Geistliche beim orthodoxen Ostergottesdienst
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Eng verbunden: der russische Patriarch Kyrill I. mit Präsident Wladimir Putin (r.)
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Bartholomaios I.
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18.10.2018

Der Streit um die orthodoxe Kirche in der Ukraine Welche Rolle spielt die "ideologische Lokomotive"?

Die Ukraine ist im Streit der orthodoxen Patriarchate von Moskau und Konstantinopel der Zankapfel. Stecken nur religiöse Motive dahinter? Oder ist es vielmehr ein weiterer Schauplatz des politischen Zwists zwischen Russland und der Ukraine?

DOMRADIO.DE: Sie sind griechisch-katholischer Priester. Können Sie uns kurz erklären, was die griechisch-katholische Kirche ist?

Dr. Andriy Mykhaleyko (Ukrainer, griechisch-katholischer Priester und Mitarbeiter am Collegium Orientale in Eichstätt): Die griechisch-katholische Kirche ist eine Ostkirche byzantinischer oder orthodoxer Tradition und diese Kirche hat seit Jahrhunderten eine Kommuniongemeinschaft mit dem Papst von Rom. Wir haben den katholischen Glauben. Wir bekennen uns zu allen Lehraussagen der katholischen Kirche. Auf der anderen Seite feiern wir unsere Gottesdienste genauso wie in den orthodoxen Kirchen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es denn mit dem Verhältnis zu diesen orthodoxen Kirchen aus? Gibt es da auch die Kommuniongemeinschaft oder ist das wegen der Gemeinschaft mit Rom nicht möglich?

Mykhaleyko: Solange es keine Kommuniongemeinschaft zwischen der katholischen Kirche als Ganze und der orthodoxen Kirche gibt, gibt es auch keine Gemeinschaft zwischen der griechisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen.

DOMRADIO.DE: Die Ukraine ist ja der Grund für den Streit zwischen den Patriarchaten von Konstantinopel und Moskau. Warum lehnt das Moskauer Patriarchat die Eigenständigkeit, die Autokephalie, für die ukrainisch-orthodoxe Kirche ab, was ist Ihre Einschätzung?

Mykhaleyko: Das große Problem ist natürlich, dass die russisch-orthodoxe Kirche bis heute die Ukraine in kirchlicher Hinsicht als ihr kanonisches Territorium betrachtet. Das heißt, seit etwa 300 Jahren gehören mehrere Teile der ukrainischen Kirchen zum Moskauer Patriarchat - genauer gesagt, seit 1686.

So eine Loslösung, die angestrebt wird, wird von der Moskauer Kirche natürlich als sehr schmerzlich empfunden. Das würde auch bedeuten, dass die russisch-orthodoxe Kirche ihre Position in der Ukraine einbüßen müsste, verlieren würde, auch in der Weltorthodoxie insgesamt, weil die russisch-orthodoxe Kirche bis heute als die größte orthodoxe Kirche in der Weltorthodoxie gilt.

Und wenn sich jetzt eine unabhängige ukrainische orthodoxe Kirche herausbilden sollte, dann verlagert sich ein wenig das Gewicht und dann würde die russisch-orthodoxe Kirche in der orthodoxen Welt eine starke Konkurrenz in der Ukraine bekommen.

DOMRADIO.DE: Erzbischof Mark von der russisch-orthodoxen Auslandskirche bezeichnet die ukrainisch-orthodoxe Kirche als schismatisch, weshalb das Streben nach Eigenständigkeit nicht rechtens sei. Außerdem kritisiert er das Mitmischen von ukrainischen Politikern. Wie politisch ist denn dieser Streit zwischen den Kirchen?

Mykhaleyko: Auf der einen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass es in der Ukraine drei rivalisierende orthodoxe Gruppen oder Kirchen gibt. Eine ist die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, die in der Gemeinschaft mit dem Patriarchen von Moskau steht. Und es gibt noch zwei andere orthodoxe Kirchen, die von der Weltorthodoxie bis jetzt nicht anerkannt wurden. Und diese Kirchen meint Erzbischof Mark. Jetzt hat aber die Synode des Patriarchates Konstantinopel diese zwei bislang unkanonischen Kirchen wieder in die Gemeinschaft aufgenommen.

DOMRADIO.DE: "Unkanonisch" bedeutet in dem Fall "nicht anerkannt".

Mykhaleyko: Jetzt sind sie anerkannt. Sie waren nicht kanonisch, das heißt: nicht anerkannt von den anderen orthodoxen Kirchen. Und jetzt sind sie wieder anerkannt - mindestens von dem Patriarchen von Konstantinopel. Das ist die kirchliche Seite des Streites.

