Thomas Söding
Prof. Dr. Thomas Söding

28.01.2021

Ökumenische Bemühungen in schwierigem Terrain "Herzkammer des katholischen Glaubens"

Eigentlich ist das Ziel klar: Es soll keine verschiedenen Konfessionen geben, sondern im Idealfall eine christliche Kirche. Doch die ökumenischen Bemühungen gestalten sich wiederholt schwierig – hinzu kommen Probleme in der Kommunikation mit Rom.

DOMRADIO.DE: Der Weg zu einer gegenseitigen Einladung zur Teilnahme an der katholischen Eucharistiefeier und dem evangelischen Abendmahlsgottesdienst für die jeweils andere Konfession ist schwierig.

Vor rund zwei Jahren kamen Theologinnen und Theologen des Ökumenischen Arbeitskreises in Deutschland zum Schluss, dass auf Basis einer Gewissensentscheidung wechselseitige Einladungen möglich sind. Dem erteilte der Vatikan eine Absage, der der Arbeitskreis mit einer Bekräftigung seiner Position widersprach. Darüber ist der zuständige Kurienkardinal Kurt Koch in Rom nicht gerade glücklich und äußerte diese Woche sein Unverständnis.

Solch recht scharfe Töne zwischen einer Ortskirche wie Deutschland und dem Vatikan gibt es sonst eher selten. Überrascht Sie die Intensität der Debatte?

Prof. Dr. Thomas Söding (Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied im Ökumenischen Arbeitskreis): Ich erkenne in der Schärfe der Töne, dass es hier wirklich um etwas geht. Das muss man verstehen. Wir reden sozusagen über die Herzkammer des katholischen und des christlichen Glaubens überhaupt. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, dass Kontroversen auch in der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Ich meine auch, dass Lehramt und Theologie durchaus auch einmal in den öffentlichen Disput hineingehen können, aber ich plädiere doch sehr für eine Versachlichung und gleichzeitig für eine Vertiefung der Debatte.

DOMRADIO.DE: Zum Verständnis: Eine Einladung zu einem Gottesdienst wäre vermutlich nicht so schwierig. Es geht in der Debatte vor allem um den konkreten Empfang von Brot und Wein für die Gläubigen, oder?

Söding: Es geht um die Teilnahme an der Eucharistiefeier auf der einen Seite und am Abendmahl auf der anderen Seite, und zwar jeweils dann über die Konfessionen gekreuzt. Auf beiden Seiten und auch in dem Votum des Ökumenischen Arbeitskreises ist völlig klar, dass es einen inneren Zusammenhang – ich drücke mich jetzt katholisch aus – zwischen Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft gibt. Das heißt also, wir reden hier nicht über eine Allgemeinform von Interkommunion oder von Interzelebration. Es ist es völlig klar: Man geht normalerweise in der eigenen Kirche zur Kommunion respektive zum Abendmahl.

Man müsste wirklich sehr viel mehr theologische Verständigung über die absoluten Basics des Glaubens hergestellt haben, bis man wirklich von einer Eucharistie- und Abendmahlsgemeinschaft sprechen könnte. Aber die Frage, die sich jetzt stellt, ist: Was ist denn jetzt mit einzelnen Personen? Ich nehme einfach das Beispiel der konfessionsverbindenden Ehen. Müssen die sonntags immer in verschiedene Kirchen gehen oder kann man sich da nicht noch einmal andere Situationen vorstellen?

An der Stelle ist das Votum des Ökumenischen Arbeitskreises eines, das sagt: Wir haben jetzt nicht die perfekte Lösung, aber wir meinen, dass man in eine bestimmte Richtung gehen kann. Das ist praktisch die Bildung, die Schärfung, die Vertiefung des eigenen Gewissens durch den Glauben an die Gegenwart Jesu Christi in Brot und Wein. Von daher haben Sie vollkommen recht. Der entscheidende Punkt ist der Empfang.

DOMRADIO.DE: Und dennoch sagt der Vatikan, dass das eben nicht ausreicht. Die individuelle Gewissensentscheidung gebe noch keine Grundlage dafür her. Warum sieht der Arbeitskreis das anders und glaubt, er habe die besseren Argumente?

