Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Helge Burggrabe
Helge Burggrabe
Alt und jung sang gemeinsam
Alt und jung sang gemeinsam
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom
Hagios-Mitsingabend im Kölner Dom

05.09.2019 - 21:00

Mitsing-Liederabend im Kölner Dom "Aufgehen in etwas Größerem"

Gemeinsam singen, schweigen und hören. Das ist der Dreiklang, dessen Zauber die Hagios-Konzerte von Helge Burggrabe auszeichnen. So einfach das ist, so erfolgreich ist die Idee. Und für immer mehr Menschen ein möglicher Zugang zu Spiritualität.

Interview mit Helge Burggrabe

Bildergalerie

Auf leisen Sohlen verlassen die vielen Konzertbesucher am späten Abend den Kölner Dom – feierlich schweigend oder mit einem verstummenden Lied auf den Lippen. Wer spricht, der flüstert. Kaum merklich ist noch ergriffenes Summen zu hören: "Du bist ein Segen – gesegnet bist du". Soeben haben sich die etwa tausend Teilnehmer des Mitsingkonzerts von Helge Burggrabe diese Gewissheit zum Abschied in einer schlichten Melodie zusprechen lassen, diese Botschaft mit einer Geste bewusster Zuwendung vielleicht sogar selbst dem Nachbarn zur Rechten oder Linken in der Bank zugedacht. Denn dazu hat der Komponist und ausgebildete Flötist, der mit seinen geistlichen Impulsen und einfachen Liedgesängen zum Mitsingen zuvor durch den Abend geführt hat, ausdrücklich angeregt. Und so geht jeder nach rund anderthalb Stunden nicht nur mit einem Lächeln, sondern zudem auch noch mit einem richtig guten Gefühl nach Hause.

Sich einlassen, sich berühren lassen – so nennt Petra Dierkes, als Seelsorgeamtsleiterin im Erzbistum neben der Bensberger Thomas-Morus-Akademie Mitveranstalterin dieses Konzertes, die Haltung, die als einzige Voraussetzung gilt, um im Kontext von erhabener Architektur und dieser fast reduziert erscheinenden Musik ein zutiefst geistliches Erlebnis mitzunehmen. Ausklang in Stille – das steht von daher nicht ohne Grund am Ende des Programms. Auch um von der Intensität des soeben Erlebten nichts so schnell wieder einzubüßen.

Altvertrautes wandelt sich in neuem Licht

Nur spärliches Licht spendet die Beleuchtung in der nächtlichen Kathedrale, und dennoch ist die Wirkung ihres filigranen Mauerwerks übermächtig. Ein Lichtkünstler zaubert Farben an die Vierungspfeiler, Kapitelle und in die Kreuzgratgewölbe der Seitenschiffe. Erfahrungsraum Kölner Dom – wieder einmal wandelt sich Altvertrautes in neuem Licht. Der provozierte Effekt ist zusätzliche Einladung zum Innehalten, zur Sammlung, zum Gebet. Mal brennt das Kircheninnere in flammendem Rot, dann taucht es ein in die kühleren Nuancen von Violett und Blau. Auch weißes Licht, um die Steine in ihrer neutralen Ursprünglichkeit zur Wirkung kommen zu lassen, wird gegen die Wände geworfen. Und die Texte der Lieder, deren geistliche Genesis Burggrabe zunächst erläutert und zu denen er die Töne immer erst vorgibt, bevor er sie dann nachsingen lässt, heißen "Schweige und höre", "Geborgen im Segen", "Im Dunkel unsrer Nacht", "Bleibe bei uns" oder "Pace e bene" – wie der Friedensgruß des Heiligen Franz von Assisi. Es sind Zeilen, die eine Stimmung mit Sogwirkung erzeugen, einhüllen, jeden auf sich selbst zurückwerfen. Stellenweise entsteht eine Stille, bei der man die sprichwörtlich fallen gelassene Stecknadel hören könnte.

