Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

16.12.2019

Landesbischof Kramer zieht nach 100 Tagen im Amt kritisch Bilanz "Deutsche Einheit durch die Neue Rechte und die AfD vollzogen"

Seit 100 Tagen ist Friedrich Kramer nun Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Er ist eine Frohnatur, die aber ernst wird, wenn es um Antisemitismus, Rassismus und Kirchenaustritte geht.

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Herr Bischof Kramer, Sie laden sich mit Ihrer Gitarre in Pfarrgemeinden ein und wollen keine Förmlichkeiten bei den Begegnungen. Bischöflicher Habitus – ist nicht so Ihr Ding?

Friedrich Kramer (Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland): Tja, was ist bischöflicher Habitus? Dahinter steht wohl mehr das Amtsverständnis. Für mich ist das Pastorale zentral: zu schauen, wie es den Menschen geht. Ich bin als Bischof bei zahlreichen Feierlichkeiten, aber ich möchte auch die ganz normalen Gemeindewirklichkeiten kennenlernen, die teils sehr verschieden sind.

Wenn ich mit meiner Gitarre komme, mit den Menschen singe und bete, komme ich schnell und unkompliziert ins Gespräch.

KNA: Sie kommen sehr locker rüber, aber Sie werden den Menschen auch unangenehme Wahrheiten sagen müssen: weniger Geld, weniger Personal ...

Kramer: Ich komme wahrscheinlich leichtfüßig rüber, weil ich ein kommunikativer, fröhlicher Mensch bin. Aber ich sage selbstverständlich auch, dass die Bedingungen komplizierter werden, da die Ressourcen weiter abnehmen. Da werden wir hart miteinander diskutieren müssen. Aber es braucht, glaube ich, eine Offenheit für Veränderung - und diese lässt sich nicht administrativ erzeugen, sondern nur kommunikativ.

KNA: Die Kirchenmitgliederzahlen sinken seit Jahren unaufhaltsam. Frustriert Sie das?

Kramer: Der Blick auf die Zahlen sollte uns nicht dazu verleiten, wie ein kapitalistisches Unternehmen um jeden Preis Wachstum generieren zu wollen - denn so funktioniert Glaube nicht. Wir machen sicherlich manche Dinge falsch, beispielsweise wenn wir nicht der Botschaft entsprechend leben. Aber wir definieren uns als Kirche über unseren Auftrag und nicht über Erfolg. Erfolg ist keiner der Namen Gottes, wie Martin Buber sagte.

KNA: Trotzdem müssen Sie sich mit den Austrittsgründen der Menschen doch beschäftigen, oder?

Kramer: Unser Hauptgrund für den Mitgliederrückgang ist unsere Altersstruktur. Wir haben in DDR-Zeiten zu viele Menschen verloren, die nicht zurückgekommen sind. Bei den Austritten müssen wir schon genau hinschauen, woraus sich der Austrittstrend speist: Das eine sind konkrete Verärgerungen, etwa über Strukturumbau oder tiefe Verletzungen. Bei anderen lösen die Glaubensthemen keine Resonanz mehr aus und für sie hat Kirche keine Relevanz mehr. Das gravierendste ist aber die Mammon-Frage: 'Bin ich bereit, mein Geld für die Kirche zu geben?' Zu den populärsten Lohnsteuer-Spartipps gehört immer der Kirchenaustritt. Da sollten wir als Kirche argumentativ stärker und klarer dagegenhalten. Christus hat klar gesagt: "Niemand kann zwei Herren dienen: (...) Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."

KNA: Wie meinen Sie das konkret?

Kramer: Ich denke, man macht sich etwas vor, wenn man sagt, ich trete zwar aus der Kirche aus, aber ich glaube natürlich weiter. Glaube braucht immer Gemeinschaft. Und mein Glaube sollte mir auch etwas wert sein. Das Schwerste für uns ist sicherlich zu vermitteln, dass Kirche kein Verein ist, in den man ein- und austritt, sondern den Rahmen gibt für eine Lebensbindung an Gott.

KNA: Laut jüngstem Thüringen-Monitor ist die Zustimmung in der Bevölkerung zu antisemitischen und nationalsozialistischen Äußerungen deutlich angestiegen. Sehen Sie darin auch einen Auftrag für die Kirchen?

