"Making of Leone": Journalist dokumentiert erste Messe von Leo XIV.

Stilwechsel im Vatikan

Seit einem Jahr ist Leo XIV. Papst. Ein Journalist erlebte die Entstehung des Pontifikats aus nächster Nähe. In seinem Tagebuch schildert er, wie der Papst bereits in der ersten Heiligen Messe ein Signal der Versöhnung setzte.

Autor/in:
Michael Feth
Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

9. Mai 2025, der Tag danach 

Wer denkt, mit dem gestrigen Abend sei das Konklave beendet, unterliegt einem Irrtum. Heute Vormittag stand nämlich die erste feierliche Heilige Messe des neuen Pontifex zusammen mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle an. Erst danach ist das Konklave offiziell beendet. 

Die Kardinäle hatten gestern Abend ebenfalls gefeiert, im Speisesaal der Casa Santa Marta. Während und nach dem gemeinsamen Abendessen sei reichlich Schaumwein geflossen. Es gab Eistorte, und es wurde gelacht, gescherzt und gesungen, so berichtete ein Teilnehmer später. Der ein oder andere Purpurträger habe dabei wohl auch zu tief ins Glas geschaut, da bekommt "Rotkäppchen-Sekt" eine ganz neue Deutung. 

Es wurde wohl weit nach Mitternacht. Auch hier machte sich auf ganz menschliche Weise die Anspannung Luft. Das Werk war vollbracht und der Wille des Heiligen Geistes erkannt.

Ich schaute mir den Gottesdienst im Livestream zu Hause an. Mit Papst Leo kehrte, so bemerkte ich zufrieden, die "Ars Celebrandi" (die Kunst der Zelebration) in die päpstliche Liturgie zurück. Er sang die Akklamationen des Messformulars, das eucharistische Hochgebet und die Segensformel. Seine Bewegungen am Altar waren elegant und würdevoll. 

Er trug die goldene Ferula (Kreuzesstab) seines Vorvorgängers Benedikt XVI., die aber auch Franziskus stets bei feierlichen Anlässen wie Ostern oder Weihnachten benutzt hatte. Ein verbindendes Symbol zweier so arg unterschiedlicher Pontifikate. Allein dies war ein Signal der innerkirchlichen Versöhnung.

Und vor allem: Endlich sah man wieder einen Papst, der die heilige Messe selbst am Altar zelebrierte und nicht nur vom Thron aus beobachtete. Diese gelegentlich eigenartig anmutende Form einer Papstmesse war in den letzten Jahren, in denen Franziskus kaum mehr laufen und stehen konnte, zu einer ungewöhnlichen Hilfskonstruktion geworden.

Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Romano Siciliani (KNA)
Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Romano Siciliani ( KNA )

Der Pontifex "präsidierte" der Liturgie im "Pluviale" (Vesper-Mantel), er "zelebrierte" sie aber nicht selbst, sondern überließ die Eucharistiefeier einem ausgewählten Kardinal im Messgewand. Zudem wusste man nie so richtig, wann eine Messe eigentlich begann. Natürlich erhoben sich die Teilnehmer, wenn der Papst im Rollstuhl zu seinem Platz geschoben wurde. 

Dann konnte man beobachten, wie er vor aller Augen eingekleidet wurde: Schultertuch, Albe, Zingulum, Stola, Pluviale, Mitra. Danach wurde er auf seinen Thron gesetzt. Es wirkte stets ein wenig merkwürdig.

Ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, warum er nicht bereits in Messgewändern zum Altar gefahren wurde. Erst danach begann mit dem feierlichen Einzug des Kirchendienstes der eigentliche Gottesdienst, wobei am Schluss der Prozession die wichtigste Figur fehlte: der Papst. Man konnte es trotz Gehproblemen durchaus anders handhaben, das hat man noch von den späten Jahren Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. in Erinnerung.

"JP 2" wurde in einem zum Thronsessel aufgehübschten, erhöhten Rollstuhl hinterhergeschoben, auf dem er bis zuletzt selbst am Hauptaltar der Eucharistie vorstand. Und Joseph Ratzinger wurde auf einem rollenden Podest der Prozession hinterhergeschoben, um ihm die langen Wege zu ersparen. Beide Modelle taten der Würde keinen Abbruch, und die historische "Sedia gestatoria", der historische Tragsessel auf den Schultern von acht Dienern, blieb im Museum.

Man mag dies für einen Feinschmecker-Fetisch halten, aber in der fein austarierten Pontifikal-Liturgie, die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hatte, ist jede Geste, jedes Parament (Gewand) und jedes einzelne Altargerät – vom Kelch über das Kruzifix bis hin zur Anordnung der Kerzenleuchter – von hohem Symbolwert. 

Nichts ist Selbstzweck, jedes Detail eine Aussage. Zudem hat die Art und Weise, wie ein Papst in Sankt Peter oder einer seiner Basiliken die Messfeier zelebriert, stets Vorbildcharakter für die Weltkirche.

Die Milde und Güte, die Leone ausstrahlte, ging mir ans Herz. Nicht, dass Franziskus kein gütiger Hirte seiner Kirche gewesen wäre. Doch so manches Mal hatte er mit Härte und Strenge seine Herde auch gehörig verstört und damit zur Vertiefung der Spaltung im Gottesvolk beigetragen. Anhand seiner Aussagen bemerkte ich, dass Leo XIV. diesen Kardinalfehler unter allen Umständen vermeiden wollte. 

Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Ein Pontifex, der die unterschiedlichen Strömungen zusammenführt, der nicht weitere Gräben aufreißt oder Anlass zu Missverständnissen jeglicher Art gibt. Das war wohltuend. Dieser Mann hatte eine klare Vorstellung, was von ihm erwartet wurde. Im Vorfeld des Konklaves hatten die Kardinäle offenbar Tacheles geredet. Diese subjektive Einschätzung sollte sich wenige Tage später bei einem Termin mit Münchens Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, bestätigen.

Natürlich zerbrachen sich alle den Kopf über die Staatsangehörigkeit von Robert Francis Prevost oder besser gesagt über seine beiden Nationalitäten: US-amerikanisch und peruanisch. Vor allem rätselten wir, wo er wohl politisch zu verorten sei. Manch einer behauptete, die Mitglieder der Familie Prevost seien stramme Trump-Anhänger und Republikaner. Den neuen Papst zählten sie automatisch dazu.

Abgesehen davon, dass einer der zwei Brüder Leos tatsächlich bei den Republikanern registriert ist (er hat dies in einem Interview selbst bestätigt) und bei der letzten Präsidentenwahl für Donald Trump gestimmt hat, gibt es keinerlei weitere Belege für die von den amerikanischen Rechtspopulisten gerne verbreitete Behauptung, alle Prevosts aus Chicago seien Trumpisten.

Papst Leo XIV. begrüßt seinen älteren Bruder Louis Prevost im Petersdom anlässlich seiner Amtseinführung am 18. Mai 2025 im Vatikan. / © Lola Gomez/CNS photo/KNA (KNA)
Papst Leo XIV. begrüßt seinen älteren Bruder Louis Prevost im Petersdom anlässlich seiner Amtseinführung am 18. Mai 2025 im Vatikan. / © Lola Gomez/CNS photo/KNA ( KNA )

Papstbruder Louis Prevost, der sich selbst als Anhänger der Trump-Bewegung "Make America Great Again" (MAGA) bezeichnet, agiert offen und macht keinen Hehl aus den unterschiedlichen politischen Positionen und familiären Meinungsverschiedenheiten.

In einem Interview konzedierte er, dass sein prominenter Bruder die MAGA-Ansichten vor allem zur Migration nicht teile. Das tue ihrem persönlichen Verhältnis jedoch keinen Abbruch, es gebe zwischen ihnen so viel mehr Verbindendes, bekräftigte Louis Prevost. Er kündigte dabei an, sich künftig mit öffentlichen Äußerungen zur Politik zurückzuhalten, um den Pontifex nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Das ganze Thema ist inzwischen dank der klaren Positionierung des Papstes vom Tisch, der eine Wirtschaft, in der ein einzelner Mensch wie Elon Musk erster Billionär der Menschheitsgeschichte werden kann, als "krank" bezeichnet, der bei jeder Gelegenheit vor den Gefahren des Populismus, einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft und Fake News warnt und sich klipp und klar an die Seite der Armen und Entrechteten stellt. 

Die US-Bischöfe ermahnte er, ihre Stimme deutlicher gegen das inhumane Vorgehen der Trump-Administration gegen illegale Migranten zu erheben. Allerdings will Leo XIV. klugerweise vermeiden, in die garstigen innenpolitischen Auseinandersetzungen seiner alten Heimat hineingezogen und instrumentalisiert zu werden. Zudem lebt er nun schon seit über zwei Jahrzehnten außerhalb der USA, nämlich in Rom und in Peru.

Auch dieser bemerkenswerte südamerikanische Staat mit all seinem kulturellen und historischen Reichtum ist ein politischer Hexenkessel, zu dessen zweifelhafter und korrupter politischer Elite der Pontifex bisher auf größtmögliche Distanz geht. So hatte es sein Vorgänger Franziskus aus ähnlichen Gründen mit seinem argentinischen Heimatland gehalten, das er nach seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt nie wieder besuchte.

Das Verhältnis zwischen den beiden weltbekannten Landsmännern Trump und Prevost dürfte derweil, neben den politischen Welten, die sie trennen, aus einem viel gewichtigeren Grund schwierig werden: Der eitle und egomanische US-Anführer wird es kaum verkraften, dass es mit Papst Leo nun einen berühmteren Amerikaner gibt als ihn selbst.

Zum Autor:

Vatikan-Korrespondent Michael Feth (privat)
Vatikan-Korrespondent Michael Feth / ( privat )

Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren. 

Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.

Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.

Die erste Predigt von Papst Leo XIV. im Wortlaut

Der Heilige Vater begann mit einigen frei gesprochen Worten in englischer Sprache: 

„Ich beginne mit einigen Worten in Englisch, und fahre dann auf Italienisch fort. Aber ich möchte die Worte des Antwortpsalms wiederholen: „Ich will dem Herrn singen ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht.“

Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Romano Siciliani (KNA)
Gottesdienst mit Papst Leo XIV. in der Sixtina / © Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
DR

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