Der 9. Mai ist Europatag. Gedacht wird heute an einen ersten Schritt der europäischen Einigung aus dem Jahr 1950: den Vorschlag des französischen Außenministers Robert Schuman zu einer europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Der Prozess der Einigung hat seitdem schon eine recht bewegte Geschichte mit Erfolgen und Rückschlägen.
Versöhnung nach dem Krieg war 1950 das große Ziel. Vor allem wirtschaftliche Bündnisse waren der Weg. Heute merken wir: Das allein reicht nicht. In Europa herrscht Krieg. Die Freiheit ist bedroht, nicht nur durch Russland, sondern auch durch die Weltmachtsambitionen Chinas und die Unberechenbarkeit der USA unter Donald Trump. Die Zukunft der NATO ist in Gefahr. Das Ziel europäischer Einigkeit ist dringender denn je. Und die kann nicht allein auf Ökonomie fußen. Vielmehr braucht es auch eine Vision der Werte, welche die Menschen und Völker freundschaftlich verbindet.
Gemeint ist damit nicht ein utopischer Traum, mit dem man besser zum Arzt gehen sollte, wie es einst Helmut Schmidt ironisch meinte. Vielmehr geht es um das Ziel, der europäischen Idee ein moralisches Fundament zu geben, das Einigkeit und Resilienz stärkt. Es muss aus vernünftigen Inhalten bestehen, um verstanden zu werden. Und begeistern. Dazu gehören transparente Grundwerte: gut begründete Ideen von Menschenwürde, Zusammenleben und Verantwortung. Ebenso gemeinsame Vorstellungen von Gerechtigkeit und Frieden. Solch ein Kompass ist das Gewissen einer Gesellschaft oder Gemeinschaft von Staaten. Hierfür müssen die Menschen der verschiedenen Nationen gewonnen werden. Am Europatag möchte ich eine Vision versöhnter Freundschaft zur Diskussion stellen. Nicht als fertiges Ergebnis, sondern als einen Korridor, den wir gemeinsam gehen könnten.
Eine Kultur von individueller Freiheit
Dafür braucht es eine Analyse: Wir befinden uns in einem globalen Wettstreit der Kulturen, in dem freiheitliche Ideen des Westens bislang vor allem durch Ideale des American Dream geprägt sind. Dieser Traum steht seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten für eine Kultur von individueller Freiheit. Sie wurzelt im Christentum und Liberalismus. Sie steht für individuelle Menschenrechte, rechtsstaatliche Gewaltenteilung, demokratischen Wettbewerb der Parteien, eine marktwirtschaftliche Privateigentumsordnung und hat das Völkerrecht maßgeblich geprägt. Europa muss mit einer eigenen Vision auf der Seite der Freiheit stehen, ohne das amerikanische Vorbild zu kopieren.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erhebt nun vor allem China den Anspruch, mit einem autoritären Menschen- und Gesellschaftsbild und einem großen Traum von neuer Stärke die globale Ordnung nach eigenen Regeln zu verändern. Russland tritt auf als Aggressor. Und in Teilen der islamischen Welt schlummert die Vision einer globalen Pax islamica. Europa steht vor der Herausforderung, im Wettstreit der Kulturen mit einer eigenen Vision der Werte Position zu beziehen, um nicht von Interessen anderer instrumentalisiert oder kulturell und politisch zerrieben zu werden. Diese Vision muss dem eigenen Kulturpfad folgen und zugleich ein wegbares Zukunftsideal vorgeben.
"Versöhnte Freundschaft"
Inhaltlich ist die Vision eine moralische Kulturidee, die (noch) nicht mit staatlicher Einheit korrespondiert. Schauen wir auf die gemeinsame Geschichte und von da aus optimistisch in die Zukunft. "Versöhnte Freundschaft" kann ein solches Fundament sein. Sie lernt aus der schmerzhaften Geschichte jahrhundertelanger Feindschaften, Kriege und Konflikte, aus den dunklen Erfahrungen von Kolonialismus, Vernichtung und Vertreibung. Sie schließt an deren Stelle einen Bund der Zuneigung, Treue, Solidarität und Verlässlichkeit. Diese Vision ist freiheitlich und humanistisch. Sie grenzt sich von Diktaten der so genannten kommunistischen "Völkerfreundschaften" ab. Freiheitliche Versöhnung der Völker geht Hand in Hand mit einer Versöhnung der humanistischen Traditionen, die Europas Kultur prägen und seine Werte begründen. Das sind vor allem die Philosophie der Antike, das Christentum, die Aufklärung und ein vernunftbasierter Liberalismus. Solche Vielfalt guter Begründungen gleicher Werte bereichert und stärkt das Fundament. Sie ist unvereinbar mit einem ethischen Synkretismus oder einer Ideologie bloß behaupteter Werte.
