Wenn Anna Hayrapetyan zeichnet, vergisst sie die Welt um sich herum: Die Vergangenheit. Die Sehnsucht nach ihrem alten Zuhause. Die Flucht aus Berg-Karabach. "Ich habe so viele Gedanken in meinem Kopf. Aber wenn ich mich nur auf diese Figuren konzentriere, dann bekomme ich Ruhe", sagt sie und lässt mit ihrem Zirkel verschiedene Kreise ineinanderlaufen, sodass eine Blütenform entsteht.
Mit ihrer Familie flüchtete sie aus Berg-Karabach: eine kleine Enklave, um die sich die beiden verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbeidschan jahrzehntelang stritten, bis Aserbaidschan im Jahr 2023 schließlich seine Truppen schickte und die kleine, überwiegend von Christen bewohnte Region besetzte. Über 100.000 Menschen waren damals zur Flucht gezwungen. Anna und ihre Familie kamen in den letzten Kriegstagen über einen schmalen Korridor, der von Berg-Karabach durch Aserbaidschan nach Armenien führte. Wenn Anna sich daran erinnert, steigen ihr Tränen in die Augen. Sie vermisse ihre Heimat sehr, sagt sie und wendet sich ab.
Bildung ist in Armenien teuer
Die Familie gelangte nach Jeghegnadsor, eine Kleinstadt im Süden Armeniens und baute sich dort ein neues Leben auf. Seit acht Monaten besucht die 15-Jährige dort nun die Community Development NGO, ein Zentrum, das zahlreiche Angebote für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien bereithält.
Dort geht es vor allem um Bildung, denn nur wer gute Noten hat, bekommt in Armenien ein kostenloses Studium, sagt die Programm-Koordinatorin Tatev Harutyunyan: "Sonst muss man die Studiengebühren selbst zahlen und das ist eine große finanzielle Belastung für die Familien."
Viele sind traumatisiert
Die Community Development NGO fängt die Familien in Jeghegnadsor auf, hilft ihnen, eine Unterkunft und Jobs zu finden. Sie bietet Armenisch- und Englischkurse an. In Kunst-Workshops lernen die Kinder und Jugendlichen, das, was sie bewegt, auszurücken. Neben Lehrern und Sozialarbeitern stehen ihnen auch Psychologen zur Seite, denn viele seien traumatisiert, sagt Harutyunyan: "Sie haben Angehörige verloren, ihre Häuser, ihre Heimat." 2023 stand Berg-Karabach unter einer Blockade, monatelang waren die Menschen von der Versorgung abgeschnitten. "Das hat viele psychisch belastet", erzählt Harutyunyan. In der Community Development NGO helfen sie den jungen Menschen dabei, diese Traumata zu bewältigen. Wenn sie dort tanzen, malen oder lernen, vergessen sie für ein paar Stunden die Vergangenheit.
Seit über 30 Jahren gibt es die Nichtregierungsorganisation bereits, sie entstand Mitte der 1990er Jahre nach dem ersten Berg-Karabach-Krieg mithilfe der armenischen Kirche vor Ort und dem Ziel, lokale Gemeinden im Süden Armeniens zu unterstützen und Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern.
Hilfe aus Deutschland
Das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis unterstützt das Projekt. "Man merkt innerhalb von einem Jahr, was sich hier entwickelt", sagt Prof. Thomas Schwartz. Der Hauptgeschäftsführer von Renovabis besucht das Projekt regelmäßig.
An diesem Sonntag eröffnet Renovabis in Augsburg seine Pfingstaktion, die auf die Nöte der Menschen in Mittel- und Osteuropa aufmerksam machen will. Das Leitwort lautet in diesem Jahr: "Zusammenwachsen, damit Europa menschlich bleibt". Vor dem Hintergrund politischer Polarisierung, wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialer Spannungen wolle man Brücken bauen, sagt Schwartz. Die Community Development NGO sei dafür beispielhaft: "Das Land braucht Hoffnung. Und hier gibt es viele junge Menschen, die es wieder aufbauen können."
Dabei geht es um mehr als Weiterbildung und Entwicklungshilfe: Menschen sollen ihr Potential entfalten können, auch wenn die Bedingungen schwierig sind, sagt Schwartz: "Weil jeder Mensch eine Würde hat, für die wir eintreten. Jeder Mensch ist ein geliebtes Kind Gottes und sollte die Möglichkeit haben, sich so zu entwickeln, dass das, was der Herrgott in ihn gesetzt hat, sich auch entwickeln kann!"