Eine als "Judensau" bezeichnete Schmähskulptur an der Außenwand der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien
Eine als "Judensau" bezeichnete Schmähskulptur an der Außenwand der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien
Präses der EKD-Synode Irmgard Schwaetzer
Präses der EKD-Synode Irmgard Schwaetzer

28.05.2019

Debatte um Abnahme der Wittenberger "Judensau" "Eine Beleidigung bleibt eine Beleidigung"

Sie darf juristisch betrachtet an der Kirchenfassade hängen bleiben. Allerdings haben sich nun hochrangige Protestanten für eine Abnahme der Spottplastik "Judensau" von der Fassade der Stadtkirche in Wittenberg ausgesprochen.

Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Irmgard Schwaetzer, und der designierte Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Friedrich Kramer, schlugen vor, die mittelalterliche Skulptur in ein neu zu schaffendes Denkmal vor der Kirche zur integrieren.

"Eine Beleidigung bleibt eine Beleidigung"

"Meine Vision wäre ein Denkmal, das nicht nur von der christlichen Gemeinde, sondern auch von Kommune und Landkreis mitgetragen wird, in Rücksprache mit den jüdischen Institutionen die Dinge aufnimmt und ins Heute bringt", sagte Kramer am Montagabend bei einer Diskussion in Wittenberg. "Eine Beleidigung bleibt eine Beleidigung, ob man sie kommentiert oder nicht", fügte er hinzu. Schwaetzer schloss sich der Argumentation an.

Das Sandsteinrelief stammt aus dem Jahr 1280 und zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt der Sau unter den Schwanz und in den After. 1570 wurde die Plastik an ihren heutigen Standort an der Südfassade der Kirche umgesetzt und mit der Inschrift "Rabini Schem HaMphoras" versehen.

Der hebräische Verweis auf den unaussprechlichen Namen Gottes bei den Juden nimmt Bezug auf eine antisemitische Schmähschrift des Wittenberger Reformators Martin Luther (1483-1546), der vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte.

Urteil des Landgerichts

Das Landgericht Dessau-Roßlau urteilte vergangenen Freitag, die Plastik stelle keine Beleidigung dar und könne hängenbleiben. Der jüdische Kläger Michael Düllmann kündigte bei der Debatte in Wittenberg an, Berufung beim Oberlandesgericht Naumburg einzulegen.

Schwaetzer sagte, die nachträglich hinzugefügte Inschrift sei ein "massiver, alles verändernder Eingriff" gewesen und drücke "reinen Judenhass" aus. Zu diesem neu hinzugekommenen Inhalt "müssen wir uns auch heute wieder verhalten", erklärte Schwaetzer. Sollte die Plastik abgenommen werden, müsse sie "in einen Lernort münden". "Wir sollten auch an die Gefühle denken, die unsere jüdischen Geschwister haben, wenn sie diesen historischen Ort sehen", erklärte Schwaetzer.

(epd)

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