"Sie nehmen hier wahrscheinlich an einer der wichtigsten Veranstaltungen des Katholikentages teil – mit den Gästen, die die weiteste Anreise hinter sich haben", so eröffnete Moderator und DOMRADIO.DE-Chefredakteur Renardo Schlegelmilch das Podium "Gehen oder Bleiben", das am Donnerstagabend vor rund 300 Menschen im Mainfranken Theater Stimmen aus dem Nahen Osten auf den Katholikentag brachte.
Mit teils beschwerlicher Anreise über verschiedene Länder waren der Jerusalemer Benediktiner-Abt Nikodemus Schnabel, Reem Akroush, die als palästinensische Christin das Büro des Heilig-Land-Vereins in Jerusalem leitet, sowie Michel Constantin von der Päpstlichen Mission aus dem Libanon nach Würzburg gekommen. Die Perspektive der Deutschen Bischofskonferenz vertrat der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz, der für die Bischöfe die Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten leitet und zuletzt im Januar im Heiligen Land war.
Kulturschock auf dem Katholikentag
Für ihn sei es ein regelrechter Kulturschock, aus dem Kriegsgebiet nach Bayern zu kommen, gestand Abt Nikodemus Schnabel. Mit seinen Brüdern bestehe der Alltag im Moment aus Bunkern und Ausnahmezustand; in Deutschland werde eher an Spritpreise oder Lieferketten gedacht.
Den 28. Februar, den Tag des Kriegsausbruchs, hätten die Brüder gemeinsam mit einer Pilgergruppe aus Paris im Priorat Tabgha am See Genezareth verbracht. Mit ihnen hätten sie auch Zeit im Bunker verbracht. Eine belastende Situation, aber keine ungewöhnliche, so Schnabel. "Wir sind im Prinzip von einer Krise in die nächste geschlittert. Vor dem 7. Oktober kam ja auch noch Corona. Das letzte gute Jahr für uns war 2019 – seitdem hatten wir vielleicht acht Monate, in denen die Menschen normal leben und arbeiten konnten."
Deshalb habe die Eskalation des Nahost-Krieges mit dem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran zwar nicht wirklich überrascht, aber dennoch geschockt, so Schnabel. Selbst Militärs und Experten, mit denen er in Kontakt stehe, hätten nicht mit diesem Schritt gerechnet. Man habe eigentlich erwartet, dass 2026 ein Hoffnungsjahr würde; von diesem Gedanken hätten sich die Ordensbrüder jedoch schnell verabschieden müssen.
"Christen müssen Stellung beziehen"
Ein Eindruck, den auch Erzbischof Bentz bestätigen kann, der zuletzt im Januar – nur wenige Wochen vor Kriegsausbruch – im Heiligen Land war. "Es gab eine gewisse Form von Zuversicht. Dann kam der unverantwortliche Angriff auf den Iran, der eine Ausweitung und Unberechenbarkeit gebracht hat."
Der Paderborner Erzbischof und langjährige Nahost-Experte ist deshalb auch der festen Überzeugung, dass der Angriff auf den Iran nicht vom Völkerrecht gedeckt sei. Er sei sehr froh, dass auch der Papst hier deutlich Stellung bezogen habe. "Mich erschreckt, dass anscheinend ohne Plan, ohne klares Ziel, ohne Strategie ein Flächenbrand der gesamten Region in Kauf genommen wird", so Bentz. Wo Völkerrecht missachtet werde, hätten vor allem auch Christen die Pflicht, das deutlich zu benennen. "Christen müssen Stellung beziehen."
Alltag palästinensischer Christen
Die Bedrängnis von Christen im Nahen Osten kann Reem Akroush tagtäglich am eigenen Leib erleben. Die palästinensische Katholikin arbeitet für den Heilig-Land-Verein in Jerusalem, ist aber in Bethlehem und damit im Westjordanland geboren und aufgewachsen.
"Ich bin Mutter von drei Kindern. Meine Tochter ist jetzt zum Studieren nach Deutschland gegangen; ich hatte kein Argument dagegen, dass sie das Land verlässt." Es sei nämlich nicht nur die Kriegsbedrohung, sondern die andauernden Unannehmlichkeiten für palästinensische Bürger, die ihre Familie belasteten, so Akroush. "Kontrollen, Genehmigungen, stundenlange Wartezeiten – das ist für uns die einzige Möglichkeit, unseren Alltag zu leben. Das ist sehr herausfordernd." Umso mehr respektiere sie, wie viele palästinensische Christen sich trotz Krieg und Unannehmlichkeiten dazu entschieden hätten, in ihrer Heimat zu bleiben. "Schaut man den Menschen ins Gesicht, sieht man: Sie entscheiden sich für das Leben."
"Menschen an sich sind doch gut"
Das gehe allerdings nicht nur den Christen im Heiligen Land so, sondern auch im Libanon, berichtet Michel Constantin, der Leiter der Päpstlichen Mission für den Libanon, der direkt aus Beirut nach Würzburg gereist war. In der angespannten politischen Lage im ganzen Land sei es besonders der Süden, der Sorge bereite. Dort gerieten die Menschen wortwörtlich zwischen die Fronten von israelischer Armee und der Terrormiliz Hisbollah. "Das ist nicht unser Krieg. 70 Prozent der Libanesen stehen nicht hinter der Hisbollah", so Constantin.
Besonders bewegend sei für ihn das Schicksal einer ganzen Reihe christlicher Dörfer in der Grenzregion, in denen sich die Menschen weigerten, ihre Heimat zu verlassen. Mehrmals habe er diese Dörfer selbst besucht, auch um gemeinsam mit dem päpstlichen Nuntius Hilfsgüter zu verteilen. "Diese Menschen leben ohne Wasser, ohne Strom, ohne Versorgung mit Nahrungsmitteln. Trotzdem bleiben sie, denn sie wissen: Wenn sie gehen, wird ihre Heimat zerstört."
In dieser Dauerkrise habe er dennoch Hoffnung, so Constantin. Am Ende breche sich die Situation für ihn auf einen Satz herunter: "Menschen sind im Grunde gut." Politik und Medien seien es, die den Konflikt heraufbeschwören und zuspitzen.
Die Podiumsdiskussion "Christen im Nahen Osten: Bleiben oder Gehen?" im Mainfranken Theater in Würzburg wurde von der Deutschen Bischofskonferenz, dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande und der Abteilung Weltkirche im Erzbistum Köln veranstaltet.