DOMRADIO.DE: Sie haben in dem berühmten Film "Das Boot" als Wachoffizier mitgewirkt. Wie oft werden Sie eigentlich auf diese Rolle noch angesprochen?
Martin Semmelrogge (Schauspieler und Filmlegende): Ich höre da nicht mehr zu. Das ist nicht mehr mein Thema. Natürlich fragen mich die Leute immer wieder danach, weil der Film zu den legendären Klassikern zählt. Aber das Heute zählt für mich.
DOMRADIO.DE: Er war ja trotzdem, das muss man zweifelsohne zugeben, ein unglaublicher Film. Wie denken Sie denn heute darüber?
Semmelrogge: Das ist ein Geschichtsfilm und er zeigt, wie schrecklich Krieg ist. Und er ist aktuell, weil wir immer noch keinen Frieden haben. Es geht darum, wie Menschen als Futter benutzt werden, entweder als Kanonenfutter oder in dem Fall als Fischfutter. Und man sieht es jetzt wieder, wie Menschen in Kriegsgebieten geopfert werden und nicht wissen, ob sie den nächsten Tag noch erleben.
DOMRADIO.DE: Wenn Sie nicht Schauspieler geworden wären, was dann?
Semmelrogge: Dann wäre ich auf die schiefe Bahn gekommen. Also: Ich hoffe es jedenfalls nicht. Ich bin in dieser Zeit, der Nachkriegszeit, aufgewachsen und sozialisiert worden. Da war man froh, wenn man richtig gut gegessen hatte. Und ich war auf dem Land und wollte eigentlich Bauer werden, weil es da Tiere und frische Luft gab. Dann kamen die Beatles, was mir die Musik nahebrachte. Und dann kam auch die Moped-Zeit. Es war eine unschuldige Zeit auf dem Land.
DOMRADIO.DE: Ich habe Sie als Kind in vielen Krimiserien gesehen, in denen Sie spielten. In Erinnerung geblieben ist mir ihre Art, ein wenig "ungehobelt“ zu wirken. Würden Sie gerne aus dieser Rolle rausschlüpfen?
Semmelrogge: Was heißt "ungehobelt“? Damals waren die Leute noch sehr angepasst und spießig. Dann kam die Musik von Elvis und den Beatles und die Mädchen flippten alle aus, das galt ja als unanständig damals.
Ich habe bereits als Teenager meinen eigenen Weg gesucht und in meinen Figuren auch widergespiegelt. Deswegen hatte ich damit auch Erfolg, weil es einfach avantgardistisch war und zudem revolutionär, also auch ziemlich weise. Es war eben nicht mehr so geschnitzt, sondern schon gehobelt.
DOMRADIO.DE: Ihr Vater Willy war auch ein bekannter Schauspieler. Hat er Sie auf diesen beruflichen Weg geführt?
Semmelrogge: Nein, gar nicht. Ich wollte ganz anders sein. Mein Vater war ja auch Intendant. Er war intellektuell, er hat Schauspieler schon geführt. Er hat es trotzdem raffiniert eingefädelt. Ich bin in der Waldorfschule gewesen, und mein Geschichtslehrer hat immer gesagt: "Ihr lernt hier dies und das, aber ihr müsst im Leben einfach lernen, euch zu entscheiden. Das ist wichtig. Ihr müsst daher auch lernen zu entscheiden und dann diesen Weg auch weiterzugehen und diesem Weg sowie einer gewissen Haltung treu bleiben." Das ist mir bis heute wichtig.
DOMRADIO.DE: Sie selbst haben in der Vergangenheit auch Fehler begangen und kamen mit dem Gesetz bei Verkehrsdelikten und durch Drogen in Konflikt. Fühlen Sie sich heute von Ihren Jugendsünden gereinigt?
