19.10.2016

Neue Fassung der Lutherbibel "Luther soll als Luther erkennbar sein"

Sechs Jahre lang haben 70 Wissenschaftler an der neuen Lutherbibel gearbeitet. Zur Frankfurter Buchmesse kommt an diesem Mittwoch die überarbeitete Fassung der Heiligen Schrift mit einer Erstauflage von 250.000 Exemplaren auf den Markt.

Martin Luther (1483-1546) ist für seine markante Sprache bekannt. Zahlreiche Wortneuschöpfungen gehen auf ihn zurück. Als er im 16. Jahrhundert die Bibel ins Deutsche übersetzte, bereicherte er die deutsche Sprache um Worte wie Lästermaul, Morgenland und Otterngezücht. Es ist eine Sprache, die auch die neu überarbeitete Lutherbibel bewahren möchte.

"Luther soll als Luther erkennbar sein"

500 Jahre nach Beginn der Reformation erscheint eine neue Fassung der Bibel, die bewusst zur Sprache Luthers zurückkehrt. Die neue Übersetzung von Altem und Neuen Testament sowie der Apokryphen sei wieder näher an der Sprache des Reformators als frühere Revisionen, sagt der frühere Thüringer Landesbischof Christoph Kähler. Der Theologe leitete den Lenkungsausschuss, der im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Durchsicht der Lutherbibel koordiniert hat. "Luther soll als Luther erkennbar sein", sagt er.

Typisch für Luther sei es gewesen, dass er sehr wenige Fremdwörter verwendete. Und auch Poesie, wie sie beispielsweise in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas zu erkennen ist, sei bezeichnend für den Reformator. "Luther kann dichten", sagt Kähler. "Luther hatte ein feines Gefühl für den Satzrhythmus." In der neuen Lutherbibel werde dem Rechnung getragen.

Das war nicht immer so, lassen sich doch in der Revisionsgeschichte der Lutherbibel mehrere Phasen ausmachen. "Im 19. Jahrhundert ging es um eine Vereinheitlichung der Lutherbibel", sagt Kähler. Bis dahin hatten Drucker und Verleger immer wieder Veränderungen vorgenommen, es kursierten unterschiedliche Versionen der Lutherbibel. Die kirchenamtliche Ausgabe von 1892 schuf eine einheitliche Fassung. "Im 20. Jahrhundert wurden dann sprachliche Anpassungen wegen der Verständlichkeit vorgenommen." Diese Modernisierungen finden sich auch in der Lutherbibel von 1984.

Grundtexten besser gerecht werden

"Anliegen der neuen Bibelübersetzung ist es, den hebräischen und griechischen Grundtexten besser gerecht zu werden als die Vorgänger-Revisionen", sagt die Leiterin Lektorat und Bibelübersetzung, Hannelore Jahr, von der Deutschen Bibelgesellschaft. In der neuen Übersetzung haben die 70 Exegeten, Germanisten und Liturgiewissenschaftler die Bibel anhand von hebräischen und griechischen Urtexten überprüft.

Insgesamt haben die Revisoren an mehr als 15.700 Versen mitunter kleine Änderungen vorgenommen. Es gibt aber auch Änderungen, die ins Auge fallen: In der neuen Lutherbibel lechzt der Hirsch in Psalm 42 nicht mehr nach frischem Wasser, er schreit danach. In dem Text von der Sturmstillung wird aus dem "gewaltigen Sturm" ein "großes Beben". In beiden Fällen sei die neue Bibelübersetzung genauer und dem ursprünglichen Luthertext näher, sagt Kähler.

Behutsame Modernisierungen

Mitunter nahmen die Revisoren aber auch behutsame Modernisierungen vor. Denn über die Jahre hat sich auch die deutsche Sprache weiterentwickelt. Aus der Wehmutter, wie sie noch in der Version von 1984 steht, wurde daher in der neuen Übersetzung die Hebamme. Und in den Paulusbriefen gibt es nun Stellen, in denen die Gemeinde mit "Brüdern und Schwestern" angesprochen wird. Bei Gemeinden, zu denen eindeutig Männer und Frauen gehörten, müssten in der Anrede auch die Frauen einbezogen werden, sagt Kähler.

Nicht immer hatte Luther freilich mit seiner Übersetzung recht. Mitunter mussten die Revisoren auch den ursprünglichen Luthertext korrigieren. "Teilweise hatte Luther schlechte Ausgangstexte", erklärt Hannelore Jahr von der Bibelgesellschaft und verweist auf eine Stelle in einem Gottesknechtslied von Jesaja (Jes 53,8). Wurde dort früher mit "mein Volk" übersetzt, steht in der neuen Übersetzung "sein Volk". Inzwischen lägen für die Übersetzungen bessere Quellen vor, sagt Jahr. So konnten in der neuen Bibelübersetzung auch die 1947 von zwei Beduinenjungen in einer Höhle unweit des Toten Meeres gefundenen Handschriften von Qumran berücksichtigt werden.

Für Altbischof Kähler waren die Änderungen sinnvoll und notwendig. Alle zwei Generationen, sagt er, müsse die Lutherübersetzung auf den Prüfstand gestellt werden. "Denn wie ein Auto alle zwei Jahre zum TÜV muss, muss auch regelmäßig überprüft werden, ob bei der Übersetzung der Lutherbibel noch alles stimmt."

Barbara Schneider
(epd)

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