.

"Made in China"?

Die Mechanismen, die zu solchen Reaktionen führen, funktionierten heute genauso, sagt Thießen: "Zu Beginn der Corona-Krise titelte der 'Spiegel' zum Beispiel 'Made in China'. Menschen meinten, ach, typisch, die Chinesen, die futtern Fledermäuse und bringen uns eine Seuche." Auch US-Präsident Donald Trump bezeichnete Corona als "Chinese disease".

Menschen mit asiatischem Migrationshintergrund berichteten bereits Anfang Februar von Anfeindungen und Beschimpfungen - als sich noch kaum jemand vorstellen konnte, wie stark das Virus das hiesige Leben beeinflussen würde. Thießen: "Mit solchen Zuschreibungen lenken wir von den eigentlichen Problemen, aber auch von den Handlungsmöglichkeiten ab." Entscheidend sei, Probleme zu benennen - den Menschen aber auch zu erklären, wie sie sich angemessen verhalten könnten.

Zur Aufklärung beitragen will auch das Deutsche Medizinhistorische Museum (DMM) in Ingolstadt - und zeigt aktuell eine Digitalschau über den Umgang mit Seuchen. Das Coronavirus selbst sei neuartig, sagte DMM-Direktorin Marion Ruisinger dazu im Kulturkanal Ingolstadt. "Gleichzeitig ist es etwas sehr Altes - das Phänomen, dass die Gesellschaft sich mit einer Seuche arrangieren muss."

Eins habe sich im Vergleich zu früheren Krankheitsausbrüchen doch verändert, so Ruisinger: Im Angesicht der Pest hätten sich die Menschen zumeist nicht solidarisch verhalten; vielmehr seien aus Angst vor dem allgegenwärtigen Tod sogar engste soziale Bande gerissen. Dagegen, sagt die Expertin, seien heute viele neue Formen des Zusammenhalts zu beobachten.

Paula Konersmann
(KNA)

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