DOMRADIO.DE: Sie sind Hamburgerin und vor allem wegen Ihrer Krimis bekannt. Wie sind Sie denn jetzt darauf gekommen, einen historischen Roman über den Schrein der Könige in Köln zu schreiben?
Sabine Weiss (Autorin des historischen Romans "Der Schrein der Könige"): Tatsächlich habe ich vor Jahren mit historischen Romanen angefangen zu schreiben. Mein erstes Buch war im Jahr 2007 ein historischer Roman. Der Verlag Lübbe kam jetzt auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, etwas über den Dreikönigenschrein zu schreiben. Das hat mich ganz besonders gefreut, weil ich als Nordlicht nicht unbedingt prädestiniert dafür bin, ein Kölner Thema aufzugreifen.
DOMRADIO.DE: Wie haben Sie sich dann als Nordlicht in die Kölner Geschichte und auch in die Kölner Mentalität hineingewühlt?
Weiss: Das hat mir großen Spaß gemacht. Schon vorher hatte ich mich mit der Kölner Geschichte beschäftigt. Ich habe historische Romane über die Zeit der Hanse geschrieben – und Köln als sehr bedeutende Handelsstadt kommt darin häufig vor. Auch mit dem 12. Jahrhundert hatte ich mich schon beschäftigt. Also gab es da einige Anknüpfungspunkte. Trotzdem ist es für mich sehr spannend gewesen zu sehen, wie besonders die Gesellschaft in Köln getickt hat und auch ja heute noch tickt. Was für ein Mikrokosmos Köln ist, schon damals war Köln eine Vielvölkerstadt, und da einzutauchen, hat mir viel Freude bereitet, aber auch viel Recherche erfordert.
DOMRADIO.DE: Die Welt des Spätmittelalters ist eine gewaltige, bunte, taumelnde, wahnsinnige Welt. Das kommt alles in Ihrem Roman vor: Kreuzritter, Konflikte zwischen Bürgertum und Klerus, der florierende Reliquienhandel, und Köln platzte förmlich aus allen Nähten, weil schon damals von überall her die Pilger nach Köln kamen.
Weiss: Absolut. Das muss ganz irre gewesen sein, als man damals auf die Straßen kam. Da wurden auf den Märkten noch römische Glassteine verkauft, die man brutal aus uralten Mosaiken geschlagen hat. Überall wehte einen die große Geschichte dieser Stadt an. Das muss großartig gewesen sein, da hätte ich gerne mal hineingeschnuppert.
Und was ich auch besonders beeindruckend fand, ist, wie fluide die Gesellschaft im späten Mittelalter noch gewesen ist. Später änderte sich das. Da wurde man in einen Stand hineingeboren und hatte kaum Möglichkeiten, aufzusteigen – oder auch abzusteigen. Dagegen ist die Zeit, in der mein Roman spielt, noch sehr flexibel. Viele der bekannten Kölner Geschlechter stammten aus einfachem Stand. Und das ist schon sehr besonders, dass man aus einfachen Verhältnissen so aufsteigen konnte.
DOMRADIO.DE: Ob Sie da gerne, wie Sie sagen, hineingeschnuppert hätten, würde ich bezweifeln. So, wie Sie das in Ihrem Roman beschreiben, muss das damals auf den Straßen und Plätzen ganz fies gestunken haben.
Weiss: Nicht nur das. Es war nicht nur der Gestank, der mich abgeschreckt hätte, sondern auch die mangelhafte Medizin. Ich habe mich schon vorher in zwei Romanen mit Medizin im Mittelalter beschäftigt. Es ist bedrückend zu erfahren, wie die medizinische Versorgung ausgesehen hat und wie früh die Menschen damals gestorben sind. Das hätte ich tatsächlich nicht so gerne erlebt. Das schildere ich dann auch in meinem Roman, wenn ich über die dramatischen Lebensverhältnisse mit den todbringenden Krankheiten schreibe, gegen die man sehr wenig ausrichten konnte.
DOMRADIO.DE: Sie schreiben darüber, indem Sie die Geschichte von Bastien erzählen, dem jüngsten, schwer kranken Sohn von Nicolas von Verdun. Die Familie ist ratlos und sucht sowohl Hilfe bei einer Kräuterfrau, als auch dadurch, dass sie den kranken Sohn ganz nah an den Schrein tragen, um Hilfe von den Drei Heiligen Königen zu erbitten. Das ist schon eine andere Glaubenswelt, von der Sie da erzählen.
