Der darauffolgende Montag, 12. Mai 2025
Heute war "unser" großer Tag. Der Moment der Journalisten. Es ist mittlerweile eine moderne Tradition im Zuge des Konklaves geworden, dass die erste Gruppenaudienz eines neu gewählten Pontifex dem vatikanischen Pressecorps gilt, also den beim Presseamt des Heiligen Stuhls akkreditierten Redakteuren, Kameraleuten und Fotografen.
Zu diesem Anlass ist es gestattet, seine Angehörigen mitzubringen, wenn man sie rechtzeitig vorher anmeldet. Es ist eine Premiere auf Gegenseitigkeit. Denn auch für den Neuling auf dem Thron Petri ist es das erste Mal, dass er in die riesige "Aula Paolo VI.", die vatikanische Audienzhalle aus den 60er-Jahren, tritt, um vor ausgewähltem Publikum zu sprechen und den Teilnehmern persönlich zu begegnen.
Es ist quasi eine Generalprobe für die späteren wöchentlichen Generalaudienzen, die zum lebenslangen Pflichtprogramm eines Papstes gehören werden und in der alltäglichen Praxis eines seiner wichtigsten Kommunikationsmittel darstellen.
Es waren wirklich alle da, die sich auch nur entfernt im vatikanischen Orbit tummelten. Man traf Kollegen wieder, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Oft hatten sie Kind und Kegel im Schlepptau. Niemand wollte sich diesen einmaligen Auftritt entgehen lassen, entsprechend heftig war das Gedrängel.
Gerade Journalisten sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, sich einen Platz in den ersten Reihen zu erkämpfen. Ich hatte keinerlei Lust auf diverse Ellenbogen in meinen Seiten und sicherte mir einen Platz in einer mittleren Reihe der nach hinten ansteigenden "Papst-Arena". Man konnte von überall aus gut sehen.
Mein erster Eindruck: Die zierliche Gestalt in Weiß, die da unter Applaus und Hochrufen von der Seite her auf die Bühne steuerte, war kleiner als gedacht. Wie groß mochte Leo sein? Offizielle Angaben findet man nicht; ich schätze sein Metermaß auf vielleicht 1,72 bis 1,74. Die Schweizer mit ihrem Gardemaß überragten ihn um Längen. Trotzdem ging eine ungeheure Dynamik von ihm aus. Sein Schritt war federnd und leicht, seine Bewegungen locker und sportlich.
Unwillkürlich verglich ich ihn mit Karol Wojtyła in dessen erstem Jahrzehnt seines Langzeitpontifikats. Ich war als begeisterter Ministrant ein bekennender Hardcore-Fan von "JP2", wie ihn meine Generation liebevoll nannte.
Leone bewies Humor, aber er wurde auch ernst. So lieferte er ein bemerkenswert klares und geradezu emotionales Bekenntnis zum freien Journalismus als Grundpfeiler einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft und sprach ein Gebet für weltweit im Einsatz getötete Journalisten. Hinterher nahm er sich viel Zeit für persönliche Begegnungen. Er hatte mit seinem ersten Auftritt geschafft, sich die sonst so überwiegend kirchenkritischen Medien gewogen zu machen – Chapeau!
Zum Autor:
Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren.
Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.
Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.