Der so begründete europäische Humanismus drückt die gemeinsame Überzeugung aus, dass gesellschaftliches Leben und Recht von der Entfaltung jedes Menschen als Person zu verstehen sind. So werden unbedingte Rechte und Pflichten des Menschen begründet. Weitere religiöse oder säkulare Humanismen sind unter diesen Prämissen als Freunde in der Koalition willkommen. Die Vision gibt dem Pfad der europäischen Kulturgeschichte in die Zukunft eine Richtung. Die normative Orientierung steht gegen Beliebigkeit. Mit diesem Wertekorridor ist zugleich die Tür geöffnet für eine lebendige Entwicklung in die Zukunft. Das steht gegen starren Dogmatismus. Und der Gedanke der Versöhnung stärkt das Band einer reifen Freundschaft in Vielfalt zwischen Völkern, Menschen und Ideen. Das entspricht unserer Geschichte und gibt der Freiheitsidee eine europäische Note.
Mit gutem Beispiel vorangehen
Die Umsetzung ist keineswegs trivial: Zuerst gilt es, mit gutem Beispiel voranzugehen und inneren Frieden in einem freundschaftlich-friedlichen Miteinander der Völker umzusetzen. Aus diesem Geist der Einigkeit erwächst Resilienz gegenüber Gefahren von außen. Aber auch die Kraft, sich selbstbewusst für stabilen Frieden einzusetzen. So wird Europa im Kampf der Kulturen wehrhaft an der Seite der Freiheit stehen. Diese Vision kann begeistern. Als Ziel verspricht sie kein Paradies auf Erden. Irdische Eschatologie hat im letzten Jahrhundert den Kontinent und die Welt ins Verderben geführt. Eine europäische Identität und ein europäischer Patriotismus müssen aber erst noch wachsen. Inhalte mancher Werte sind umstritten, und die Wurzeln müssen weiter gefestigt werden. Deshalb blicken wir am Europatag 2026 demütig auf Etappen, die noch vor uns liegen.
Wir sind zugleich stolz darauf, dass wir schon große Fortschritte im Geist versöhnter Freundschaft gegangen sind. Das macht optimistisch für den Weg in die Zukunft. Baumeister der Vision ist hierbei nicht eine Partei, nicht eine Ideologie, nicht eine autoritäre Macht oder Avantgarde. Baumeister sind die Völker Europas und damit deren Menschen. Deren Wertevorstellungen bleiben auf dem Weg ein Korrektiv, um den moralischen Korridor der Vision lebendig zu halten. Vernunft, Einsicht und Emotionalität können und sollen so die Menschen überzeugen und begeistern, Europa weiterzubringen: aus dem Geist, auf dem Pfad und mit dem Ziel versöhnter Freundschaft als freiheitlich-humanistischer Vision.
Konkrete Ideen könnten etwa sein: ein emotionaler Akt an einem emotionalen Ort, bei dem sich die Gründungsländer mit einer Deklaration feierlich verpflichten. Auf einer Fahne sollte die Zahl der Sterne o.a. der tatsächlichen Zahl der beteiligten Länder entsprechen. Zentrale Werte könnten mit Länderpatenschaften und Patronaten verbunden werden: etwa Charles de Gaulle für Versöhnung, Erasmus von Rotterdam für Humanismus und Freundschaft der Völker, Hannah Arendt für versöhnte Vielfalt, Giovanni Pico della Mirandola für die Menschenwürde, Papst Johannes Paul II. für Freiheit, Vaclav Havel für Frieden, Aristoteles für Gerechtigkeit, Adam Smith gegen Autoritarismus, Immanuel Kant für die Vernunft u.a. Solche Patrone stehen für einen europäischen Patriotismus, der regionale Patriotismen ergänzt und emotional eint.
Vision eines bereichernden Miteinanders
Ein Blick in die Zukunft geht noch weiter: Mittelfristig muss sich Europa im realen Kampf der Kulturen behaupten. Langfristig sollte es diesen Kampf nicht mehr geben: kein Gegeneinander mehr, sondern ein bereicherndes Miteinander der verschiedenen sozialen Visionen. Im Geist versöhnter Freundschaft. Das ist die globale Mission, und hoffentlich mehr als bloße Utopie.
Information: Zum Thema hat der Autor ein Buch geschrieben:
Nass, Elmar (2026): Ein Traum der Freiheit für Europa. Für Einheit und Resilienz im globalen Kampf der Kulturen, Stuttgart: Kohlhammer.