Der zweite Mann im Vatikan und das irische Ja zur "Homo-Ehe"

Wirbel um einen Halbsatz aus Rom

Mit ganzen vier Worten hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in der europaweiten Debatte um die Ehe eine Welle der Kritik an der Position der katholischen Kirche ausgelöst.

Pietro Kardinal Parolin (dpa)
Pietro Kardinal Parolin / ( dpa )

Der Anlass war ein ganz anderer, die Wirkung umso heftiger: Am Rand einer Veranstaltung, in der es eigentlich um die Kritik am globalen Kapitalismus ging, kommentierte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin am Dienstagabend vor Journalisten das irische Ja zur "Homo-Ehe". Er tat sich hörbar schwer mit der Einordnung und sagte: "Mich hat dieses Ergebnis sehr traurig gemacht. Natürlich muss ... sich die Kirche mit diesen Gegebenheiten auseinandersetzen ... Sie muss ihre Bemühungen verstärken, die Botschaft des Evangeliums in der heutigen Kultur zu verkünden. Ich glaube, es ist nicht nur - man kann es eine Niederlage nennen - eine Niederlage der christlichen Grundsätze, sondern eine Niederlage der Menschheit."

Der in niedergeschlagenem Ton vorgetragene Versuch einer Einordnung des irischen Votums hat in vielen Ländern ein lebhaftes, fast durchgängig kritisches Echo ausgelöst. Besonderen Stellenwert hat der Vorgang deshalb, weil nicht irgendein Bischof gesprochen hat, sondern der Kardinalstaatssekretär. Er ist in der Hierarchie des Heiligen Stuhls gewissermaßen der Regierungschef des Papstes; in politischen und diplomatischen Fragen ist er die unbestrittene Nummer zwei nach dem Papst.

Seine Äußerung bewegte sich denn auch weniger auf der Ebene der Moraltheologie. Dazu hätte sich von Amts wegen eher der Präfekt der Römischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, äußern können. Bei Parolin geht es vielmehr um die Ebene der Gesetzgebung und der internationalen Beziehungen. Die vom Kardinalstaatssekretär geführten Vatikanbotschafter, die sogenannten Nuntien, sorgen dafür, dass die katholische Kirche in fast jedem Land der Erde ihre Position in Grundsatzfragen deutlich macht, die über den persönlichen Glauben hinausgehen und das gesellschaftliche Zusammenleben und die Gesetzgebung betreffen.

Wann immer der Heilige Stuhl in dieser Weise Kriege, wirtschaftliche Ausbeutung oder Menschenrechtsverletzungen geißelt, sind seine quasi politischen Interventionen in der Öffentlichkeit willkommen. Aber wenn die Kirche ihre Stimme gegen gesellschaftspolitische Liberalisierungen wie Scheidung, straffreie Abtreibung oder jetzt die Einführung der "Homo-Ehe" erhebt, werden solche Wortmeldungen aus dem Vatikan oft als Einmischung in staatliche Angelegenheiten zurückgewiesen und kritisiert. In Italien war dies in aller Härte in den 1980er Jahren der Fall, als per Volksabstimmung - gegen den erklärten Willen des Papstes und gegen die Abstimmungsempfehlung der Kirche - Scheidung und Abtreibung legalisiert wurden.

In Irland hatten sich die von sexuellen Missbrauchsskandalen im Klerus arg gebeutelten katholischen Bischöfe im Wahlkampf vor dem Referendum zur "Homo-Ehe" auffallend zurückgehalten. Sie wussten selbst, dass ihr moralischer Kredit derzeit weitgehend aufgebraucht war. Auch im Nachhinein schimpften sie nicht lautstark, und Erzbischof Diarmuid Martin (Dublin) rief die Kirche auf, sich mit den neuen Realitäten auseinanderzusetzen.

In Deutschland distanzierte sich am Mittwoch der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, von Parolins Formulierung. Im Kölner domradio nannte er die Worte des Kardinalstaatssekretärs "völlig unangemessen". Auf diese Weise erwecke die Kirche den Eindruck, dass sie nicht in der Lage sei, sich mit den Lebensrealitäten der Menschen ernsthaft auseinanderzusetzen, und sich darauf beschränke, "in einer sehr brachialen Art und Weise auf Distanz und Abwehr zu gehen".


Quelle:
KNA