Leerer Kölner Dom
Leerer Kölner Dom

17.03.2020

Kirchenhistoriker über den Ausfall von Gottesdiensten Einmalig in der Geschichte

Gab es das schon einmal? Keine Messen mehr im gesamten Erzbistum Köln? Der Historiker Joachim Oepen hat tief in die Geschichte geblickt und festgestellt, dass die Corona-Notlage in dieser Hinsicht einmalig zu sein scheint.

DOMRADIO.DE: Ausgefallene Sonntagsgottesdienste im Kölner Dom - haben wir das schon mal erlebt?

Dr. Joachim Oepen (Stellvertretender Direktor der historischen Archivs im Erzbistum Köln): Soweit ich informiert bin, haben wir das bislang nicht erlebt. Insofern ist das wirklich was Neues, dass nicht nur im Kölner Dom, sondern im gesamten Erzbistum die Gottesdienste komplett ausfallen.

DOMRADIO.DE: Aber es ist ja jetzt nicht das erste Mal, dass wir eine Krisensituation erleben. Ich würde als erstes an den Zweiten Weltkrieg denken. Köln lag in Schutt und Asche. Dann gab es trotzdem jeden Sonntag Gottesdienst im Dom?

Oepen: Genau. Die Gedanken gehen da unweigerlich in Richtung des Zweiten Weltkriegs. Da gab es natürlich massive Einschränkungen des Gottesdienstes. Schon 1940 gab es Luftschutz- und Verdunklungsbestimmungen, die zu einer enormen Reduktion des kirchlichen Lebens führten. Genauso gehörten das Einschränken des Läutens von Kirchenglocken dazu.

Das waren zwar einschneidende Maßnahmen, aber es ist eben nicht so, dass die Gottesdienste völlig ausgefallen sind. Das Ganze hat sich dann im Laufe des Krieges ohnehin verschärft: Gegen Ende des Jahres 1940 gab es einen Führerentscheid, dass Gottesdienste nach nächtlichem Fliegeralarm erst ab 10 Uhr beginnen sollten, völlig zum Unverständnis der Bischöfe und der Gläubigen.

Es ging dann darum, so wurde es begründet, dass die Bevölkerung ausruhen solle nach nächtlichen Fliegerangriffen. Aber im Fortgang des Krieges gab es dann natürlich auch die weitere Einschränkung der Gottesdienste, bedingt durch die Luftangriffe und die damit verbundenen Zerstörungen der Kirchen.

DOMRADIO.DE: Wenn wir in die Geschichte der Seuchen gucken, dann drängt sich der Vergleich zur Pest auf, die im Mittelalter auch Köln im Griff hatte. Welche Auswirkungen gab es damals auf die Gottesdienste?

Oepen: Auch wenn sich der Gedanke an die Pest, an den Schwarzen Tod, förmlich aufdrängt, muss man da beim Vergleich noch einmal ein bisschen aufpassen. Die Konsequenzen der Pest waren ungleich schlimmer als das, was wir jetzt erleben. Bis zu einem Drittel der Bevölkerung wurde bei solchen Pestepidemie ausgerottet.

Die Pest bricht gegen 1347/48 über ganz Europa herein, und dann gibt es immer wieder bis ins 19. Jahrhundert größere oder kleinere Pestwellen. Aber man ist erstaunt, es ist genau das Gegenteilige passiert, wie jetzt. Es gibt beispielsweise in Florenz von der Stadtregierung Anordnungen, dass Kneipen, Hospize, Bordelle und Bäder geschlossen werden. Aber umgekehrt wurden Prozessionen, Heiligenfeste, Massengottesdienste, öffentliche Buß- und Pilgerfahrten nicht nur zugelassen, sondern sogar teilweise von Seiten der Regierenden angeordnet oder sogar gefödert.

DOMRADIO.DE: Ein Widerspruch!

Oepen: Eben, es ging aber in den vormodernen Zeiten um eigentlich eine ganz logische Konsequenz: Man wollte Gottes Zorn besänftigen, den man mit solchen Seuchen über sich gekommen sah. Und schlichtweg waren natürlich die wissenschaftlichen Erkenntnisse andere als heute. Man war sich ja nicht ansatzweise der Übertragungswege der Pesterreger bewusst. Das ist ja erst 1894 durch die Entdeckung von Louis Pasteur passiert, und insofern ist man eigentlich fast zielgerichtet in die Falle gelaufen.

Heute können wir froh sein, dass wir da wissenschaftlich auf einem ganz anderen Stand stehen. Man kann sogar feststellen, dass es durch die Pest geradezu zum Aufschwung der Frömmigkeit kommt. Denken Sie an so Pestheilige wie Rochus und Sebastian oder - eigentlich eine völlige Ironie - die Passionsspiele in Oberammergau, die es seit 1634 gibt. Damals wütete auch die Pest in Oberammergau, und die Menschen haben da ein Gelübde abgelegt, wenn niemand mehr an der Pest stirbt, will man alle zehn Jahre die Passionsspiele vom Leiden und Sterben Christi aufführen. Die Ironie liegt darin: Gerade in diesem Jahr sind die Oberammergauer Passionsspiele aufgrund der momentanen Pandemie in Gefahr.

DOMRADIO.DE: Inzwischen gibt es von zuhause oder unterwegs die Möglichkeit, live übertragene Gottesdienste wie bei DOMRADIO.DE oder über Facebook-Stream zu verfolgen, wie hat man das früher gemacht, wenn Gottesdienst so nicht möglich war?

Oepen: Da finde ich, ist es noch mal interessant, sich das in der Zeit des Zweiten Weltkriegs anzugucken, gerade zum Ende des Krieges. Ich finde, aus heutiger Sicht ist es schon beeindruckend, wie man da trotz aller Aussichtslosigkeit und auch aller drohender Gefahren - Luftangriffe - vor allem in den Städten sich nicht hat entmutigen lassen, auch unter widrigsten Umständen noch den Gottesdienst für die Menschen, die noch in einer Stadt lebten, durchzuführen.

Und da gibt es wirklich ganz beeindruckende Beispiele. In dem Tagebuch des damaligen Kölner Stadtdechanten Grosche beispielsweise, der bis zum Kriegsende in dem zerstörten und durch Bomben umgepflügten Köln ausharrt. Oder ich habe mich mal mit der Geschichte der Kirche Sankt Johann Baptist in Köln (heute CRUX Jugendkirche) beschäftigt. Da war nach ersten Zerstörungen 1941 die Pfarrkirche schon nicht mehr nutzbar. Man hat dann immer wieder neue sogenannte Notkirchen aufgemacht, an irgendwelchen Orten, größeren Räumen in der Gemeinde, und zwar zwischen 1943-45 insgesamt siebenmal.

Man sieht, wie man da wirklich fantasievoll und kreativ war, um irgendwie das gottesdienstliche Leben noch so gut es ging, aufrecht zu erhalten. Ich finde, da gibt es schon die Möglichkeit, die Lage mit heute zu vergleichen. Heute haben wir Beschränkungen anderer Art. Wir dürfen uns eben nicht versammeln. Aber auch da kann man alternative Not-Formen statt Notkirchen finden: Übertragungen im Internet oder eben auch bei DOMRADIO.DE.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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