Hektik im Alltag
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Bibellektüre
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13.03.2020

Mit dem Coronavirus schlägt auch die Stunde der Entschleunigung "Chefhektiker werden Probleme haben"

Eine mögliche Corona-Quarantäne oder Zustände wie in Italien sorgen bei vielen Menschen für ein mulmiges Gefühl. Warum das so ist und was man in unsicheren Zeiten lernen kann, erklärt ein Zeitforscher.

Bange Blicke richten sich derzeit auf Italien. Dort ist zu besichtigen, was viele Menschen in modernen Gesellschaften fürchten: Stillstand, Entschleunigung. Zwangsweise und nicht freiwillig in der Art, dass man mal für ein paar Tage eine Auszeit im Kloster oder auf einer Ostseeinsel verbringt.

In Familien, Freundeskreisen, unter Kollegen und Nachbarn fragt man sich: Was wäre wenn? Wenn jemand tatsächlich krank würde oder zur Beobachtung zwei Wochen lang in Quarantäne müsste. Wenn vielleicht wie in Italien der Bewegungsradius derartig eingeschränkt wäre, dass soziale Kontakte und Aktivitäten auf ein Minimum reduziert würden. Es entsteht ein mulmiges Gefühl.

Problem mit dem Faktor Zeit

Ein Grund dafür dürfte der Faktor Zeit sein. Im Fall der Fälle könnte all das wegfallen, womit zahlreiche Menschen ihre Tage füllen: zur Arbeit gehen, gemeinsam zu Mittag essen, Hobbys und Verpflichtungen nachgehen, Kinder aus Kindergärten und Schulen abholen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Gäste empfangen und Einladungen annehmen, Restaurants, Cafes und Kneipen besuchen, Sport und Kultur genießen.

Wenn das wegfiele, träfe das die Leute schockartig, sagt Zeitforscher Karlheinz Geißler aus München.

Eine aufgezwungene und abrupte Entschleunigung verunsichere viele Menschen, so der Experte, der auch ein Institut für Zeitberatung führt. "Wir kennen zwar Oasen der Entschleunigung wie Urlaub, aber dass wir unseren Alltag entschleunigen sollen, ist ungewohnt." Es steht die Frage im Raum: Was soll man mit der Zeit anstellen? Die Sorge macht sich breit, es könne einem die Decke auf den Kopf fallen.

"Unsere Gesellschaft schätzt die schnelle Zeit", sagt Geißler. "Wir sind eine Aktivitätsgesellschaft." Das werde durch die Wirtschaft und das Diktum des Wachstums gefördert. Abgebremste Zeit dagegen, die nicht dicht oder gar nicht gefüllt sei, werde "diskriminiert", so Geißler. "Das rächt sich jetzt." Viele Menschen hätten nie gelernt, unterschiedliche Arten von Zeit zu kultivieren - also hin und wieder Langsamkeit oder Langeweile zuzulassen.

Das Coronavirus und der Kampf gegen seine weitere Ausbreitung könnte Menschen möglicherweise dazu zwingen, die bislang "diskriminierte" Zeit auszuleben. "Wir müssen neu lernen, dass wir Teil der Natur sind und nicht wir sie beherrschen, sondern sie uns", betont Geißler. "Wir haben die Natur nicht im Griff." Diesem "Größenwahn" dürfe man sich nicht ausliefern.

Die Frage der Stunde lautet aus Geißlers Sicht: Was kann ich alles sein lassen? Er rät zu "Let-it-be-Listen". Und: "Wir haben jetzt die Gelegenheit zu lernen, durch den Verzicht zu gewinnen." Das könne etwa bedeuten festzustellen, welche Menschen einem wirklich wichtig seien und welche Kontakte nicht weiter unterhalten werden müssten.

Chefhektiker werden ihre Probleme haben

Ihm selbst zum Beispiel mache Angst, dass etwa in der Quarantäne die Begegnung mit Menschen wegfiele und man sich über einen gewissen Zeitraum nicht treffen könne, sagt Geißler. Auch, wenn sich das zumindest ein Stück weit über digitale Medien oder häufigeres Telefonieren kompensieren ließe.

Im Fall von Quarantäne oder anderer Abschottung seien Menschen im Vorteil, die mit sich selbst etwas anzufangen wüssten. Wer das nicht könne, werde nichts bei sich finden. "Die Chefhektiker werden ihre Probleme haben", betont Geißler. Begünstigt seien auch religiöse Menschen, etwa Ordensleute, die Rituale und feste Abläufe kennten. "Die Kirche hat den Beschleunigungsschub nicht mitgemacht."

Schon jetzt sei es so, dass angesichts von abgesagten Dienstreisen, Terminen und Veranstaltungen die "Herrschaft des Terminkalenders" bröckele. Auf lange Sicht gesehen, sagt Geißler, gehe er davon aus: "Wir werden eine andere Gesellschaft sein. Wir werden eine spontanere Gesellschaft." Zugleich hofft der Zeitforscher auf die Lust an mehr Langsamkeit und Bewusstheit: "Zeit sollte nicht wegorganisiert werden." Im Grunde sei es eine "Unverschämtheit" zu sagen, man habe für eine Begegnung mit jemandem keine Zeit. "Es lohnt sich manchmal nicht, keine Zeit zu haben."

Leticia Witte
(KNA)

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