Landesbischöfin Ilse Junkermann
Landesbischöfin Ilse Junkermann

06.07.2019

Mitteldeutsche Landesbischöfin Junkermann scheidet aus dem Amt "Gott hat den Menschen nicht nur als Mann geschaffen"

Fast zehn Jahre war Ilse Junkermann Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Am Samstag wurde die 62-Jährige im Magdeburger Dom verabschiedet. Im Interview spricht sie über Ostdeutschland, die AfD und Frauen in der Kirche.

KNA: Frau Bischöfin, Sie sind seit August 2009 Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Welche Bilanz ziehen Sie heute - kurz vor ihrem Amtsabschied? 

Junkermann: Ich habe gemischte Gefühle, wie es bei einem Abschied ist. Das ist ein Zeichen, dass ich in diesen Jahren hier gut angekommen bin. Irgendwo fremd in einem unbekannten Bereich zu beginnen, sich das zu erkunden, ist ja nicht immer einfach. Und deshalb bin ich froh über die geschwisterliche Aufnahme in dieser Kirche. 

KNA: Sie kommen aus Westdeutschland, aus Baden-Württemberg. Wie ist das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen 30 Jahre nach dem Mauerfall? 

Junkermann: Die Perspektiven sind sehr unterschiedlich. Menschen aus den alten Bundesländern sagen: 'Wir haben doch die Einheit jetzt erreicht', weil sie auf die Anpassung und Angleichung der Ostdeutschen sehen. Die Menschen im Osten sagen dagegen, 'wir haben die Einheit nicht erreicht, weil wir uns in zu vielen Bereichen angepasst haben'.

Diese Menschen, für die sich in ihrem Alltag durch den Mauerfall alles geändert hat, kommen mit einer anderen Erfahrung. Und diese hat bisher zu wenig Gewicht. Die Menschen im Osten werden mit ihren besonderen Erfahrungen zu wenig gewürdigt und zu wenig gehört. 

KNA: Wie kann man diese Menschen erreichen? 

Junkermann: Als erstes muss man die Unterschiedlichkeit überhaupt wahrnehmen. Als zweites ist Empathie wichtig - für die gemischten Gefühle, die die Menschen hier haben: Sie haben zwar einen Teil ihres Lebens in der Diktatur verbracht. Aber sie haben auch darin ein eigenes, auch erfülltes Lebens gelebt. Hier muss man ihnen zuhören: Was ist hier gut gelungen, was war schön, am familiären Zusammenhalt, am Nachbarschaftlichem? Die Diktatur hat die Menschen ja nicht zu Automaten gemacht, sie sind Menschen geblieben, mit allem, was das Leben reich machen kann.  

KNA: Die AfD hat bei den Europawahlen vor allem im Osten hohen Zuspruch erhalten. Was ist der Grund dafür? 

Junkermann: Die AfD nimmt Ängste der Menschen auf. Viele Wähler im Osten haben diese Riesenveränderung ihres Lebens, die Wende, erlebt und wissen, was ein großer Umbruch bedeutet. Nur zum Teil haben sie diese verarbeitet, weil dies Zeit braucht und auch, weil es zu wenig Anerkennung für diese Verarbeitung gab und gibt. Und jetzt noch einmal einen Umbruch vor sich zu haben - in einer globalisieren Welt eine Integrationsgesellschaft zu werden - löst Ängste aus. Hinzu kommt, dass die Lebensverhältnisse hier mit dem Westen immer noch nicht vergleichbar sind. Wir haben ein starkes Lohngefälle, deshalb eine hohe Abwanderung.  

KNA: Laut Thüringen-Monitor - einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung - sind die rechtsextremen Einstellungen besonders bei evangelischen Kirchenmitgliedern hoch. Woran liegt das?

Junkermann: Vielleicht ist bei den Christen traditionell die Heimatverbundenheit noch größer. Und es kommt die Angst vor anderen Religionen dazu. Durch die Diktatur haben die Christen hier die Erfahrung gemacht, dass sie als Gläubige ausgesondert und für sich sind. Es ist nicht einfach, sich anderen zu öffnen, wenn das Andere immer schon bedrohlich war. 

