"Früher habe ich anderen geholfen. Heute brauche ich selber Hilfe". Diesen Satz sagt Svetlana Valerievna Sharaeva ohne Bitterkeit in ihrer Stimme. Die frühere Ärztin kann seit einer seltenen Autoimmunkrankheit nur noch mit Mühe laufen. Ihre kleine Wohnung hat sie seit Jahren nicht mehr verlassen.
Die Diagnose kam für die heute 67-Jährige völlig überraschend. "Wenn du Vollzeit arbeitest, jeden Tag Patienten behandelst und plötzlich merkst, dass du dich kaum noch bewegen kannst, ist das ein Schock", erinnert sie sich an den Beginn vor zehn Jahren.
Doch dank ihres sozialen Netzwerks und der wöchentlichen Besuche des mobilen Pflegeteams der Caritas kann sie ihren Alltag mittlerweile gut bewältigen. Krankenschwester Maria Grossu hilft ihr dabei: "Es ist schön, wenn man den Leuten eine Freude machen kann. Man bekommt oft mehr zurück, als man selbst gibt."
Wenn Dörfer leer werden
Die mobilen Pflegeteams sind in Moldau oft die einzige Unterstützung für ältere Menschen. Denn viele Familien leben längst nicht mehr zusammen.
"Früher lebte man in Großfamilien", erklärt Sebastian Hisch, Länderreferent von Renovabis. "Die jüngere Generation hat sich um die ältere gekümmert." Doch dieses System zerfällt zunehmend. Viele junge Moldauerinnen und Moldauer verlassen ihre Heimat. Allein in den letzten zehn Jahren sind fast eine Million abgewandert, etwa nach Frankreich, Spanien oder Russland – in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
"Wenn in einem Dorf früher 2000 Menschen gelebt haben und heute nur noch zehn Familien dort sind, funktioniert dieses soziale Netz nicht mehr", sagt Hisch. Zurück bleiben ältere Menschen, die oft krank, arm und einsam sind.
Manche brauchen professionelle Pflege, andere schlicht jemanden, der einmal am Tag vorbeikommt. "Es geht manchmal einfach darum, ein warmes Mittagessen zu bringen oder sich eine halbe Stunde dazuzusetzen und zuzuhören", so der Länderreferent.
Essen oder Medikamente?
Moldau ist eines der ärmsten Länder Europas. Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Besonders hart trifft es ältere Menschen auf dem Land.
"Viele alte Menschen stehen vor der Entscheidung: Essen oder Medikamente?", berichtet Edward Lucaci, Direktor der Caritas Moldau. "Beides brauchen sie zum Leben. Aber nur für eines haben sie Geld."
Pflegeheime seien rar und teuer, soziale Dienstleistungen wenig ausgebaut. Die Folge: Isolation. Sozialhelferin Galina Ostap kennt diese Situationen aus ihrem Berufsalltag. "Manchmal kommen wir an Orte, wo sonst niemand hingeht", erzählt sie. "Die Menschen in den ländlichen Regionen sind sehr einsam." Eine ältere Frau habe zuletzt ohne Strom in ihrer Wohnung gelebt, weil sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte. "Sie hat sich schon über Wasser oder eine warme Mahlzeit gefreut".
Zwischen Russland und Europa
Neben der sozialen Krise erlebt Moldau auch eine politische Zerreißprobe. Das Land grenzt direkt an die Ukraine. Viele Menschen an der Grenze können die Einschläge russischer Bomben hören. Gleichzeitig sind die Bindungen an Russland historisch tief.
Viele ältere Menschen sind noch in der Sowjetunion aufgewachsen, sprechen Russisch und konsumieren russische Medien. "Für viele ältere Menschen steht Russland für Stabilität", erklärt Sebastian Hisch. "Junge Menschen verbinden Europa dagegen mit Freiheit und Zukunft." Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine habe sich diese Spaltung weiter verschärft.
Hinzu kommt die abtrünnige Region Transnistrien, wo bis heute russische Soldaten stationiert sind. Sebastian Hisch beschreibt seinen Besuch dort als "Zeitreise": "Man sieht zerfallene Plattenbauten, alte sowjetische Denkmäler und Industrieanlagen, die langsam verfallen. Es wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben."
"Osteuropa ist keine verlorene Region"
Welche Entwicklungen prägen Osteuropa am stärksten? Und wie steht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Region? Zum Abschluss der Podcast-Staffel zieht Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz ein Fazit. Die massive Abwanderung junger Menschen sei eine der größten Herausforderungen im Osten Europas. "Das schwächt nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch die Innovationskraft und die demokratische Teilhabe dieser Länder", so Schwartz. Gleichzeitig beobachte er in vielen Staaten politische Unsicherheit, eine schwache Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftliche Polarisierung.
Trotzdem warnt Schwartz davor, Osteuropa nur als Krisenregion wahrzunehmen. "Osteuropa ist keine verlorene Region. Es gibt unglaublich engagierte junge Menschen und viele lokale Initiativen, die Verantwortung übernehmen – gerade dort, wo der Staat nichts tut."
Diese Erfahrung habe er auf Reisen durch fast alle 29 Projektländer von Renovabis immer wieder gemacht. "Was man manchmal mit ganz kleinem Geld an großen Wirkungen erreichen kann, beeindruckt mich jedes Mal."
Erste Staffel des "Ostblick"-Podcasts beendet
"Moldau: Altersarmut – Wenn die Rente nicht reicht" ist die sechste und letzte Folge der ersten Staffel von "Ostblick – der Podcast über Osteuropa", einer Kooperation von DOMRADIO.DE und dem Osteuropa-Hilfswerk Renovabis. Darin geht es um die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen im Osten Europas. Podcast-Host Elena Hong spricht darin unter anderem mit Menschen vor Ort, die aus ihrem Alltag berichten, und interviewt Experten zu den Hintergründen. Die vorherigen Folgen thematisierten den Krieg in der Ukraine, die Lage der Karabach-Flüchtlinge in Armenien, den Stand der Inklusion in Kasachstan, Perspektiven junger Menschen in Serbien sowie ethnische Spannungen im Kosovo. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen abrufbar.