Warum Trump die Autorität von Papst Leo XIV. infragestellt

"Er ist nicht der Typ, der nach Canossa geht"

US-Präsident Donald Trump hat Papst Leo XIV. öffentlich attackiert. Der Kirchenhistoriker Klaus Unterburger sieht darin mehr als einen Streit über Ton und Diplomatie. Es gehe um die Frage, wer christliche Autorität beanspruchen kann.

Autor/in:
Arne Conrad und Maximilian C. Helmes
Päpstliche Insignien, Tiara und Schlüssel, über der Gemeinde beim Gottesdienst in der Lateranbasilika in Rom / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Päpstliche Insignien, Tiara und Schlüssel, über der Gemeinde beim Gottesdienst in der Lateranbasilika in Rom / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Donald Trump hat Papst Leo XIV. öffentlich attackiert, nun soll US-Außenminister Marco Rubio im Vatikan mit dem Papst zusammentreffen. Der Konflikt zwischen Washington und Rom ist damit nicht nur ein Streit über Ton und Diplomatie. Er berührt eine Grundfrage politischer Religion: Wer beansprucht christliche Autorität – ein Papst, der zu Krieg, Migration und Menschenwürde Stellung nimmt, oder ein Präsident, der Religion für seine Politik mobilisiert?

Prof. Dr. Klaus Unterburger (privat)
Prof. Dr. Klaus Unterburger / ( privat )

Der Kirchenhistoriker Klaus Unterburger ordnet den Streit historisch ein. Politische Spannungen zwischen Päpsten und Machthabern habe es immer gegeben. Ungewöhnlich sei aber Trumps Tonlage und dessen gleichzeitiger Anspruch, selbst als christliche Führungsfigur aufzutreten. In Diplomatie, Anstand und Tonlage sei Trump "wirklich ziemlich singulär", sagt Unterburger im Gespräch mit DOMRADIO.DE.

Unterburger ist Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für ihn liegt der Konflikt nicht allein darin, dass Trump den Papst kritisiert. Entscheidend sei, "dass er sich so explizit als Christ stilisiert und in gewisser Weise auch in eine Konkurrenz zum Papst geht".

Der Streit geht damit über Trumps Ton hinaus. Trump attackiert das Oberhaupt der katholischen Kirche als Politiker, der selbst religiöse Sprache nutzt. Für Unterburger liegt darin die Brisanz: Trump greift Religion nicht von außen an, sondern bewegt sich innerhalb eines christlichen Anspruchs. Der Konflikt berührt damit die Frage, wer christliche Deutungshoheit beanspruchen kann.

Der Vatikan kennt offene Feindschaft

Die härteste historische Gegenfolie ist die Sowjetunion. Sie bekämpfte die katholische Kirche nicht nur rhetorisch, sondern auch institutionell. In der stalinistischen Zeit sei die Kirche massiv eingeschränkt gewesen, schildert Unterburger. In Moskau und im damaligen Leningrad habe sie faktisch nur als "Auslandsgemeinde" mit jeweils einem einzigen Gotteshaus existieren dürfen. Religionsunterricht war untersagt, Religionsgemeinschaften wurden vom Geheimdienst unterwandert, der Staat förderte den Atheismus. Und der Papst galt aus Moskauer Sicht als "Agent der USA und des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt Unterburger.

Konferenz der UdSSR und ihrer Buendnispartner in Warschau  / ©  akg-images (epd)
Konferenz der UdSSR und ihrer Buendnispartner in Warschau / © akg-images ( epd )

Aber auch Rom grenzte sich scharf ab. Pius XI. und Pius XII. sahen im Kommunismus eine weltanschauliche Bedrohung für Christentum und Kirche. Unterburger verweist auf die 1930er Jahre, auf die bolschewistische Weltrevolution und die kirchenfeindlichen Maßnahmen Stalins. Die Päpste hätten darin eine "extrem christentums- und kirchenfeindliche Doktrin" gesehen, "auch eine menschenverachtende Doktrin". Für den heutigen Konflikt markiert das die Grenze des Vergleichs: Die Sowjetunion wollte Religion zurückdrängen. Trump beansprucht sie politisch. Der Konflikt verläuft deshalb nicht zwischen Religion und Atheismus, sondern innerhalb religiöser Sprache.

Religionsfreiheit stärker als Verurteilung

Feierliche Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 in der Peterskirche, die als Konzilsaula diente. / © Ernst Herb (KNA)
Feierliche Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 in der Peterskirche, die als Konzilsaula diente. / © Ernst Herb ( KNA )

Der Vatikan blieb im Kalten Krieg nicht bei der reinen Abgrenzung stehen. Ab den 1960er Jahren setzte er stärker auf Diplomatie. Unter Johannes XXIII., Paul VI. und dem späteren Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli ging es nicht um Zustimmung zum Kommunismus, sondern um einen "Modus vivendi": ein praktisches Nebeneinander, das kirchliches Leben in kommunistischen Ländern sichern sollte. Entscheidend war dabei ein Wechsel der Ebene. Das Zweite Vatikanische Konzil verzichtete darauf, den Kommunismus erneut feierlich zu verurteilen. Stattdessen stellte es die Religionsfreiheit in den Mittelpunkt. Damit sprach die Kirche nicht mehr nur gegen eine Ideologie, sondern für ein Recht jedes Menschen. Für Unterburger war genau das langfristig wirksamer:

Klaus Unterburger

"Diese Basis der Religionsfreiheit war für die kommunistische Regierung der Sowjetunion gefährlicher als die direkten, vorherigen feierlichen Verurteilungen."