Wie Sie erwähnt haben, hat dieser Streit auch eine politische Dimension. Es geht bekanntlich auch um den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland nach der Annektierung der Krim und nach dem Ausbruch des Krieges im Osten der Ukraine. Es gibt auch ewigen Streit zwischen Russland und der Ukraine über die Geschichte: Für viele Russen ist eine unabhängige Ukraine politisch gesehen ein Missverständnis. Daher wurde auch die Verselbstständigung der Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion als sehr schmerzlich empfunden.

Für viele ist die Ukraine weiterhin ein Teil des russischen Einflusses oder ein Teil von Russland. Natürlich spielte und spielt die russisch-orthodoxe Kirche immer noch eine wichtige Rolle, um den Einfluss Russlands in der Ukraine aufrechtzuerhalten. Gerade durch die russisch-orthodoxen Gemeinden in der Ukraine. Und natürlich, wenn der kirchliche Einfluss verloren geht, dann geht vielleicht auch ein Teil des politischen Einflusses verloren.

DOMRADIO.DE: Dieser Sache sind sich auf der einen Seite Russlands Präsident Putin und auf der anderen Seite der ukrainische Präsident Poroschenko durchaus bewusst, dass Politik und Religion vom Einfluss her noch zusammengehen.

Mykhaleyko: Absolut, weil die orthodoxe Kirche in der Ukraine und auch in Russland noch die Rolle einer "ideologischen Lokomotive" spielt, die bestimmte Tendenzen in der Politik fördert und unterstützt.

Der Patriarch von Moskau, Kyrill I., wird immer wieder auf der Seite Putins gesehen und er gilt auch für viele als einer, der die Politik von Putin unterstützt. Ein Teil dieser Politik ist die Idee der russischen Welt. Das ist eine Idee, die darin besteht, dass Russisch mehr als nur das Russland von heute ist. Das heißt, zu dieser russischen Welt gehören auch andere Territorien, vor allem natürlich die Ukraine, Weißrussland und andere Länder des ehemaligen Sowjetblocks. Und diese Einheit der russischen Welt muss trotz der bestehenden politischen Grenzen aufrechterhalten werden.

Bei dieser Ideologie, bei diesem großen Projekt spielt gerade die russisch-orthodoxe Kirche natürlich eine sehr, sehr wichtige und unverzichtbare Rolle. Über die Kirche soll diese Einheit erhalten werden.

Für mich klingen daher die Äußerungen auch aus dem Kreml in Bezug auf diesen Konflikt sehr gefährlich, dass nicht nur die Interessen der Russen unterstützt werden sollen, sondern auch die orthodoxen Christen außerhalb Russlands beschützt werden sollen. Das kann man natürlich auch politisch interpretieren als eine Art Vorwand für eine weitere Eskalation in diesem politischen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

DOMRADIO.DE: Kommen wir mal auf die eucharistische Gemeinschaft zu sprechen, die Moskau gegenüber Konstantinopel aufgekündigt hat. Was bedeutet dieser Schritt oder dieser Schnitt im Alltagsleben orthodoxer Christen?

Mykhaleyko: Vor allem ist natürlich die orthodoxe Diaspora betroffen. Bekanntlich gibt es auch in Deutschland viele orthodoxe Gemeinden. Ein Teil dieser orthodoxen Gemeinden gehört zur russisch-orthodoxen Kirche, ein Teil gehört zum Patriarchat Konstantinopel. Jetzt dürfen die russisch-orthodoxen Christen nicht mehr in den Gemeinden des Patriarchats Konstantinopels zur Kommunion gehen und umgekehrt. Das hat durchaus auch Folgen für den Alltag, vor allem für die Christen, die gewohnt waren, bis jetzt in eine russisch-orthodoxe oder eine griechisch-orthodoxe oder in eine Gemeinde des Patriarchats Konstantinopel zu gehen.

DOMRADIO.DE: Wir kennen das ja auch bei der evangelischen und katholischen Kirche, wer wo zur Kommunion gehen darf und wo nicht. Wir wissen, diese Verbote werden an der Basis sehr häufig übergangen. Ist das in der orthodoxen Kirche auch so oder ist man da gehorsamer?

Mykhaleyko: Ich denke, da geht man mit solchen Fragen oder solchen Verboten noch ein bisschen strenger um. Aber ich glaube, das wird auch hier darauf ankommen, wie ernst das der jeweilige betroffene Priester oder Pfarrer in seiner Gemeinde umsetzen will. Vielleicht wird der eine oder andere sagen: Okay, das ist zwar verboten, aber ich will einfach auch die Ruhe in meiner Gemeinde behalten und ich erlaube weiterhin den Christen aus den anderen orthodoxen Kirchen, zur Kommunion zu gehen.