KNA: Inwieweit bildet die Kirche im Osten mit ihrer geringen Mitgliederzahl ein Zukunftsszenario für die gesamte Kirche ab? 

Junkermann: Ich höre oft von westdeutschen Geschwistern, dass sie sagen, das kommt auf uns zu, was bei Euch ist. Denen sage ich: Da täuscht ihr Euch, denn wir sind ja in der Situation des vollkommenen Traditionsabbruchs, die Menschen haben keine Ahnung mehr von Kirche und Glauben. Ihr habt es zu tun mit enttäuschten Menschen, die ausgetreten sind. Das darf man nicht gleichsetzen. 

KNA: Katholische und evangelische Kirche verzeichnen bundesweit sinkende Mitgliederzahlen. Wie kann man die Menschen erreichen? 

Junkermann: Was Menschen anspricht am christlichen Glauben ist, wenn sie merken, ich werde angenommen, ich bin jemandem wichtig. Was als Selbstwirksamkeit bezeichnet wird - und: wenn sie nicht erst Bedingungen erfüllen müssen. Die Gemeinden müssen sich stärker öffnen für die unterschiedlichen Arten zu glauben. 

KNA: Kürzlich wurde im Petitionsausschuss des Bundestags die Tempolimit-Initiative der EKM diskutiert. Sie fordert eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen. Dies wurde von verschiedenen Seiten kritisiert - die Kirche dürfe keine "grüne Verbotspolitik" betreiben, hieß es etwa. 

Junkermann: Es gibt dieses Verständnis, dass Religion ihren Platz nur am Sonntag hat, zu besonderen Gelegenheiten und Feiertagen. Dabei ist auf Gottes Wort für jede Herausforderung zu hören. Unsere Aufgabe als Menschen ist es, verantwortlich mit der Schöpfung umzugehen. Bei der Bekämpfung des Klimawandels ist jeder einzelne aufgerufen, in seinem täglichen Verhalten etwas zu ändern. Zudem geht es uns darum, Unfallopfer von erhöhter Geschwindigkeit zu vermeiden.  

KNA: Wie beurteilen Sie die Maria-2.0-Aktion? Eine gute Idee von den katholischen Frauen? 

Junkermann: Ja. Die Frauen haben sich damit Gehör verschafft. Sie haben deutlich gemacht, wir haben eine Stimme, wir bringen etwas ein, wir wollen gehört werden, wir wollen gleichberechtigt sein in dieser Kirche. Wir engagieren uns hier, weil wir uns berufen wissen. Wir möchten, dass Ihr unsere Berufung genauso ernst nehmt und sie nicht aufgrund unseres Geschlechts minder achtet. 

KNA: Ist auch bei der evangelischen Kirche noch Luft nach oben in Sachen weibliche Führungskräfte? 

Junkermann: Wenn man sich anschaut, dass es seit den 1950er Jahren die Frauenordination gibt, ist hier der Frauenanteil geringer, als er sein könnte. Im Bischofsamt sind wir seit langer Zeit nur zwei Frauen unter 20 Männern, ab Herbst sind es dann drei. Dazu kommt, dass ein solches Leitungsamt für Frauen auch nicht so attraktiv ist, wie sie es momentan antreffen. Es ist ja nicht von Frauen und Männern geprägt, sondern allein von Männern. 

KNA: Würde ein Weiheamt für Frauen der katholischen Kirche mehr Zustrom bringen? 

Junkermann: Fest steht, dass ich als Frau andere Perspektiven in die Kirche einbringe, aus meiner weiblichen Sozialisation mit allen Vor- und Nachteilen. Dinge, die auch wert geschätzt werden, wie etwa Gefühle zu thematisieren und zu zeigen. Für alle Bereiche des Lebens ist es ernst zu nehmen, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat - und nicht nur als Mann.

Von Nina Schmedding

(KNA)

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