DOMRADIO.DE: Der letzte Katholikentag bei Ihnen in Würzburg war im Jahr 1907. Wie ist das für Sie, nach so langer Zeit wieder Gastgeber zu sein?
Bischof Franz Jung (Bischof von Würzburg): Wir freuen uns sehr, dass wir Gastgeber sein dürfen. In der Tat ist es eine lange Zeit her. Als mich der ZdK-Generalsekretär Marc Frings damals fragte, ob Würzburg denn nach 1907 mal wieder Gastgeber sein könnte, habe ich gedacht, dass man da nur schlecht eine schlechte Ausrede hat. Ich sagte ihm also zu. Wir haben uns mit der Stadt verständigt, ob sie bei der Entscheidung mitgehen würde und da gab es große Einstimmigkeit und Vorfreude. Jetzt brennen alle darauf, dass es nach zwei Jahren Vorbereitung endlich losgeht.
DOMRADIO.DE: Ist denn schon alles fertig vorbereitet oder muss noch irgendwo in den letzten Tagen gewerkelt werden?
Jung: Jetzt geht es so richtig los. Die Bühnen werden auf dem Residenzplatz aufgebaut. Das ist ein größerer Akt und wir sind froh, dass wir den Platz bekommen haben. In den nächsten Tagen werden sukzessive die ganzen Bühnen und Stände in der Stadt errichtet, wie auch das Sicherheitskonzept der Polizei final erstellt. Der Vorfall in Leipzig alarmiert uns alle und wir hoffen, dass der Katholikentag ohne Zwischenfälle durchgeführt werden kann.
DOMRADIO.DE: Das Leitwort für den Katholikentag lautet: "Hab Mut, steh auf" aus dem Markusevangelium. Wofür brauchen wir denn gerade besonders viel Mut?
Jung: Dieses Leitwort ist nicht dem Zufall entsprungen, sondern wir haben im Bistum auf meine Initiative hin seit mehreren Jahren das Projekt der Sozialraumorientierung. Das heißt, wir laden die Gemeinden ein, zu schauen, in welcher Welt wir eigentlich leben und was die Menschen brauchen. Für uns war diese Bibelstelle der Begegnung des blinden Bartimäus mit Jesus ganz wichtig. Jesus sagt ihm nicht, was jetzt zu tun ist, sondern fragt ihn, was er eigentlich braucht, um dann den Mut zu haben, aufzustehen und sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.
Um zu sehen, wozu wir momentan Mut brauchen, reicht ein Blick in die Nachrichten. Auf der einen Seite nehme ich im Gespräch mit vielen Menschen ein Gefühl der Angst, aber auch der Ohnmacht im Blick auf das weltpolitische Geschehen wahr. Da sind zwei Präsidenten, die scheinbar die Welt unter sich aufteilen wollen und jeder macht das, was ihm gerade in den Kopf kommt und verlangt, dass alle ihm Gefolgschaft leisten.
Auf der anderen Seite merke ich, dass die Menschen in unserem Bistum vom Umbruch in der Industrie, der Wirtschaft und dem Verlust vieler Arbeitsplätze betroffen sind. Wir haben hier viel Autozulieferindustrie und da haben die Menschen Angst: Wie geht das jetzt weiter? Werde ich meinen Arbeitsplatz behalten oder werde ich ihn verlieren? Sie haben das Gefühl, es geht bergab. Es gibt auch viele Spannungen, die sich in unserer Gesellschaft verschärfen.
Da wollen wir ein Zeichen der Ermutigung in die Gesellschaft und in die Kirche hinein senden, das Leben in die Hand zu nehmen, wie der blinde Bartimäus auf diesen Christus zu schauen und dann wieder auf eigenen Füßen zu stehen und aus dem Glauben heraus ein Zeugnis zu geben, dass man mit diesem Christus die Welt verändern kann, mit seinen Augen die Welt neu sehen kann.
DOMRADIO.DE: Wenn man sich das Programm so anschaut, gewinnt man den Eindruck, dass der Katholikentag mit seinen Themen vor allem ein kirchenpolitisch progressives Milieu anspricht. Wie wollen Sie denn den Teil der Katholiken mitnehmen, der eher traditionell oder konservativ unterwegs ist?
Jung: Ich glaube, dass das Programm sehr weit gespannt ist: Auf der einen Seite gibt es wie üblich kirchenpolitische Themen, auf der anderen Seite Kultur. Es gibt auch eine dritte Säule, die mir und auch uns als Bistum ganz wichtig war: das Thema Spiritualität. Wir konnten ganz viele Veranstaltungen platzieren, weil wir bei den letzten Katholikentagen gemerkt haben, dass viele Menschen auf diesen Tagen nach einem geistlichen Angebot suchen.
Man kann zu den Podien gehen und politische Veranstaltungen besuchen. Aber viele Menschen sehnen sich nach geistlicher Erbauung und danach, andere Gleichgesinnte zu treffen. Deswegen haben wir im Ursulinen-Gymnasium unser geistliches Zentrum.
Uns als Bistum ist auch das Lectio-Divina-Projekt sehr wichtig, das wir in den letzten Jahren und auch für das Jahr der Hoffnung ganz stark gemacht haben. Das sind geistliche Schriftlesungen, die den Einzelnen ermutigen, sich mit dem Wort der Heiligen Schrift auseinanderzusetzen. Auf dem letzten Katholikentag in Erfurt haben uns die Menschen geradezu die Türen eingerannt und darauf freuen wir uns auch jetzt, wieder mit diesem Projekt den Menschen nahe zu kommen und ihnen das Evangelium nahezubringen.
Von daher glaube ich, ist das Programm sehr ausgewogen. Ein großer Höhepunkt für mich persönlich wird außerdem das große Jugend-Event am Rand des Katholikentages sein: "The Tabernacle", bei dem wir mit über 3.000 Jugendlichen die Eucharistie feiern. Das wird, glaube ich, auch sehr schön.
DOMRADIO.DE: Für alle Zugereisten: Was ist denn Ihr Geheimtipp für Würzburg? Was muss man auf jeden Fall mal gesehen haben?
Jung: Alle, die herkommen, wollen natürlich den Brückenschoppen auf der Alten Mainbrücke trinken. Die Brücke wird wahrscheinlich überrannt sein in diesen Tagen. Aber es ist ganz wunderbar, erst einmal die Stadt zu genießen, unsere wunderbaren Innenstadtkirchen, die per se geistliche Orte sind, dann natürlich unseren Dom, die Residenz und den Residenzplatz. In Würzburg ist eigentlich alles sehenswert.
Das Schöne ist vor allem, dass alles fußläufig erreichbar ist in der Innenstadt. Mir war das ganz wichtig, dass wir nicht irgendwo auf einem Messegelände draußen sind, sondern in der Stadt. Damit die Leute sehen: Kirche ist hier präsent in der Mitte der Gesellschaft und will auch zeigen, dass wir eine Kraft sind, die Hoffnung gibt und die Menschen einlädt, im guten Sinn diese Welt zu verändern.
DOMRADIO.DE: Ich höre schon, Sie freuen sich sehr auf den Katholikentag bei Ihnen in Würzburg.
Jung: Es muss jetzt losgehen, es kribbelt jetzt.
Das Interview führte Carsten Döpp.