Weiss: Absolut. Der Glaube hat damals eine noch viel größere Bedeutung gehabt als heute. Da spielten große Wallfahrtsorte eine besondere Rolle – nicht nur Köln. Später werden dann auch Wallfahrtsorte wie Lourdes und Fatima populär. Ich selbst bin mal in Fatima in Portugal gewesen. Das ist für eine Hamburgerin schon erstaunlich zu sehen, wie die Menschen auf dem Boden knien und knieend zum Altar kriechen. Wie die Pilger dann auch Wachstafeln und Wachsvotive kaufen. Das ist eine ganz andere Art von Religiosität, die da im Leben der Menschen eine Rolle spielt.
DOMRADIO.DE: Das heißt, das Leben und Empfinden, das Weltbild der Menschen im Spätmittelalter, ist mit unserem heutigen gar nicht zu vergleichen. Der Glaube bestimmte damals ganzheitlich das Denken und Fühlen. Wie kann es denn überhaupt gelingen, diesen ganz anderen Charakter der damaligen Welt einzufangen?
Weiss: Der Mensch an sich hat sich ja nicht verändert. Damals und heute: Alle Menschen lieben, hassen, hoffen, beten zu wem auch immer, alle Menschen sind verzweifelt und freuen sich. In den Grundzügen hat sich der Mensch nicht verändert. Und was diese Mentalitätsgeschichte angeht, da helfen Recherchen sehr. Ich habe mich zum Beispiel lange mit Beichtbüchern beschäftigt und mit Ablassbüchern. Das ist schon faszinierend, wie bedrohlich für die Menschen auch das Fegefeuer zum Beispiel gewesen ist. Welche Sünden da gebeichtet wurden, mit welchen Nöten die Menschen auch gekämpft haben, wenn sie in die Kirche gegangen sind, weil sie sich vor Gott seelisch entblößen mussten.
DOMRADIO.DE: Ich zitiere aus Ihrem Roman. Da nähert sich Nicolas von Verdun der Stadt Köln, und dann schreiben sie: "Hinter einem palisadengekrönten Wall zeichnete sich eine Stadt mit vielen Kirchtürmen ab. Von allen Seiten strömten Menschen auf Köln zu". Sie beschreiben dann das Leben in den Straßen, sehr lebendig: das Gewusel, den Gestank, die Armut. Aber Sie erzählen auch von einem friedlichen Miteinander vieler Völker in Köln. Das Zusammenleben zwischen Juden und Christen schildern Sie als angespannt, geprägt von Verfolgungen – aber in der Praxis, im Viertel, habe es auch ein friedliches Miteinander gegeben.
Weiss: In der Praxis gab es durchaus diese friedliche Koexistenz. Nikolaus von Verdun kommt nach Köln und lernt dort auch einen Juden kennen, mit dem er sich anfreundet, und der erzählt ihm dann auch von dem Pogrom, von den Verfolgungen, und auch davon, wie sich die jüdische Gemeinschaft ihren Respekt hart erkaufen und erarbeiten musste. Das hat sich im Laufe der Zeit immer wieder stark verändert, je nachdem, wer gerade in der Stadt die Zügel in der Hand hielt.
Aber es gibt eben auch andere Berichte. Wenn man hört, aus welchen Ländern überall die Pilger kamen, oder es gibt einen ganz hinreißenden Bericht von Mönchen, die nach Köln kamen, um hier Reliquien zu kaufen, und wie sie dann das Leben am erzbischöflichen Hof schildern. Das ist faszinierend, und das zeugt davon, dass Köln auch damals schon eine sehr weltoffene Stadt gewesen ist.
DOMRADIO.DE: Die historischen Zeugnisse und Quellen haben Sie in Ihren Romanen eingearbeitet, auch den florierenden Reliquienhandel. Weiter erzählen Sie auch die Geschichte der heiligen Ursula, der Kölner Stadtpatronin, mit ihren 11-Tausend Gefährtinnen. Das sind alles abenteuerliche Geschichten, da freut man sich doch als Autorin, diesen Stoff erzählen zu können?
Weiss: Total. Man hätte aus vielen einzelnen Episoden in diesem Roman einen ganzen Roman machen können. Allein schon, wie damals Reinald von Dassel in den Besitz der Reliquien der Heiligen Drei Könige gekommen ist. Das ist eine sagenumwobene Geschichte. Darüber könnte man auch ganze Romane schreiben.
DOMRADIO.DE: Im Mittelpunkt Ihres Romans steht die Geschichte von Nicolas von Verdun, das ist der Goldschmied, der den Schrein entworfen und auch gestaltet hat. Sie schildern auch seine Konflikte, zum Beispiel mit seinem renitenten Sohn Louis. Was ist denn Wahrheit und was ist erfunden? Gibt es viele biografische Zeugnisse über Nicolas von Verdun?