Ich glaube, grundsätzlich ist das strenger in der Orthodoxie, aber ich schließe nicht aus, dass bestimmte Pfarrer hier auch etwas lockerer mit diesem Verbot umgehen werden.

Es betrifft aber auch vor allem die Dialoge zwischen den Kirchen, auch zwischen der katholischen und den orthodoxen Kirchen. Dasselbe Verbot gilt auch für die Teilnahme an den Dialogen, an den Konferenzen, bei denen die Vertreter des Patriarchates Konstantinopel zugegen sind. Es gibt eine offizielle katholisch-orthodoxe Dialogs-Kommission, zu der auf der einen Seite die Theologen aus der katholischen Kirche und auf der anderen Seite aus allen orthodoxen Kirchen gehören. Und jetzt darf diese Kommission zwar tagen, aber die Vertreter des Patriarchats Moskau werden nicht daran teilnehmen.

DOMRADIO.DE: Hat das auch Auswirkungen zum Beispiel auf die Mitarbeit in der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland? Auch da haben die russisch-orthodoxen Bischöfe ihre Mitarbeit eingestellt.

Mykhaleyko: Das ist jetzt die Folge für die interne orthodoxe Seite. Jetzt kann diese orthodoxe Konferenz zwar tagen, aber ich denke, dass die russisch-orthodoxen Mitglieder in Zukunft nicht daran teilnehmen werden.

DOMRADIO.DE: Wie, glauben Sie, könnte denn dieser Streit beigelegt werden oder ist das auch so ein ewig flammendes Feuer wie der Ukraine-Konflikt?

Mykhaleyko: Ich kann mir jetzt kaum vorstellen, dass der Streit einfach beigelegt werden kann. Er wird jetzt seit spätestens Sommer 2018 in der Öffentlichkeit ausgetragen. Und wenn jetzt eine Seite sagen würde, wir geben nach, dann würde es bedeuten, wir verlieren unser Gesicht. Ich kann mir momentan kaum vorstellen, dass eine von beiden Seiten bereit wäre zu sagen: Nein das geht zu weit. Wir wollen keinen Streit. Wir ziehen jetzt unsere Positionen zurück. Das kann ich mir kaum vorstellen.

Sie müssen auch bedenken, die Ukraine bereitet sich auf die Präsidentenwahlen vor. Dieses Thema wird da natürlich auch groß instrumentalisiert. Die Ukraine kann militärisch gegen Russland nicht mithalten. Aber die Ukraine versucht sich mindestens auf diesem kirchlichen Weg noch etwas mehr zu verselbständigen in Bezug auf Russland.

DOMRADIO.DE: Einige rufen ja nach einer panorthodoxen Untersuchung. Was bedeutet das?

Mykhaleyko: Das heißt, es müssten dann die Vertreter aller orthodoxen unabhängigen Kirchen zusammenkommen und über diese Frage entscheiden oder diese Frage behandeln.

DOMRADIO.DE: Also eine Art Konzil.

Mykhaleyko: Genau. Es gibt jetzt 14 anerkannte orthodoxe Kirchen weltweit und die Versammlung der Vertreter dieser Kirchen ist ein Konzil, ein panorthodoxes Konzil.

Ich glaube, ein anderes Problem ist in dieser Hinsicht, warum das Patriarchat von Konstantinopel jetzt so konsequent handelt in Bezug auf die Ukraine. Diese Frage der Autokephalie ist nicht neu. Die Bitte um ihre Unabhängigkeit stellen die ukrainischen Orthodoxen schon seit den neunziger Jahren. Und diese Anträge wurden vom Patriarchat Konstantinopel immer abgelehnt. Und jetzt plötzlich im April dieses Jahres wurde dieser Bitte positiv entsprochen, was viele überraschte.

Vielleicht hat diese Entschlossenheit des Patriarchats Konstantinopels auch damit zu tun, dass Moskau vor zwei Jahren nicht zum panorthodoxen Konzil gekommen ist. Das hat natürlich dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomeos I., nicht gut gefallen. Das kann man sich vorstellen.

DOMRADIO.DE: Könnte das eine Folge aufgrund des Fernbleibens der russisch-orthodoxen Vertreter auf dem panorthodoxen Konzil sein?

Mykhaleyko: Ich kann das nicht beweisen. Ich kann nur vermuten, dass es einer der Gründe gewesen ist.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

(DR)

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