Katrin Göring-Eckardt
Katrin Göring-Eckardt

15.05.2021

Katrin Göring-Eckardt blickt auf gesellschaftliche Position der Kirchen "Ganz wichtige Ansprechpartner"

Die Glaubwürdigkeit der Kirchen ist auch auf dem Ökumenischen Kirchentag Thema eines der Hauptpodien, bei dem auch Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt mitdiskutieren wird. Ohne Kirchen, bekundet sie, würde einiges fehlen.

DOMRADIO.DE: Sie sind engagierte Protestantin, waren von 2009 bis 2013 Präses der Synode der EKD: Nehmen Sie wahr, dass das Vertrauen der Menschen in die Kirche abnimmt?

Katrin Göring-Eckardt (Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag): Also ich glaube, dass es im Wesentlichen für viele darum geht, dass sie in ihrer Kirche Halt und Heimat suchen und finden wollen. Dann geht es nicht darum, welche Probleme man hat, sondern wie man mit diesem Problem umgeht. Das ist bei sexualisierter Gewalt ganz zentral. Es ist allen klar, dass wir sowas nicht in unserer Kirche dulden können. Deswegen ist die Frage "Wie gehen wir damit um?" ganz entscheidend.

Es gibt aber auch noch ganz andere Glaubwürdigkeitsfragen, die nicht mit Kirche selbst zu tun haben, sondern mit dem Engagement darüber hinaus. Wenn ich an Seenotrettung beispielsweise denke, da gab es eine große Diskussion: Ist es denn in Ordnung, dass die Kirche sich da engagiert?

Eine große Mehrheit von Gläubigen, von Protestantinnen, von Protestanten, auch viele katholische Geschwister und Andersgläubige haben gesagt: Ja, selbstverständlich. Da sieht man dann: Die Kirche ist natürlich glaubwürdig in dem, was man als Nächstenliebe bezeichnen würde.

DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie aus der Distanz heraus die tiefe Krise der katholischen Kirche in Deutschland? Was scheint Ihnen da das zentrale Problem?

Göring-Eckardt: Ich will mich nicht darüber erheben, aber ich höre ganz oft von engagierten Freundinnen, die für Frauen in Priesterinnen-Ämter sind. Das ist ein sehr persönlicher Einblick, den ich gewinne. Wenn das die katholische Kirche nicht hinbekommt, dann wird sie ganz viele engagierte Gläubige, ganz viele Menschen, die sich für diese Welt aus ihrem Glauben heraus engagieren wollen, verlieren.

Ich glaube, das ist etwas, das die katholische Kirche nicht riskieren sollte. Ich weiß, dass der lange Prozess, der da angestoßen worden ist, sehr ehrlich gemeint war. Aber die Frage ist nicht "Ist der Prozess gut gewesen?", sondern "Was steht am Ende?". Steht am Ende es ein wirklicher Fortschritt bei der Gleichberechtigung oder nicht? Das ist eine sehr wichtige Frage. Und wenn ich mir den - ich sage es jetzt bewusst - Priesterinnen-Mangel anschaue, dann weiß man: Die Frauen werden auch gebraucht.

DOMRADIO.DE: Was würde denn der Gesellschaft fehlen, wenn die Kirchen nicht mehr da wären?

Göring-Eckardt: Für viele Menschen Heimat und für viele Menschen Trost. Für viele Menschen auch die Gewissheit, dass sie, wenn alles nicht mehr geht, da hingehen können. Es würde fehlen, dass es jemanden gibt, der für das da ist, was sich nicht so einfach erklären lässt und was – sagen wir mal umgangssprachlich – zwischen Himmel und Erde passiert und wofür es keine Formel gibt. Es würde natürlich auch eine Kraft fehlen, die sich in das politische Geschehen einmischt – nicht in die Tagespolitik, aber in diese große Frage von "Suchet der Stadt Bestes". Wie wollen wir zusammenleben? Da sind Kirchen wichtige Gesprächspartner.

Wenn es um Tod und Sterben geht oder wenn es um die Geburt geht, wenn es um alle Dinge geht, wo im Leben Brüche sind oder neue Dinge passieren, dann sind Kirchen und Mitglieder von Kirchen, Christinnen und Christen oder eben auch diejenigen, die als Pfarrerin, Pfarrer, Diakonin oder Diakon arbeiten, ganz wichtige Ansprechpartner – häufig für diejenigen, die Mitglied in der Kirche sind, aber manchmal auch für die, die das nicht sind.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt da die Ökumene, könnten nicht Katholiken und Protestanten gemeinsam viel mehr bewegen?

Göring-Eckardt: Natürlich. Wenn wir in Zukunft wahrgenommen werden wollen, wenn wir auch tatsächlich Heimat geben und Heimat sein wollen, dann ist mehr Ökumene ganz elementar für uns. Ich glaube, dass viele Christinnen und Christen nicht mehr verstehen, warum Unterschiede gemacht werden müssen. Was der Unterschied ist, kann man verstehen. Aber warum müssen sie gemacht werden? Warum können wir nicht selbstverständlich gemeinsam Abendmahl feiern? So schön es ist, dass wir uns jetzt gegenseitig besuchen können, eine gemeinsame Abendmahlsfeier ist schon noch etwas anderes.

Ich glaube, viele unserer Kinder und Enkel verstehen auch nicht mehr, warum wir eigentlich weiterhin auf diese Art und Weise getrennt sein müssen. Gleichwohl ist es klar, wer katholisch ist, fühlt sich im katholischen Glauben, im katholischen Ritus häufig mehr zuhause als im protestantischen. Umgekehrt ist es auch so. Ich fühle mich auch im protestantischen Gottesdienst sehr viel vertrauter, sehr viel angekommener. Aber das kann man insgesamt viel besser gemeinsam ökumenischer machen, gerade für die Zukunft. Wenn man sich beispielsweise die vielen Paare anguckt, die gemischt konfessionell in unserem Land leben und leben wollen und nicht mehr die Frage stellen: Können wir das überhaupt?

DOMRADIO.DE: Welches Thema möchten Sie auf dem Podium des Ökumenischen Kirchentages im Mittelpunkt sehen?

Göring-Eckardt: Für mich wird es erst einmal darum gehen: Wie sind die Strukturen unserer Kirche? Sind wir eigentlich zukunftsfest, wenn wir uns anschauen, dass wir mit ganz vielen Landeskirchen und Bistümern mit jeweils eigenen Agenten unterwegs sind oder sagen wir, es muss eine Zentrale geben. Dann können die Gemeinden so unterschiedlich sein, wie sie wollen.

Und dann gehört für mich zur Glaubwürdigkeit, dass wir zu den Dingen stehen, die uns in Bezug auf die Schwächsten in der Gesellschaft ausmachen. Ich habe die Seenotrettung angesprochen, eine der zentralen Fragen – der Umgang von Menschen, die aus anderen Ländern hierher kommen, die das Großthema der Migration des Zusammenlebens, derjenigen, die nicht gesehen werden.

Das Motto des Ökumenischen Kirchentags heißt "Schaut hin!". Es gibt so viele, die nicht gesehen werden und von denen ich sagen würde: Doch, sie gehören nicht nur zur Gesellschaft dazu, sondern sind ein Teil von uns und sie machen uns reich. Und diesen Reichtum sollten wir nicht vergeigen. Ich glaube, das ist die Aufgabe von Kirche.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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