Der Vatikan gewann also nicht dadurch Autorität, dass er politisch lauter wurde. Er gewann sie, indem er das Feld wechselte: Statt Macht gegen Macht zu stellen, beharrte er auf Gewissen, Freiheit und Menschenwürde. Auch im KSZE-Prozess zeigte sich diese Linie. Der Vatikan konnte bei Fragen wie Frieden, Gerechtigkeit, Abrüstung und Entspannung eine eigene Rolle einnehmen, ohne ideologisch mit der Sowjetunion verbunden zu sein. Bei aller Gegnerschaft habe es dort gemeinsame Interessen gegeben, sagt Unterburger. Für Trump heißt das: Der Papst muss nicht Trumps Ton übernehmen, um politisch relevant zu bleiben. Seine Autorität entsteht gerade daraus, dass er nicht wie ein weiterer Akteur im parteipolitischen Schlagabtausch auftritt.

Päpstliche Macht funktioniert anders

Am deutlichsten wurde diese andere Form von Macht bei Johannes Paul II. Karol Wojtyła kam aus Polen, also aus dem sowjetischen Machtbereich. Dort war der katholische Glaube mehr als Religion. Er war auch ein Träger nationaler Identität. Unterburger beschreibt diese Verbindung als historisch gewachsen. Weil Polen lange fremdbeherrscht war, verband sich das Polnischsein eng mit dem Katholischsein. Unter kommunistischer Herrschaft wurde diese Tradition zu einer Gegenkraft. Mit seiner Polenreise 1979 stärkte Johannes Paul II. diese Identität zusätzlich.

Papst Johannes Paul II. vor der Kathedrale in Mexico City am 26. Januar 1979 bei einer Reise nach Mexiko. / © KNA-Bild (KNA)
Papst Johannes Paul II. vor der Kathedrale in Mexico City am 26. Januar 1979 bei einer Reise nach Mexiko. / © KNA-Bild ( KNA )

Der Papst wurde dadurch nicht zum Parteiführer. Er wurde zu einer moralischen Figur, an der sich politischer Widerspruch sammeln konnte. Genau darin lag seine Wirkung. "Johannes Paul II. hat sich sehr stark als moralisches Gewissen verstanden, das Werte wie Religionsfreiheit, aber auch Personenwürde, urgiert und verkündet hat", sagt Unterburger. Der Zerfall der Sowjetunion hatte viele Gründe: wirtschaftliche Probleme, nationale Spannungen, das Auseinanderdriften eines Vielvölkerstaats. Unterburger betont aber, dass Johannes Paul II. als moralischer Gegenpol und Symbolfigur einer von Moskau unabhängigen Identität nicht unterschätzt werden dürfe.

Trump stellt den Vatikan vor ein anderes Problem

Auch Für den aktuellen Konflikt ist diese Unterscheidung wichtig. Päpstliche Autorität wirkt nicht wie staatliche Macht. Sie verfügt nicht über Mehrheiten, Armeen oder Wahlkampfbühnen. Sie wirkt, wenn sie glaubwürdig an Maßstäben festhält, die über Tagespolitik hinausreichen. Genau deshalb ist Trump für den Vatikan ein anderer Fall. Die USA sind keine Sowjetunion. Dort wird Religion nicht systematisch unterdrückt. Im Gegenteil: Religion ist politisch präsent und gesellschaftlich einflussreich.

Papst Johannes Paul II. empfängt den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow am 1. Dezember 1989 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Johannes Paul II. empfängt den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow am 1. Dezember 1989 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Das Problem liegt für Unterburger deshalb nicht in Religionsfeindschaft. "In den USA wird die Religion eher für bestimmte politische Positionen instrumentalisiert", sagt er. Es gebe dort "eine an sich religionsfreundliche Politik, die Religion aber gleichzeitig in bestimmte Richtungen drücken will". Trump bekämpft Religion also nicht von außen. Er nutzt religiöse Sprache von innen. Dadurch entsteht ein Konflikt um Deutung: Der Papst spricht über Krieg, Migration, Menschenwürde und Gewissen. Trump beansprucht zugleich, selbst zu wissen, welche Politik christlich sei.

Der Papst muss nicht Trumps Bühne betreten

Für die Kirche ist das schwieriger als eine klare Frontstellung. Gegen staatlichen Atheismus konnte der Vatikan Religionsfreiheit setzen. Gegen politische Vereinnahmung muss er zeigen, dass christliche Autorität nicht einfach mit politischer Macht identisch ist. Ob Trump den sprichwörtlichen Gang nach Canossa antreten wird, bezweifelt Unterburger. "Trump ist nicht der Typ, der nach Canossa geht. Das entspricht nicht seiner Selbstinszenierung und seinem Selbstverständnis." Wahltaktisch könne Trump zwar gezwungen sein, seine Kirchenkritik abzumildern, um katholische und evangelikale Wähler nicht zu verprellen. Einen echten Demuts- oder Bußakt erwartet Unterburger aber nicht.

US-Präsident Donald Trump / © Manuel Balce (dpa)
US-Präsident Donald Trump / © Manuel Balce ( dpa )

Aus Unterburgers historischer Einordnung folgt, dass der Vatikan Trump nicht auf dessen Bühne schlagen muss. Die Stärke des Heiligen Stuhls liegt in moralischer Klarheit, diplomatischer Geduld und der Weigerung, Religion auf politische Nützlichkeit zu verkürzen. Dort konnte diese päpstliche Autorität historisch immer wieder wirksam werden. Damit sagt der einseitige Streit zwischen Trump und Papst Leo XIV. mehr aus als nur etwas über den Stil eines US-Präsidenten. Er zeigt eine Grundspannung der Gegenwart: Religion bleibt politisch wirksam. Aber gerade deshalb wird um sie gekämpft. Die Frage ist, ob sie politische Macht legitimiert oder ob sie Macht begrenzt.

Quelle:
DR

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