Weiss: Nein, gar nicht. Tatsächlich wusste man bis vor wenigen Jahrzehnten noch nicht einmal, wer diesen Schrein geschaffen hat. Es ist erstaunlich, dass nirgends festgehalten wurde, welcher Künstler für den Schrein verantwortlich ist. Durch kunsthistorische Detektivarbeit hat man dann herausgefunden, dass es Nicolas von Verdun gewesen sein muss. Über ihn selbst weiß man eigentlich gar nichts. Seine Familie und seinen Werdegang habe ich mir ausgedacht. Und das ist eben das große Geschenk bei einem historischen Roman, wenn man so Grundzüge hat, aus denen man eine Geschichte fabulieren kann. Ich habe mich dann sehr viel damit beschäftigt, wie Goldschmiede damals gelebt und gearbeitet haben. Wie war das mit dem Reisen, mit dem Werkzeug? Aus diesem vielfältigen historischen Hintergrundwissen habe ich die Familiengeschichte von Nikolaus von Verdun geschaffen.
DOMRADIO.DE: Wie oft waren Sie denn im Kölner Dom, um sich den Schrein anzuschauen?
Weiss: Ja, schon einige Male. Es ist sehr beeindruckend, vor dem Schrein zu stehen. Für die konkreten Arbeiten an dem Roman habe ich dann sehr viel mit dem Buch von Dorothee Kemper gearbeitet: "Die Goldschmiedearbeiten am Dreikönigenschrein". Das ist ein dreibändiges Mammutwerk. In dem Buch ist jede einzelne Figur und jedes Detail genau fotografiert und genau analysiert.
DOMRADIO.DE: Sie schildern auch das Leben des damaligen Erzbischofs Philipp von Heinsberg. Und dem stellen Sie in Ihrem Buch einen besonderen Gefährten zur Seite. Welche Rolle spielt dieser Gefährte am Hof des Erzbischofs für den Roman?
Weiss: Der Gefährte am Hof mäandert zwischen den verschiedenen Welten. Einerseits ist er geistlich und andererseits ganz weltlich orientiert, der kennt sich mit den einfachen Leuten aus, hat aber auch diese wichtige Position am Erzbischöflichen Hof. Ich wollte in dem Buch einen Kölner mit Leib und Seele erschaffen, der die Stadt liebt und der zwischen den Welten mäandern kann. Das ist eine ganz wichtige Figur, und der freundet sich dann auch mit Nikolaus von Verdun an und wird so ein bisschen auch in dessen Familie eingemeindet.
DOMRADIO.DE: Ihr Roman könnte man auch als eine Art Krimi lesen. Nikolaus von Verdun muss sich ja gegen allerhand Widerstände durchsetzen. Es gibt Verschwörungen und Menschen mit viel krimineller Energie. So weit weg ist das von einem Krimi gar nicht, oder wie sehen Sie das? Sie sind ja auch Krimiautorin?
Weiss: Ich schreibe abwechselnd historische Romane und Krimis, zum Beispiel meine Sylt-Krimi-Reihe. Ich trenne das dann sehr stark, weil der Schreibstil sich schon sehr unterscheidet. Ein historischer Roman ist viel epischer, man hat längere Figurenbeschreibungen. Auf der anderen Seite finde ich es trotzdem wichtig, dass eine gewisse Spannung vorhanden ist. Deswegen schildere ich auch diese Widerstände, mit denen Nicolaus von Verdun zu kämpfen hat. Diese kriminellen Impulse, die da bei anderen Personen entstehen, wie Neid und Missgunst. Das ist schon wichtig, um einfach auch stark in so eine Geschichte einzutauchen und zu erleben, was das mit den Menschen macht, wenn plötzlich jemand aus einer anderen Stadt, von Verdun, nach Köln kommt und in Köln den wichtigsten Auftrag der Goldschmiede bekommt und die Kölner Goldschmiede leer ausgehen. Das hat denen bestimmt nicht gefallen.
DOMRADIO.DE: Ihr Roman endet 1248. Im letzten Kapitel erzählen Sie von der Grundsteinlegung der gotischen Kathedrale. Das schreit ja nach einer Fortsetzung?
Weiss: Ja, da würde ich gerne noch mal eintauchen in die Geschichte. Da gibt es bestimmt noch mal viel zu erzählen. Das könnte ich mir gut vorstellen.