Auf dem Freiburger Münstermarkt sind im Moment Spargel und Erdbeeren die Verkaufsschlager. Aber Alexander und Cassandra lassen mit ihren Lehrerinnen Maria Dorer und Aina Antsonasandratra die Marktstände links liegen und biegen durch eine unscheinbare Lücke im Bauzaun direkt zum Münsterturm ab. Ein ruckeliger, ziemlich luftiger Bauarbeiter-Aufzug bringt die beiden geistig und körperlich behinderten Kinder dann in schwindelnde Höhe. "Sie können nicht sprechen, aber ich merke, wie aufgeregt sie sind", sagt Dorer, als sie in 55 Meter Höhe den Ausblick über Stadt und Schwarzwaldberge erkunden. Über sich nur noch die offene, kunstvoll gestaltete Turmspitze. "Das ist für uns eine einzigartige Einladung."
Der Freiburger Münsterbauverein hat zum europäischen Aktionstag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in dieser Woche die besondere Aktion organisiert. Die Inspiration kam von einer ähnlichen Initiative am Ulmer Münster, wie Sprecherin Leona Lejeune berichtet. Etwa 50 Kinder und Jugendliche plus ihre Begleitpersonen können mitmachen. "Weil immer nur ein Rollstuhlfahrer mit Begleitung in den Aufzug passt, können wir nicht noch mehr ermöglichen. Obwohl die Nachfrage viel größer war."
Nicht alle trauen sich sofort
Zwei Tage lang von 9.00 bis 16.00 Uhr pendelt der Ruckelaufzug also langsam rauf und runter, jede Tour dauert mehrere Minuten. Manche Kinder kostet es erhebliche Überwindung, sich auf die nur mit Gittern gesicherte Aufzugsplattform zu trauen. Unterwegs geht es noch an einer auf einer Sandsteinfigur brütenden Krähe vorbei.
Auch Janek Kolze ist mit seinen Schülern gekommen. Während ein Schüler aufgeregt rund um die Besucherplattform hüpft, nähert sich sein Klassenkollege nur sehr zögernd dem Geländer. Zwei Kinder haben Elektrorollstühle, deren Sitz nach oben fahren kann, sodass auch sie gut über die Brüstung schauen können. Ganz oft sind Geländer bei Aussichtspunkten für sitzende Personen ein kaum überwindbares Sichthindernis, berichten die Begleiter der Kinder.
"Inklusion heißt Hindernisse überwinden"
"Diese Einladung auf den Münsterturm macht beispielhaft deutlich, worum es bei Inklusion geht. Um den Abbau und das Überwinden von Hindernissen", sagt Kolze. Er und seine Kollegen beobachten aber, dass inklusive Ansätze und auch Schulen für Kinder mit Behinderung derzeit vielerorts unter finanziellen Druck geraten. "Das macht mich schon nachdenklich bis wütend, wenn ich sehe, wie viel Geld Deutschland jetzt für Rüstung und Militär ausgibt. Aber 20.000 Euro für einen E-Rollstuhl will sich unsere Gesellschaft nicht leisten?"
Der Unterschied springt ins Auge. Während Kinder im E-Rollstuhl selbstbestimmt über die Besucherplattform kurven, sind die anderen häufig von den Händen Dritter abhängig.
Bis zum höchsten Punkt
Zwei Kinder der Klasse, die mit etwas Unterstützung selbst laufen können, schaffen es dann sogar noch über eine enge Wendeltreppe auf die 70 Meter hohe Turmgalerie, den höchsten zugänglichen Punkt des 116 Meter hohen Münsterturms. Mit Selfies wird der Moment festgehalten.
Die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer sind sich sicher, dass diese Erlebnisse bei den Kindern lange nachwirken. Dann geht es per ruckelndem Aufzug wieder zurück zwischen die Marktstände.