Hilfsorganisation Open Doors erinnert an weltweite Christenverfolgung

Nahost und Subsahara-Afrika als Hotspots der Gewalt

In Syrien stehen Christen stärker unter Druck als je zuvor, in diversen Ländern südlich der Sahara sind Islamisten auf dem Vormarsch. Wie das Hilfswerk Open Doors jetzt darauf aufmerksam macht, erklärt Leiter Markus Rode.

Autor/in:
Hilde Regeniter
Blick von der maronitischen Kathedrale von Aleppo (Syrien) am 17. Dezember 2018 auf Ruinen zerbombter Häuser der Stadt / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Blick von der maronitischen Kathedrale von Aleppo (Syrien) am 17. Dezember 2018 auf Ruinen zerbombter Häuser der Stadt / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was genau ist der Open Doors Tag an diesem Samstag? Was wollen Sie damit erreichen?

Markus Rode (Leiter von Open Doors Deutschland): Genau genommen ist das eine große Plattform, zu der wir Christen aus Ländern mit extremer Verfolgung einladen. Wir möchten ihnen zeigen, dass es hier Tausende von Christen gibt und sie nicht allein sind. Sie berichten von der Situation in ihren Ländern, wir beten für sie.

Christenverfolgung im Nahen Osten / © Katharina Ebel (KNA)
Christenverfolgung im Nahen Osten / © Katharina Ebel ( KNA )

Wir erwarten dazu an diesem Himmelfahrtswochenende insgesamt 10.000 Besucher. Wir machen also die Bewegung für verfolgte Christen sichtbar, denn wir sind viele. Unsere Gäste werden zu Botschaftern, indem sie ermutigt zurückgehen und erzählen, dass sie in Deutschland Tausenden von Christen gegenübergestanden haben, die für sie gebetet haben. 

Es soll also ein Tag der Ermutigung werden, ein Tag des Gebetes oder vielmehr Tage des Gebetes, weil wir ja außer dem eigentlichen Open-Doors-Tag auch einen Kinder- und einen Jugendtag haben.

Markus Rode

"16,2 Millionen Christen sind derzeit in dieser Region auf der Flucht."

DOMRADIO.DE: Besonders blicken Sie auf Afrika südlich der Sahara, denn auf der einen Seite wachsen die christlichen Kirchen dort, gleichzeitig nimmt aber auch die Verfolgung von Christinnen und Christen zu. Über 90 Prozent aller Christen, die weltweit wegen ihres Glaubens ermordet werden, sind Afrikaner. Von welchen Ländern sprechen wir da und was verbindet diese Länder?

Rode: Wir sprechen von etwa 15 Ländern südlich der Sahara, Ländern wie Somalia, dem Sudan, Eritrea, Nigeria, Mali, Burkina Faso und noch einigen mehr, die alle sogenannte "failed states" sind, also gescheiterte Staaten. Dort herrschen nicht Recht und Ordnung, sondern islamistische Gruppierungen versuchen, Kalifate zu errichten. Sie wollen ganz Afrika islamisieren und bewegen sich dafür in einem rechtsfreien Raum. Sie überfallen christliche Dörfer, bedrohen die Frauen, Männer und Kinder auf grausame Weise und sagen: 'Wenn ihr nicht in einer Woche aus eurer Kirche eine Moschee gemacht habt, bringen wir euch alle um!' 

Sie gehen mit unfassbarer Gewalt und Zerstörungswut vor. 16,2 Millionen Christen sind derzeit in dieser Region auf der Flucht. Sie müssen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, vegetieren oft schon seit Jahren in Zeltstädten und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Afrika südlich der Sahara ist tatsächlich ein Hotspot der Gewalt gegen Christen.

Markus Rode

"Verfolgte Christen bitten aber überall auf der Welt als erstes um unser Gebet."

DOMRADIO.DE: Sie machen das Unrecht dort öffentlich. Wie helfen Sie den Betroffenen noch?