Semmelrogge: Ich habe immer für alles bezahlt, teuer bezahlt! Ich habe keinem etwas angetan. Ich bin jetzt, so wie ich bin, in Ordnung, weil ich immer meinen Weg konsequent weitergehe. Mein Vater sagte immer, dass man ruhig Fehler machen darf, weil man sich ausprobieren muss. Man merkt dann selbst, wenn etwas nicht so gut lief.
DOMRADIO.DE: Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie sich neu erfinden mussten?
Semmelrogge: Ja, das gab es schon öfter mal. Es gab eine Zeit in meinem Beruf, in der ich mein erstes Burnout hatte. Da brauchte ich dann mal eine Pause, bin nach London gefahren und habe dort Englisch gelernt.
Wenn man auf der Überholspur ist und Alkohol und Drogen konsumiert, dann muss man nicht nur den Spurwechsel machen, sondern auch wirklich mal seinen Weg anders gehen. Das ist wichtig. Und das muss man dann konsequent und radikal machen. Diese Zeit, die ich erlebte, wird auch in meinen Büchern behandelt.
Du suchst in solchen Momenten auch Vorbilder, zum Beispiel Arnold Schwarzenegger – Leute, die auch immer wieder weitermachen, auch jetzt noch. Deswegen liebe ich auch Sprüche wie “Das Leben ist nichts für Weicheier“.
DOMRADIO.DE: Was wäre denn so ein Vorbild für Sie?
Semmelrogge: Arnold natürlich, Andy Warhol als Künstler, Mick Jagger und Keith Richards als Musiker.
DOMRADIO.DE: Wie sieht es mit spirituellen Vorbildern aus, beispielsweise mit Jesus?
Semmelrogge: Das mit Jesus ist eine gute Geschichte. Er hatte die Schuld der Menschheit auf sich geladen, die die Menschen verursachen. Jesus ist ein cooler Typ, weil er halt eben auch anders war. Und er wurde auch Geschichte und auch verraten. Und den Verräter hat es bekanntlich dann auch getroffen.
DOMRADIO.DE: Gab es in Ihrem Leben Momente, in denen ein unsichtbarer und lenkender Gott Sie beschützte – viel mehr als alles Sichtbare?
Semmelrogge: Ja, das ist mir sogar im letzten Jahr noch passiert. Da denkt man schon, dass da ein Schutzengel vor Ort ist. Ich glaube schon an eine gewisse Kraft, die man aber auch leben muss – will heißen: seine Mitte auch immer finden. Mir sind im vergangenen Jahr ein paar Sachen passiert, die alle böse hätten enden können. Und da hatte ich wirklich immer Glück oder einen Schutzengel.
DOMRADIO.DE: Mögen Sie den Papst?
Semmelrogge: Ja, ich mag ihn. In puncto Trump, der ihn despektierlich behandelt und scharf angegriffen hatte und zudem noch erklärte, Leo sei nur wegen ihm Kirchenoberhaupt geworden, hat der Papst auch sehr cool reagiert. Und ich finde, Gott und sein Stellvertreter auf Erden haben auch das Recht, ihre Meinung zu sagen.
DOMRADIO.DE: Sie machen sogenannte "Rock & read“ - Veranstaltungen, in denen man sie live erleben kann. Dort wird Rockmusik gespielt und Sie lesen aus Ihren Büchern, beispielsweise aus "Ein wilder Ritt durch 50 Jahre Paragraphistan“, in dem Sie aus Ihrem turbulenten Leben unterhaltsam berichten. Kommen Sie auf der Insel Mallorca, auf der Sie leben, zur Ruhe?
Semmelrogge: Ja, ich bin Ehemann und sogar Opa – und der ist immens wichtig. Das merke ich und habe es unterschätzt. Da ist man ja doch irgendwie ein Vorbild.
Ist es eigentlich nicht was Schönes, eine Familie zu haben? Ich denke, du musst mit dir zufrieden sein und deine Ruhe haben. Deswegen bin ich immer sehr dankbar, dass wir hier leben, auf dieser wunderschönen Insel.
Das Interview führte Bernd Knopp.