Coronavirus fordert Seniorenheime in Berlin heraus

Mit Vorsicht und Augenmaß gegen das Virus

Alte und geschwächte Menschen gelten als besonders gefährdet durch das Coronavirus. Bei ihnen ist ein schwerer Krankheitsverlauf wahrscheinlicher. Wie gehen Altenheime mit der Sondersituation um? Ein Blick nach Berlin.

Symbolbild Altenpflege (shutterstock)

In vielen Familien sind die Großeltern fester Bestandteil der Kinderbetreuung. Doch diese Hilfsbereitschaft könnte in Zeiten des Coronavirus problematisch werden. Denn: Ältere Menschen gehören zur Risikogruppe, vor allem über 80-Jährige. Die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs ist bei ihnen deutlich höher. Kinder hingegen überstehen laut einer aktuellen Studie eine Corona-Infektion meist problemlos, mitunter sogar ohne Symptome. Das bedeutet: Sie können das Virus unbemerkt übertragen.

Der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charite, Christian Drosten, erklärte Anfang der Woche: "Wir müssen die Bevölkerung jenseits des Rentenalters wirklich schützen. Kinder sollten ab jetzt bis September oder Oktober nicht mehr zur Betreuung zu Oma und Opa." Und was ist, wenn die Großeltern im Altenheim sind? Sind Besuche dort dann auch tabu? In Frankreich und Belgien ist genau das inzwischen offiziell der Fall.

Augenmaß und Verhältnismäßigkeit

Die Sprecherin der Caritas Altenhilfe in Berlin, Claudia Appelt, rät zu Augenmaß und Verhältnismäßigkeit: "Es ist wichtig, dass wir unsere Bewohnerinnen und Bewohner schützen. Wir müssen auf alles vorbereitet sein." Ein von Tag zu Tag entscheidender Krisenstab mit Experten koordiniere, wie die Häuser der Caritas Altenhilfe mit "dem ernstzunehmenden Risiko" umgehen. Momentan liege der Fokus in den 8 stationären Seniorenheimen, 16 ambulanten Einrichtungen und 4 Tagespflegen auf präventiven Maßnahmen. Doch die Hygienestandards dort seien generell hoch, erklärt Appelt. Händewaschen, Abstand halten und der "Nies-Knigge" seien immer einzuhalten. An den Eingängen und zentralen Stellen der Heime gebe es Aushänge.

"Klar ist", so Appelt, "wenn es eine Ansteckung in einem Seniorenheim gibt, kommt sie höchstwahrscheinlich von außerhalb". Tritt der Fall ein, seien die Heime gewappnet. Versorgungsengpässe - sprich zu wenig Desinfektionsmittel oder Gummihandschuhe - gebe es derzeit nicht. Anders sei es mit Atemschutzmasken. Jedes Pflegeheim müsse für alle Fälle ein Zimmer für Quarantäne bereitstehen haben.

Bedeutung sozialer Kontakte

"In Berlin-Reinickendorf gibt es nach Anweisungen eines Amtsarztes ein erstes Gebot eines Besucherstopps", so Appelt. Wie alles hat auch diese Medaille zwei Seiten: "Besucher und Angehörige haben positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohner." Falle der Besuch weg, drohten ältere und kranke Menschen einsam zu werden. Soziale Kontakte seien "oft positive Impulse für die Senioren".

Doch die Träger müssten auch weiterdenken, betont Appelt. Wenn Schulen oder Kindergärten geschlossen würden, erfordere dies unter Umständen "spontanes Eigenengagement". Soll heißen: "Es kann theoretisch sein, dass ich morgen eine Gruppe von Kindern von Mitarbeitern betreuen werde, damit sie weiter arbeiten und den Pflegebetrieb am Laufen halten."

Kommt ein Besuchsverbot?

Zum Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gehören 91 ambulante und 113 stationäre Pflegeeinrichtungen, 70 Tagespflegen und 15 Seniorenwohnstätten in Berlin und Brandenburg. Corona fordert auch dort die Mitarbeiter, berichtet Sprecherin Susanne Gonswa. Das Personal überarbeite bestehende Pandemiepläne: "Impfungen gegen Pneumokokken und Keuchhusten für chronisch Kranke oder Personen über 60 Jahren werden empfohlen, um Komplikationen im Falle einer Corona-Erkrankung zu reduzieren".

Ob die Bundesregierung ein Besuchsverbot für Seniorenheime verhängen wird, ist ungewiss. Möglich ist es. Ein abgestimmtes Vorgehen ist sinnvoll, darin sind sich die Experten einig. Dennoch herrscht viel Unsicherheit. In einem Punkt scheinen die Alten den Jüngeren in Sachen Corona überlegen zu sein: Mit der Diskussion um das Virus gehen gerade Hochbetagte "relativ entspannt um", sagt die Alterswissenschaftlerin der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin, Claudia Schacke. Der Grund: Sie seien lebenserfahren und hätten schon andere Krisen mitgemacht.

Autor/in:
Christian Michael Hammer
Quelle:
KNA
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