Wer die synodale Kirche des 21. Jahrhunderts verstehen will, müsse sich ein Sinfonieorchester vorstellen, sagt der maltesische Kardinal Mario Grech vor Hunderten Zuhörern in Würzburg. Der oberste Organisator der Weltsynode erlebt beim Katholikentag aber nicht nur Begeisterung, denn in Würzburg treffen zwei unterschiedliche Verständnisse von Synodalität aufeinander: Vertreter des Vatikans und der Weltkirche auf der einen Seite, aktive Mitglieder des Synodalen Weges in Deutschland auf der anderen. Finja Miriam Weber ist 25 Jahre alt – und blickt anders auf Kirche als der Kurienkardinal.
Für Grech ist die Weltkirche eine Sinfonie: Jede Teilkirche spielt ihr eigenes Instrument, doch alle spielen dieselbe Melodie. Jedes Instrument habe seinen eigenen Klang, sein eigenes Timbre – dennoch gebe es einen gemeinsamen Dirigenten.
Wer ist der Dirigent?
Doch wer ist dieser Dirigent? Fragen, die Finja Miriam Weber beschäftigen. Gott? Der Papst? Der Bischof? Der Priester? Dieses System sei für die junge Studentin nicht mehr tragbar. Für sie gleiche die Kirche weniger einem professionellen Orchester als vielmehr einer offenen Musikgruppe, in der jeder seinen kreativen Beitrag leisten kann.
Die Diskussion, organisiert von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, wurde im Congress Centrum Würzburg mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Mit Birgit Weiler nahm auch eine Ordensfrau aus Peru an dem Gespräch teil. Sie berichtete von ihren Erfahrungen mit indigenen Völkern. Auch die Menschen in ihrer Wahlheimat lebten Synodalität, selbst wenn sie diesen Begriff nicht verwendeten, so Weiler. Dort erlebe sie ein respektvolles Miteinander und ein aufmerksames Zuhören. Autorität werde nur dann akzeptiert, wenn sie im Dienst der Gemeinschaft stehe und sich dieser würdig erweise.
Respekt für Deutschland
Auf der anderen Seite der Welt lebt Kardinal Ladislav Nemet, der Erzbischof von Belgrad in Serbien. Als Steyler Missionar hat er lange in Österreich gelebt und kennt die deutschsprachige Kultur gut. Er habe großen Respekt vor der Kirche in Deutschland, die sich ihren Ruf und ihre theologische Kompetenz über Jahrzehnte erarbeitet habe. Nur in Deutschland könne es etwas wie den Synodalen Weg geben. In Serbien fehlten dafür die Mittel. In Frankreich wiederum gebe es zwar viele Ehrenamtliche, aber nicht das institutionelle Schwergewicht wie in Deutschland, zitiert Nemet einen französischen Ordensmann.
Gleichzeitig, so gibt Nemet zu bedenken, hätten die Themen der Kirchenreform immer auch einen kulturellen Hintergrund. Die Frage nach der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare werde in Serbien kaum gestellt, da das Land stark von der orthodoxen Kirche geprägt sei und das Thema dort nahezu keine Rolle spiele.
Geduld und Ungeduld
In Deutschland hingegen gebe es eine große Ungeduld. Das bestätigt auch die Ordensfrau Katharina Kluitmann, die gemeinsam mit Konstantin Bischoff als Anwältin des Publikums auftritt. Gerade die Frage nach Segnungen, fehlenden Ämtern für Frauen oder dem Zölibat sorge in Deutschland für großes Unverständnis. Wie könne die Kirche mit dieser Gleichzeitigkeit von Geduld und Ungeduld umgehen?
Für Finja Miriam Weber ist das eine Herausforderung. Mit Blick auf das Bild der Sinfonie sagt sie, dass sie bestimmte Instrumente nicht spielen dürfe, nur weil sie eine Frau sei – begleitet von lautem Applaus aus dem Publikum.
Grech will mehr Evangelisierung
Am Ende prallen in dieser Diskussion zwei sehr unterschiedliche Verständnisse von Synodalität aufeinander. Das macht auch Kardinal Mario Grech in seinem Schlusswort deutlich. Die heiß diskutierten kirchenpolitischen Fragen halte er zwar für bedeutsam, doch wundere er sich darüber, dass niemand aus dem Publikum nach der missionarischen Aufgabe der Kirche gefragt habe. Gerade in Zeiten weltweiter Polarisierung brauche es mehr denn je eine Kirche, die das Evangelium verkünde. Die Kirche sei letztlich nicht Selbstzweck, sondern allen Menschen von Jesus Christus anvertraut – dem Komponisten dieser großen Sinfonie.
Vielleicht, so die abschließende Publikumsfrage, brauche die Welt heute weniger Sinfonie und mehr Jazz. Ja, räumt Kardinal Grech lächelnd ein: Die Welt braucht mehr Jazz.