Auf Spurensuche nach der Kraft des Gesangs

Überhaupt geht es dem 46-Jährigen viel um Atmosphärisches; darum, Bedingungen für eine Erfahrung von Gottesnähe zu schaffen. Hagios heißt im Altgriechischen "heilig". Unter dieser Überschrift, die – wie Burggrabe erläutert – das Nicht-Nennbare umreißt, begibt er sich auf eine Spurensuche nach der geheimnisvollen Kraft des Gesangs und stellt unter diesem Titel Jahrhunderte alte Melodien – vor allem auch aus der Tradition von Klöstern – zusammen. Aber auch Anleihen aus der orthodoxen Liturgie, aus der jüdischen Musik und Taizé-Gesänge verwendet Burggrabe und gibt ihnen einen neuen Rahmen. Ihnen legt er Texte aus verschiedenen Kulturen zugrunde, die – neu vertont – die Grenzen zwischen Andacht und Konzert auflösen. Über die Musik, die für den Kirchenmusiker ein denkbarer Schlüssel zum Glauben ist, will er zur gelebten Spiritualität kommen. Nicht umsonst nennt er das, was er tut, "Ausdrucksmöglichkeit für die Seele" und "gesungenes Gebet". Dabei spielt sein Respekt vor diesem erhabenen Raum als Resonanzkörper eine zentrale Rolle.

Burggrabe geht es nicht um eine äußere Perfektion beim Singen. "Es gibt keine falschen Töne", stellt er klar. Vielmehr traut er jedem zu mitzumachen, der nach einer unmittelbaren Ausdrucksform für seinen Glauben sucht und das gesungene Wort – ohne großes Anspruchsdenken – in diesen großen Kirchenraum gibt. "Ich kann mich als ein Instrument einstimmen, so dass durch mich eine größere Melodie zum Klingen kommt", erklärt er sein Anliegen mit einer Metapher. Mal lässt er sein Publikum, in dem sich längst überzeugte Anhänger dieser speziellen Musikrichtung ausmachen lassen, die Vokale des Wortes "Hagios" wie bei einer Art Verkostung lang dehnen – das darf jeder in seiner Tonlage – dann wird es rhythmischer, beim Heiligen Franziskus auf Italienisch sogar fast tänzelnd. In der Resonanz eine Beziehung herstellen – zur Musik und diesem gewaltigen geistlichen Akustikraum – das ist die Idee hinter diesem harmonischen Zusammenspiel. "Und daran sollen alle teilhaben, eben ihr Instrument mitbringen", wiederholt Burggrabe noch einmal sein Lieblingsbild, mit dem er die Art seines musikalischen Angebots umschreibt.

Chance, spirituelle Haltepunkte zu gestalten

"Mein persönlicher Eindruck ist", so skizziert es Domdechant Monsignore Robert Kleine in seiner Begrüßungsansprache, "dass gerade die Verbindung von Stille, Musik und Spiritualität eine sehr große kraftvolle Chance ist, spirituelle Haltepunkte in großer Offenheit zu gestalten." Im Wechsel von Kontemplation, mehrstimmigem Gesang und Klangimprovisation verwandle sich der abendliche Dom in einen großen transparenten Klangraum, getragen von allen, die gekommen sind, um sich in die große Glaubensweggemeinschaft einzureihen.

Genau so mögen es auch die vielen Besucher an diesem Abend im Dom für sich erleben. "Hagios – das bedeutet für mich singen, auch wenn ich eigentlich gar nicht singen kann", gesteht Anke Loose freimütig. Sie hat Helge Burggrabe vor einem Jahr schon einmal in Frankfurt erlebt und war begeistert. Sonst wohnhaft in Karlsruhe, ist sie nur für einen Tag in Köln. Dass sie hier nun ausgerechnet auf Hagios stößt, freut sie ungemein und wertet sie als gutes Omen. "Diese Musik schafft für mich die Anbindung an etwas Höheres", erklärt sie die Magie dieser Klänge und Töne. Das könne man auch Gott nennen, fügt sie noch hinzu. "Es entsteht etwas Gemeinsames, das Berührung schafft. Man geht auf in etwas Größerem."

Beatrice Tomasetti

(DR)