Auch Frauen im Bistum Essen rufen zum Streik auf

"Die Kirche als solches umarmen wir trotzdem"

Für eine Woche im Mai treten Frauen unter der Aktion "Maria 2.0" in Münster in Kirchenstreik. Sie legen ihre Arbeit nieder und protestieren damit gegen die Strukturen in der Amtskirche. Im Bistum Essen schließen sich nun weitere Frauen an.

Frauen in der Kirche / © Harald Oppitz (KNA)
Frauen in der Kirche / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie rufen zum Kirchenstreik auf, aber nicht Sie alleine. Wer denn genau?

Elisabeth Hartmann-Kulla (kfd-Mitglied und Ehrenamtliche in St. Gertrud, Bochum-Wattenscheid​): Ich hoffe, dass es ganz viele sind. Wir sind dabei uns zu vernetzen. Angefangen hat es mit einer Frauengruppe aus der Heilig-Kreuz-Pfarrei in Münster. Die haben im Internet, in den sozialen Medien, im Februar schon zu der Aktion Maria 2.0 aufgerufen. Das fing mit einer Petition an den Papst an, die man online übrigens immer noch unterschreiben kann. Darin enthalten sind Fragen an den Papst und durchaus auch Anklagen, was die derzeitige Situation der Kirche angeht.

Beides hat das Anliegen, wir wollen handeln und nicht nur reden und schreiben. Die Münsteraner haben zu diesem Kirchenstreik vom 11. bis 18. Mai in diesem Jahr aufgerufen. Als ich das in den sozialen Medien gelesen habe, habe ich gedacht, das machst du publik und da sprichst du Frauen an, mit denen du ehrenamtlich zu tun hast.

DOMRADIO.DE: Nicht nur reden und schreiben, sondern auch handeln, sagten Sie. Mit dem Brief an Papst Franziskus ist die Petition gemeint, oder?

Hartmann-Kulla: Das ist richtig. Das ist ein Brief an Papst Franziskus, in dem Frauen und auch Männer – natürlich alle die, die unterzeichnen – den Papst noch einmal darum bitten, sich anzusehen, was in der Kirche passiert und die berechtigten Forderungen von Frauen auch ernst zu nehmen. Das gilt natürlich dann in erster Linie für die Kirche in unserem Land, aber natürlich ist auch immer das Argument der Weltkirche sehr schnell dabei.

DOMRADIO.DE: Sie haben auch gesagt, Männer können die Petition mit unterschreiben. Streiken denn auch Männer mit oder geht es nur um das, was die Frauen bei Ihnen in der Pfarrei eigentlich machen würden?

Hartmann-Kulla: Es geht in erster Linie darum, dass wir Frauen zeigen wollen, was alles nicht mehr passiert, wenn Frauen ihr ehrenamtliches Engagement in der Kirche einstellen. Das heißt hier im Kolumbarium ganz konkret, dass das Trauercafé nicht stattfinden wird. Weiterhin schließen wir Ehrenamtlichen immer am Abend das Kolumbarium ab, auch das wird nicht stattfinden. Das heißt, die Kirche wird schon mittags von den Hauptamtlichen abgeschlossen. Der Gottesdienst, der in der Woche geplant ist, wird nicht im Kolumbarium stattfinden, sondern draußen auf dem Kirchplatz. Wir betreten die Kirche eben vom 11. bis zum 18. Mai nicht.

DOMRADIO.DE: Maria 2.0 heißt die Aktion. Was hat es mit dem Motto auf sich?

Hartmann-Kulla: Ich zitiere mal aus der Petition: "Frauenlob wird gerne von Kirchenmänner gesungen, die aber allein bestimmen, wo Frauen ihre Talente in der Kirche einbringen dürfen. In ihrer Mitte dulden sie nur eine Frau, Maria, auf ihrem Sockel. Da steht sie und darf nur schweigen. Holen wir sie vom Sockel in unsere Mitte. Als Schwester, die in die gleiche Richtung schaut, wie wir. Nicht mehr und nicht weniger." Also Maria, als diejenige, die wirklich als Frau in der Kirche ohne Wenn und Aber anerkannt ist. Wir Frauen bekommen zugewiesen, was wir tun dürfen und was nicht. Da nehmen wir Maria mit in unsere Mitte und ich denke, sie wäre sicherlich solidarisch mit uns, wenn sie dabei wäre.

