Schon ihr Name ließ keinen Zweifel daran, dass mit ihr etwas Neues beginnen sollte: die Enzyklika "Rerum novarum" von Papst Leo XIII. Sie wurde am 15. Mai 1891 unterzeichnet und nennt im Titel explizit die "neuen Dinge", mit denen sich die erste päpstliche Sozialenzyklika der Kirchengeschichte beschäftigt. Gemeint waren damit die vor allem sozialen, aber auch wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Besonders die sogenannte "soziale Frage" führte dazu, dass Leo XIII. die Enzyklika verfasste: Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts hatte in den Städten und industriellen Zentren Europas und Nordamerikas eine große Schicht von Arbeitern mitsamt ihren Familien entstehen lassen, die der Verelendung preisgegeben war. Geringe Löhne, unwürdige Unterkünfte und soziale Verwahrlosung waren an der Tagesordnung. Dieser "Arbeiterfrage" widmeten sich in Deutschland vor allem die Sozial-Pioniere der katholischen Kirche, wie der Priester Adolph Kolping oder der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler.
Papst Leo XIII. greift ihre Ideen auf. Er sieht in seiner Enzyklika Kirche, Staat und Arbeiterschaft in der Pflicht, etwas gegen diese unhaltbaren Zustände zu unternehmen. Die gottgegebene Würde jedes Menschen verbiete es, dass die Arbeiter "wie Sklaven angesehen und behandelt werden", heißt es in "Rerum novarum". Jedem Arbeiter müsse ein angemessener Lohn gezahlt werden, alles andere sei eine "Sünde, die zum Himmel schreit" – eindeutige Kritik am Gewinnstreben der Industriellen und Großgrundbesitzer. Gleichzeitig verteidigt der Papst mit scholastischer Theologie das Recht auf Privateigentum.
Kirche öffnet sich für "soziale Frage"
Die erste Sozialenzyklika der Kirche entwickelt keine umfassende theologische oder gesellschaftspolitische Theorie. Sie bewegt sich vielmehr klug abwägend zwischen einem Liberalismus, der ohne jegliche Rücksicht auf die Arbeiterschaft auf einen freien Markt setzt, und sozialistischen Revolutionstendenzen. Dabei gelingt es Leo XIII., die Kirche wenigstens mit Blick auf die "soziale Frage" für die Moderne zu öffnen – ein Novum für die damalige Zeit. Denn das Lehramt des 19. Jahrhunderts bewegte sich bis dahin strikt auf dem Kurs des Antimodernismus und lehnte gesellschaftliche Neuerungen, wie Menschenrechte, Demokratie und freiheitliche Bewegungen ab.
Die Gratwanderung von "Rerum novarum" glückte: Die Enzyklika wurde von den Gläubigen und vom Klerus weltweit intensiv rezipiert. In Deutschland war eine unmittelbare Folge von Leos Text das Aufkommen des katholischen Verbandswesens und eines starken Laienkatholizismus. Außerdem begründete das Lehrschreiben die bis heute wirksame katholische Soziallehre.
Als Enzyklika kommt "Rerum novarum" eine hohe Autorität zu. Diese päpstlichen Rundschreiben geben in der Regel die Lehrmeinung eines Papstes wieder und besitzen deshalb eine große Verbindlichkeit. Sie müssen jedoch in ihrem jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontext gelesen werden, damit man sie richtig verstehen kann.
Wann erscheint "Magnifica humanitas"?
Die große Bedeutung von "Rerum novarum" zeigt sich auch darin, dass viele Nachfolger Leos XIII. mit jeweils eigenen Sozialenzykliken Bezug auf das Lehrschreiben nahmen. So veröffentlichte Pius XI. 1931 die Sozialenzyklika "Quadragesimo anno" ("Im vierzigsten Jahr"), die bereits im Titel auf "Rerum novarum" anspielt. 30 Jahre später tat es ihm Johannes XXIII. mit "Mater et magistra" ("Mutter und Lehrmeisterin") gleich. Beide wurden am 15. Mai des Erscheinungsjahres unterschrieben, so wie ihr Vorbild.
Papst Johannes Paul II. veröffentlichte sowohl 1981 mit "Laborem exercens" ("Durch Arbeit") als auch 1991 mit "Centesimus annus" ("Das hundertste Jahr") Sozialenzykliken in der Tradition von "Rerum novarum". Nun könnte sich Papst Leo XIV. einreihen: Medienberichten zufolge soll sich seine erste Enzyklika den drängenden Themen der Künstlichen Intelligenz und dem Frieden in der Welt widmen – und damit eine Sozialenzyklika sein. Der Arbeitstitel des ersten Lehrschreibens seines Pontifikats soll demnach "Magnifica humanitas" ("Großartige Menschheit") sein.
Es gilt als möglich, dass er sie heute, am 135. Jahrestag von "Rerum novarum" unterzeichnet hat, auch weil der Vatikan das erst später bekanntmachen würde. Die Veröffentlichung päpstlicher Dokumente geschieht unter Umständen zudem einige Zeit nach ihrer Unterzeichnung. Dass sich Robert Prevost, so der bürgerliche Name des derzeitigen Papstes, in der Nachfolge von Leo XIII. sieht, hatte er wenige Tage nach seiner Wahl in einer Ansprache vor den Kardinälen betont.
"Leo XIII. stellte sich den Herausforderungen der ersten industriellen Revolution – heute stehen wir vor einer neuen: der Revolution der künstlichen Intelligenz und ihrer Auswirkungen auf Gerechtigkeit, Arbeit und Menschenwürde", so Papst Leo XIV. Es wird sich zeigen, wie sich das in seiner ersten Enzyklika niederschlägt.