Kramer: Die Kirche hat einen ganz klaren Auftrag mitzuwirken, dass sich solche Einstellungen nicht weiter ausbreiten, sondern sie einzudämmen und zu verhindern. Gerade das ganze Antisemitismus-Thema ist ja auch mit der Kirchengeschichte eng verwoben, auch wenn wir mit dem rassistischen Antisemitismus nichts zu tun haben.

KNA: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat jetzt einen Antisemitismus-Beauftragten - wäre das auch in den Landeskirchen sinnvoll?

Kramer: Wir haben ja die Beiräte für christlich-jüdischen Dialog. Ich finde den dort praktizierten positiven Austausch sehr wichtig, dies scheint mir auf landeskirchlicher Ebene auch sinnvoller. Der direkte Kontakt und die Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden ist das beste Antisemitismuskonzept. Auf jeden Fall muss die Gesamtkirche in den Diskurs über Antisemitismus aktiv hineingehen, und deshalb ist ein Antisemitismus-Beauftragter wichtig. Denn Antisemitismus lässt sich ohne die religiöse Dimension nicht tiefgreifend fassen.

KNA: Wie handhaben Sie den Umgang mit AfD-Sympathisanten und -Politikern? Was ist da Ihre Linie?

Kramer: Mit den AfD-Anhängern müssen wir diskutieren. Ich halte sie auch nicht nur für Protestwähler, sondern da sind schon manifeste politische Einstellungen. Aber wir sind als Kirche erst einmal für alle da, auch für AfD-Sympathisanten und Mitglieder. Gleichzeitig ist klar, dass wir bestimmte Grundwerte haben, über die wir dann streiten müssen. Etwa: Kann man Nächstenliebe national eingrenzen? Da haben wir einen harten Streit. Wir wollen AfD-Anhänger nicht ausgrenzen, werden aber die Klarheit unserer christlichen Botschaft nicht aufgeben. Das ist die Herausforderung.

Was die offiziellen Kontakte angeht: Man muss immer schauen, wer mit wem wo spricht. Selbstverständlich reden die kirchlichen Beauftragen beim Landtag auch mit AfD-Politikern. Ich bin aber skeptisch, ob es bischöfliche Kontakte zu leitenden AfD-Politikern in Thüringen und Sachsen-Anhalt geben soll. Das mache ich an den gegenwärtigen Personen fest.

KNA: Sie sind der einzige ostdeutsch sozialisierte evangelische Landesbischof. Sind Sie der Quoten-Ossi in der EKD?

Kramer: Es ist in der EKD aktuell schon ein Thema. Denn man will verstehen, wie der Osten tickt, die unterschiedlichen Lebenswelten wahrnehmen. Wobei das eigentlich kein Ost-West-Thema ist, sondern verschiedene Regionen betrifft. Wie tickt zum Beispiel der Ruhrpott, wo es ja auch ganz eigene, dramatische Verwerfungen gibt. Und "den" Ossi gibt es sowieso nicht. Das ist ja ein Konstrukt: Was verbindet mich als ostdeutsches Pfarrerskind mit jemandem, der auf einer Hochschule für Staatssicherheit studiert hat? Ich finde aber interessant, dass das Ost-West-Thema 30 Jahre nach der friedlichen Revolution noch einmal aufkommt, zu einem Zeitpunkt, wo die deutsche Einheit durch die Neue Rechte und die AfD vollzogen ist.

KNA: Wie meinen Sie das?

Kramer: Die Neue Rechte hat es geschafft, die Ängste der Leute einzusammeln. Die gehen in die Regionen und sagen: 'Wir sind für euch da.' Wenn Björn Höcke vor 30 Jahren auf dem Erfurter Domplatz seine AfD-Reden geschwungen hätte, dann hätten die Menschen gesagt: 'Was quatscht der Wessi für ein dummes Zeug?' Und jetzt grölen viele seine Parolen mit. Die deutsche Einheit bekommt dadurch einen Geschmack, wie wir es nicht gewollt haben – nämlich nationalistisch.

Karin Wollschläger
(KNA)

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