27.05.2015

Essener Generalvikar über Vatikan-Äußerungen zur Homo-Ehe Parolin-Formulierung "völlig unangemessen"

Der Vatikan-Kardinalstaatssekretär hat die Zustimmung der Iren zur Homosexuellen-Ehe als "Niederlage für die Menschheit" bezeichnet. Statt "brachialer Formulierungen" fordert nun der Essener Generalvikar Pfeffer Diskussionsbereitschaft der Kirche.

domradio.de: Der Ausgang des Referendums in Irland sei eine "Niederlage für die Menschheit", sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in Rom. Ist das eine Einzelmeinung?

Msgr. Klaus Pfeffer (Generalvikar Bistum Essen): Das kann ich nicht so ganz einschätzen. Beim Hören dieser Nachricht habe ich erst einmal einen Schrecken bekommen, weil ich diese Formulierung für sehr brachial halte. Niederlagen für die Menschheit sind für mich andere Dinge. Dinge, die mit Gewalt, Terror, Krieg und Unmenschlichkeit zu tun haben. Eine solche Formulierung in Zusammenhang mit Homosexualität und all den Fragen dazu ist völlig unangemessen.

domradio.de: Tut Parolin damit dem Anliegen der Kirche einen Gefallen?

Generalvikar Pfeffer: Leider nicht. Ich befürchte, dass wir dadurch als katholische Kirche weltweit den sehr unangenehmen Eindruck erwecken, dass wir nicht in der Lage seien, uns mit den Lebensrealitäten der Menschen in der heutigen Zeit wirklich ernsthaft auseinanderzusetzen und nicht immer nur, wie in diesem Fall, in einer sehr brachialen Art und Weise auf Distanz und Abwehr zu gehen. Ich halte es für wichtig, sich auseinanderzusetzen mit den Entwicklungen, die wir heute erfahren - auch in Beziehung auf die Art und Weise, wie Menschen miteinander zusammenleben, auch mit dem Umgang mit den unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen.

domradio.de: Wie kann Kirche denn mit dem Thema umgehen, ohne Homosexuelle zu verletzen?

Generalvikar Pfeffer: Indem sie sich mit ihnen auseinandersetzt und beschäftigt. In unserem Bistum führen wir gemeinsam mit unserem Bischof in jedem Jahr Gespräche mit Vertretern von Schwulen- und Lesben-Organisationen, um mit ihnen über ihre Sorgen und Fragen ins Gespräch zu kommen. Wir kommen ja aus einer Zeit, wo es nicht nur in der Kirche, sondern gesamtgesellschaftlich ganz viel Unsicherheiten und Abwehrreaktionen gegenüber homosexuellen Orientierungen gab. Genährt auch aus einer Geschichte, in der man humanwissenschaftlich viel zu wenig darüber wusste und eher das Gefühl hatte, dass es sich um etwas Abnormes handele. Noch bis in die 70er Jahre galt Homosexualität ja offiziell noch als Krankheit. Das muss man alles im Hinterkopf haben. Auch, wie viele Ängste damit verbunden sind, und dass es vielen Menschen nach wie vor schwer fällt, sich vorzustellen, dass es eine solche Orientierung bei Menschen gibt, die nicht anerzogen ist, die nichts mit Krankheit zu tun hat oder abnorm ist. Sondern ein Teil menschlicher Wirklichkeit. Da müssen wir anders mit umgehen und drüber nachdenken, als das in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten der Fall war.

domradio.de: Was ist der Kirche in dieser Frage der Ehe wichtig?

Generalvikar Pfeffer: Die Kirche hat die große Sorge, dass in dieser Diskussion die Bedeutung der traditionellen Ehe etwas gemindert wird. Ich teile diese Sorge nicht wirklich, weil ich nicht den Eindruck habe, dass homosexuelle Menschen die große Mehrheit in unserer Gesellschaft bilden, oder tatsächlich das klassische Familienbild abdrängen würden. Aber innerhalb der Diskussion ist es der Kirche einfach wichtig, auf die Werte von Ehe und Familie aufmerksam zu machen. Darauf, dass nur Mann und Frau miteinander tatsächlich Eltern im klassischen Sinn sein und ihren Kindern Vater und Mutter bieten können. Ich glaube, dass man tatsächlich über manche Fragen diskutieren muss.

Auch über das Adoptionsrecht bei Schwulen und Lesben. Ich glaube nämlich nicht, dass es egal ist, ob Kinder zwei Mütter oder zwei Väter haben, sondern dass es von hoher Bedeutung ist, dass ich als Kind aufwachse in einer Familie mit Mutter und Vater. Und mich an beiden in unterschiedlicher Weise orientieren kann. Das sind die Punkte, über die man diskutieren und streiten muss. Da ist es wichtig, dass die katholische Kirche ihre eigene Position einbringt. Das kann sie aber nur, in dem sie ein guter Gesprächs- und Diskussionspartner ist.

Das Interview führte Christian Schlegel.

(dr)

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