Rode: Beim letzten Open-Door-Tag haben wir die Kampagne "Arise Africa! Steh auf Afrika!" gestartet. Da geht es im Wesentlichen um Nothilfe für Christen und um Traumabewältigung. Ich habe die Traumazentren vor Ort besucht und gesehen, wie wir erst einmal die Basis dafür schaffen müssen, dass Menschen dort wieder leben und überleben können. Die Kampagne läuft weltweit. Wer etwas tun will, kann zum Beispiel Petitionskarten an Politiker schicken und für den enormen Bedarf an Nothilfe und Traumaarbeit, die besonders für die junge Generation nötig ist, spenden. 

So sieht es in Subsahara-Afrika aus, während in anderen Regionen andere Themen im Fokus stehen. Verfolgte Christen bitten aber überall auf der Welt als Erstes um unser Gebet.

DOMRADIO.DE: Ein anderer Hotspot der Christenverfolgung ist der Nahe Osten. Welche Negativtrends beklagen Sie da?

Rode: Im Nahen Osten haben wir einen weiteren Flächenbrand. In Syrien gab es erst einmal die Hoffnung, dass die neue Regierung sich als moderat erweisen würde, auch wenn ihre Mitglieder überwiegend aus ehemaligen islamistischen Gruppierungen kommen. Aber nachdem diese ehemaligen Islamisten, die heute in Anzügen auftreten, die Macht übernommen hatten, ist die Gewalt gegen Christen extrem angestiegen.

Das heißt, Syrien hat auf dem Weltverfolgungsindex den größten Sprung nach oben gemacht, was Gewalt und Verfolgung betrifft. Christen in Syrien wissen gar nicht mehr, ob sie überhaupt noch bleiben können oder ob sie besser das Land verlassen. Die Situation ist also sehr angespannt. 

Im Irak wiederum ist die Zahl der Christen von über einer Million auf gerade noch 187.000 gesunken. Zwar sind dort auch viele Muslime zum Glauben an Jesus Christus konvertiert, aber das konnte die jahrzehntelange extreme Verfolgung und Vertreibung nicht aufwiegen. Das ist das große Problem in Nahost: Die junge Generation dort hat keine Hoffnung mehr und will weg. Die Christen drohen auszusterben. 

Vier Männer, chaldäische Christen, warten an einem großen Kreuz an einer Straße auf die Durchfahrt von Papst Franziskus nach Erbil am 7. März 2021 in Karamless, Irak. / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Vier Männer, chaldäische Christen, warten an einem großen Kreuz an einer Straße auf die Durchfahrt von Papst Franziskus nach Erbil am 7. März 2021 in Karamless, Irak. / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt der aktuelle Irankrieg jetzt?

Rode: Wir stehen in Kontakt mit christlichen Netzwerken im Iran. Von ihnen wissen wir, dass die medizinische Versorgung durch Internetsperre und Versorgungsengpässe komplett zusammengebrochen ist. Sie können nicht mehr arbeiten und ihren Lebensunterhalt kaum noch stemmen. Sie versuchen, über andere Wege in Kontakt mit anderen Christen zu bleiben, haben dazu eigene Kanäle und treffen sich im Geheimen in kleinen Gruppen. Allerdings fühlen sie sich völlig abgeschnitten von der Außenwelt. 

Das ist auch deshalb schlimm, weil damit die Unterstützung von Christen aus den westlichen Ländern wegfällt, die geistliche, aber auch die finanzielle Unterstützung. Die Kirchenleiter vor Ort rufen trotz aller Schwierigkeiten zum Zusammenhalt auf.  

Markus Rode

"In diesem Fall werden die Christen noch stärker zu leiden haben, einfach nur, weil sie mit dem Westen in Kontakt standen und stehen"

Das Schöne ist: Fast alle geben weiterhin den zehnten Teil von dem Wenigen, das sie haben. Und so bricht die gegenseitige finanzielle Unterstützung innerhalb der christlichen Gemeinschaft bisher nicht zusammen. Aber natürlich schwankt die Hoffnung. Die Menschen fragen sich: Wird die Befreiung von diesem Regime noch kommen? Werden wir eines Tages tatsächlich frei sein? Oder hält sich das Regime einmal mehr? In diesem Fall werden die Christen noch stärker zu leiden haben, einfach nur, weil sie mit dem Westen in Kontakt standen und stehen. Wir müssen viel für diese Glaubensgeschwister beten.

