Bischof Wiesemann und Harald Schmidt sprechen über Depression

"Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen"

Ein Bischof nimmt eine Auszeit. Der Missbrauchsskandal hat bei Karl-Heinz Wiesemann eine Depression ausgelöst. Doch es gab eine lange Vorgeschichte, erklärt er im Gespräch mit Harald Schmidt auf dem Katholikentag.

Autor/in:
Christoph Arens
Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer, am 5. Februar 2024 in Speyer / © Julia Steinbrecht (KNA)
Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer, am 5. Februar 2024 in Speyer / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Die Sänger Wincent Weiss und Howard Carpendale, die Sängerin Sarah Connor, die Schauspielerin Nora Tschirner und die Komiker Kurt Krömer und Torsten Sträter – immer mehr Promis sprechen öffentlich über ihre Depressionen, um die Krankheit zu enttabuisieren.

Jetzt hat auch ein katholischer Bischof offengelegt, wie er über Jahre in die Erkrankung gerutscht ist und mühsam wieder herausgefunden hat. Auf dem Katholikentag in Würzburg ist es der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann (65), der zwei Stunden lang vor großem Publikum darüber berichtet, wie die Krankheit auch seinen Glauben und sein Selbstbild als Bischof verändert hat.

"Raus aus der Depression"

Der Rahmen ist ungewöhnlich: Seit 2021 laden der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, und Showmaster Harald Schmidt als Schirmherr der Stiftung in unregelmäßigen Abständen prominente Gäste zu öffentlichen Gesprächen ein, die für den NDR-Podcast "Raus aus der Depression" aufgezeichnet werden. Bislang gibt es mehr als 40 Folgen. Immerhin erkrankt in Deutschland etwa jede fünfte Person mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression.

Harald Schmidt / © Expa/Johann Groder (dpa)
Harald Schmidt / © Expa/Johann Groder ( dpa )

Es wird, trotz allen Ernstes und Tiefgangs, ein heiteres Gespräch mit großem Publikum. Schmidt witzelt zu Beginn über den Katholikentag: "Bratwurst hin, Bratwurst her, die ganze Stadt riecht nach Weihrauch." Das Gespräch mit Wiesemann kündigt er als "einen vorgezogenen Fronleichnamsnachmittag im Pfarrgarten" an.

Teil einer 1000-jährigen Geschichte

Den Bischof lockt er mit Fragen zum Speyerer Dom aus der Reserve: Er erinnert an den Trauergottesdienst von Altkanzler Helmut Kohl mit weltweiter Beteiligung. Und will wissen, ob das riesige romanische Gotteshaus, Grablege mittelalterlicher Kaiser, einen Menschen nicht klein mache. 

Da ist Wiesemann, 2002 in Paderborn zum Weihbischof geweiht und seit 2007 Bischof von Speyer, schon mitten im Thema: Das Gotteshaus mache einen Menschen zwar klein, aber erhebe ihn auch, weil man sich in diesem wunderschönen Raum als Teil einer mehr als 1.000-jährigen Geschichte und einer großen Gemeinschaft der Christen fühle. Das mache demütig.

 Speyerer Dom
 / © Bert Bostelmann (KNA)
Speyerer Dom / © Bert Bostelmann ( KNA )

Je länger das Gespräch dauert, desto mehr hält Schmidt sich zurück. Auch Hegerl, Professor für Psychiatrie in Frankfurt, beschränkt sich auf die Rolle des Experten im Hintergrund, der ab und zu Fachwissen einstreut. Etwa dass eine Depression jeden Menschen treffen kann, oft ohne klaren Auslöser: 

"Depressionen sind eigenständige, schwere Erkrankungen und mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände", sagt er. Und dass man sich, wenn man in eine Depression zu rutschen beginnt, so schnell wie möglich Hilfe von außen suchen sollte. Auch Wiesemann betont: "Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen."

Großer Idealismus als Priester und Bischof

Im Lauf des Gesprächs nimmt der aus Ostwestfalen stammende Bischof seine Zuhörer mit auf eine Reise durch seine theologische Karriere. Wie der idealistische, von einer frommen Familie und katholischer Jugendarbeit geprägte Schüler – inklusive Studium in Rom – Priester wird und ganz in der Rolle des Seelsorgers aufgeht. 

Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer / © Julia Steinbrecht (KNA)
Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Wie dieses Weltbild immer größere Sprünge bekommt, weil das alte Bild von Kirche zerbröckelt und manche kirchliche Lehre an der Realität zerschellt. Das setzt ihm immer mehr zu.

Dann der Sprung vom Seelsorger zum Bischof mit abstrakten Leitungsaufgaben und Zwängen, viel weiter entfernt von den Gläubigen. Er habe über einen längeren Zeitraum die Grenzen seiner körperlichen und seelischen Belastbarkeit immer mehr gespürt, berichtet Wiesemann. Sein hohes Ideal als Priester und Bischof sei zur ständigen Überforderung geworden. So schonungslos hat das wohl kaum ein katholischer Bischof bislang öffentlich gemacht.

Missbrauchsskandal als Auslöser für Erkrankung

Finanzprobleme und Änderungsprozesse im Bistum, aber insbesondere der Missbrauchsskandal in der Kirche seien ihm so sehr an die Nieren gegangen, dass er krank geworden sei, berichtet der Bischof. Schlafstörungen, tiefe Ohnmachtsgefühle, Bodenlosigkeit: "Das zuvor so solide Grundvertrauen in das eigene Leben wurde brüchig", erzählt Wiesemann. Auch seinen Glauben und sein Rollenverständnis als Bischof habe er hinterfragt.

Im Februar 2021 nimmt der Speyerer Bischof dann eine sieben Monate dauernde Auszeit, inklusive zwei Monate Klinikaufenthalt. Sport, Kunst, Musik: Die Behandlung habe es geschafft, "meine kreativen Quellen wieder freizulegen", berichtet der 65-Jährige, der sich selbst als musischen Menschen beschreibt, der schon früher gern am Klavier improvisiert habe: "Ich habe gelernt, mich auf das Positive, auf das Schöne in der Welt zu konzentrieren."

Schwächen und Grenzen – Stärken und Kraftquellen

"Es war eine Zeit, die für mich nicht einfach, aber notwendig war", so der Bischof. Während der Krankheitsphase seien ihm seine "Schwächen und Grenzen" wie auch seine "Stärken und Kraftquellen" wieder deutlicher bewusst geworden. Diese Erfahrung habe auch seinen Glauben verändert und seinen Blick stärker auf die Bruchstellen des menschlichen Lebens gelenkt. Der Glaube sei ihm dabei eine Kraftquelle.

Wiesemann sieht diese Erfahrung auch als Auftrag für seine zukünftige Arbeit: Sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft herrsche ein Drang zu Perfektionierung und Selbstoptimierung. Kirche könne aber mit ihrem Gottesbild dazu beitragen, dass die Menschen Begrenztheiten und Endlichkeit besser annehmen könnten. Ein hohes Ziel am Ende eines denkwürdigen Abends.

Hilfe bei Depressionen

Im Fall einer Erkrankung oder des Verdachts auf eine Depression ist das Gespräch mit einem Arzt oder Psychotherapeutin unverzichtbar.

Informationen zu ersten Anlaufstellen finden gibt es hier.

Depressionen betreffen viele Menschen (dpa)
Depressionen betreffen viele Menschen / ( dpa )
Quelle:
KNA