DOMRADIO.DE: Was genau ist denn Ihr Ziel? Was soll der Streik bringen?

Hartmann-Kulla: Unser Ziel ist, aufmerksam zu machen. Das ist natürlich etwas, was wir auch mit vielen Kritikern und Kritikerinnen, die es durchaus gibt, immer wieder diskutieren. Natürlich weiß mittlerweile, hoffe ich, fast jeder, was es mit dem Missbrauchskonflikt auf sich hat – ebenso mit dem Pflichtzölibat und auch mit der Verweigerung der Ämter für Frauen in der Kirche. Wir wollen aufmerksam darauf machen, dass wir nicht mehr einverstanden sind mit dem Umgang. Wir wollen nicht nur reden und schreiben, sondern auch handeln.

Es hat auch so ein bisschen was für unsere eigene Psychohygiene. Wir haben für uns das Gefühl, wir gucken nicht nur zu, wir dulden nicht nur, sondern wir handeln jetzt auch, indem wir eben streiken, es öffentlich machen und uns aussetzen. Ein weiser Mann hat mal gesagt: "Wer sich einsetzt, setzt sich aus". Das wird tatsächlich passieren – ich erzählte ja gerade schon von den Kritikerinnen und Kritikern. Aber wir können hinterher wenigstens sagen, wir haben etwas getan.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, dass es die Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz denn interessiert und sie mitbekommen, wenn sie als Frauen da keinen Fuß in die Kirche setzen?

Hartmann-Kulla: Das liegt ja an uns, das öffentlich zu machen. Die Frauen in Münster haben das meiner Meinung nach schon sehr breit gestreut. Hier im Bistum Essen tun wir das ebenfalls über einen Facebook-Auftritt, der heißt "Maria 2.0 im Bistum Essen". Es gibt in weiteren Bistümern vereinzelt Aktivitäten, auch hier im Bistum Essen gibt es schon weitere. Wir müssen die "Werbetrommel" dafür natürlich rühren.

Ob da jetzt anschließend am 19. Mai alle Bischöfe sagen, endlich hat es uns mal jemand gesagt, jetzt ändern wir es – das glauben wir natürlich nicht. Aber ich denke, es wird deutlich: Frauen hören nicht nur zu, schweigen und denken sich ihren Teil, sondern Frauen handeln auch, wie es zum Beispiel eben auch schon 30.000 kfd-Frauen getan haben. Nach der Aktion "Macht Licht an" vergangenes Jahr im Dezember wurden ja in Lingen bei der Bischofskonferenz die Unterschriften von der kfd-Bundesvorsitzenden überreicht. Da sind die Bischöfe zwar zum größten Teil vorbei marschiert, aber sie haben es mitbekommen. Da gibt es eindrucksvolle Videos, die zumindest zeigen, sie konnten es nicht überhören. Einige Bischöfe sind auch aktiv zur Bundesvorsitzenden gegangen und haben mit ihr darüber gesprochen. Das waren wenige, aber wenigstens einige.

DOMRADIO.DE: Im Mai besuchen sie keinen Gottesdienst und es gibt viel unerledigte Arbeit, die dann einfach liegen bleibt. Muss die Arbeit danach trotzdem aufgeholt werden oder machen das andere?

Hartmann-Kulla: In diesem Fall bei uns im Kolumbarium nicht. Wir hoffen einfach auf das Verständnis der Menschen, wenn die Kirche mittags schon geschlossen ist. Wir haben gerade heute den Gottesdienst geplant, der auf dem Kirchplatz stattfinden wird. Der macht natürlich mehr Arbeit als sonst. Wir möchten gerne mit einem weißen Band die Kirche am Ende des Gottesdienstes umarmen. Wir wollen deutlich machen, es geht uns überhaupt nicht darum, die Kirche zu verlassen. Ganz im Gegenteil: es geht in diesem Fall um die Arbeit in Kirche, die wir niederlegen. Die Kirche als solches umarmen wir trotzdem.

Das Interview führte Katharina Geiger.


Unterschriftenübergabe der kfd / © Harald Oppitz (KNA)
Unterschriftenübergabe der kfd / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR
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