DOMRADIO.DE: Besonders tragisch ist, dass Christen gerade im Heimatland der Bibel, im Heiligen Land, viel Schlimmes erleben. Auch hier hat sich die Lage spätestens seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 noch einmal deutlich zugespitzt. Was wissen Sie über jüngste Entwicklungen?

Rode: Ich habe mir selbst vor Ort ein Bild gemacht, ich war im Westjordanland und habe auch mit Menschen aus Gaza gesprochen. Die Situation ist äußerst angespannt, die Christen sitzen zwischen allen Stühlen, zum einen die palästinensischen Christen und auch die messianischen Juden (Anmerkung der Redaktion: Als messianische Juden bezeichnen sich Menschen, die an Jesus Christus als ihren Messias glauben, sich aber zugleich dem Judentum zugehörig fühlen und jüdische Bräuche zelebrieren.)  

Markus Rode

"Die Christen geraten also auf vielfältigste Weise und von allen möglichen Seiten in Bedrängnis."

Besonders die palästinensischen Christen stehen unter enormem Druck. In Gaza zum Beispiel leben sie in islamistischer Umgebung. Ohnehin gibt es dort kaum noch christliche Familien und die, die geblieben sind, leiden doppelt – durch den Krieg und gleichzeitig durch die Verfolgung. 

Im Westjordanland herrscht ebenfalls große Hoffnungslosigkeit, dort leben die Christen wie eingekesselt, haben keine Freiheit. Außerdem sind in der Folge des Krieges die Touristen weggeblieben. Die Christen aber leben vom Tourismus und haben nun größte Mühe, überhaupt noch eine Zukunft für sich zu sehen. Leider nimmt auch die Zahl der Angriffe auf Christen zu. Erst vor zwei Wochen ist eine Nonne auf offener Straße attackiert worden. Immer wieder werden Christen angespuckt und beschimpft. Die Christen geraten also auf vielfältigste Weise und von allen möglichen Seiten in Bedrängnis. Das zeichnet diese Region leider aus, und zwar nicht erst seit dem jüngsten Krieg.

DOMRADIO.DE: So also sieht Christenverfolgung zum Beispiel aus. Was können wir dagegen tun?

Rode: Verfolgte Christen sagen: 'Wenn ihr wisst, wie es uns geht, dann helft uns bitte! Bitte helft, indem ihr für uns betet. Bitte unterstützt uns auch geistlich!' In einigen Ländern stehen zum Beispiel keine Bibeln zur Verfügung und es gibt keine Schulungen. Wir müssen außerdem überall dort Traumaarbeit leisten, wo – wie in Afrika – Hotspots der Gewalt sind. Wir brauchen sehr viel Unterstützung für Selbsthilfeprojekte, weil Christen weltweit immer stärker ihre Lebensgrundlagen entzogen werden. Damit sie trotz allem überleben können und eine Zukunft für sich sehen. 

Wichtig ist auch zu betonen, dass es trotz härtester Verfolgung eine starke christliche Gemeinschaft gibt, die betet und an Jesus Christus festhält. Das macht uns Mut und das fordert uns auch heraus, mit ihnen und für sie zu beten.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Hilfswerk Open Doors

Open Doors ist ein überkonfessionelles christliches Hilfswerk, das sich in rund 60 Ländern der Welt für Christen einsetzt, die aufgrund ihres Glaubens benachteiligt oder verfolgt werden. Die deutsche Niederlassung des internationalen Werkes (früher "Offene Grenzen") befindet sich in Kelkheim bei Frankfurt am Main. Open Doors hat seit 2003 das Spendensiegel der Deutschen Evangelischen Allianz.

Open Doors Geschäftsführer Markus Rode / © N.N. (Open Doors)
Open Doors Geschäftsführer Markus Rode / © N.N. ( Open Doors )
Quelle:
DR

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