Söding: Es geht um die Frage: Eine Grundlage wofür? Da beobachte ich, dass es offensichtlich auch um unterschiedliche Lesarten und Deutungen des Textes des Ökumenischen Arbeitskreises geht. Da hoffe ich doch, wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, dass dann auch deutlich wird, dass diese Stellungnahme des Ökumenischen Arbeitskreises wirklich auch die Anfragen wahrnimmt und ernst nimmt, die aus Rom nach Deutschland geschickt worden waren. Das ist ja auf der einen Seite ein Brief des Präfekten der Glaubenskongregation und dann sind es sogenannte "Lehrmäßige Anmerkungen".

Aber klar ist natürlich auch, dass man jetzt nicht erwarten kann, dass auf einmal der Ökumenische Arbeitskreis sagt: "Oh Gott, da haben wir jetzt einen Fehler gemacht und das haben wir falsch gesehen." Die Aufgabe einer solchen Stellungnahme besteht doch darin, auch die Kritik noch einmal weiterzuführen und zurückzuspiegeln und von daher dann den Raum einer Diskussion zu eröffnen. Eine Diskussion hat viele Aspekte. Sie muss auch über den ursprünglichen Raum des Ökumenischen Arbeitskreises hinaus erweitert werden.

Wir haben sicherlich die Dimensionen "Rom und Deutschland", wir haben "Theologie und Lehramt" und wir haben auch "katholisch, evangelisch und die weite Familie der Ökumene, insbesondere auch die Orthodoxie". Und da bin ich doch sehr optimistisch, dass es gelingen sollte, durch eine solche qualifizierte Rezeption zu einer Klärung zu kommen, sodass die Gläubigen auch wissen, woran sie sind, wenn immer noch auf der einen Seite katholische Eucharistie und auf der anderen Seite ein evangelisches Abendmahl gefeiert wird.

DOMRADIO.DE: Und dennoch trifft das ja einen Teil der Kritik. Kurienkardinal Kurt Koch kritisiert, dass die neueste Stellungnahme des Arbeitskreises eben im "rein akademischen Bereich" bleibe und "nicht an die konkrete kirchliche Realität zurückgekoppelt" sei. Es fällt aber auf, dass das im Prinzip auch ein Vorwurf vom Ökumenischen Arbeitskreis zurück an den Vatikan ist. Wer hat denn nun von beiden Seiten recht?

Söding: Vielleicht kann man mal über solche Positionen hinauskommen, wenn man das Gespräch wirklich führt. Klar ist, dass wir eine theologische Debatte nicht nur haben, sondern auch brauchen. Es muss auch um ein theologisches Urteil gehen. Das muss nach Möglichkeit allerdings dann auch so klar, einfach, entschieden und verständlich ausgedrückt werden können, dass es nicht als Debatte im Elfenbeinturm verstanden wird, sondern dass es als eine Art Dienstleistung der Theologie für die Glaubensentscheidung von Gemeinden und besonders von Einzelnen geschieht.

Da bin ich eigentlich relativ optimistisch, dass deutlich wird: Theologie wird letztendlich um der pastoralen Orientierung willen getrieben. Eine solche pastorale Orientierung kann jetzt meines Erachtens in diesem wichtigen Thema nicht bei Alles-oder-Nichts bleiben, sondern muss Möglichkeiten einer persönlichen, im Glauben begründeten Gewissensentscheidung vorsehen können. Auf der anderen Seite muss aber auch ganz klar sein: An der Grundlage "Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft gehören zusammen" wird nicht gerüttelt.

DOMRADIO.DE: Trotz allem sind die Debatten ja schon relativ alt, die wir hier führen. Zum Schluss die Frage: Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass sich bei dieser Thematik mit den gegenseitigen Einladungen innerhalb der nächsten zehn Jahre etwas bewegt?

Söding: Da bewegt sich ja jetzt schon etwas. Also: Es ist ja keineswegs so, dass da alle nur in ihren Schützengräben sitzen und sich verbarrikadieren und auf bessere Zeiten hoffen. Wir haben eine ganz starke Bewegung. Die ist teilweise auch der Not geschuldet, aber auch der besseren Einsicht. Wir haben eine intensive ökumenische Verständigung über Themen, über die man grundsätzlich in der Vergangenheit der Meinung war, dass man sie nur kontrovers diskutieren solle. Wir haben auch eine Verschiebung der Bedeutung von Abendmahl und Eucharistie, nicht zuletzt in Corona-Zeiten. Von daher, meine ich, ist diese Hoffnung eine Pflicht. Und die Aufgabe der Theologie ist es jetzt, diese Pflicht zu erfüllen.

Das Interview führte Mathias Peter.

(DR)

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