Historiker kritisiert Brauchtum zur Walpurgisnacht

Erinnerungskultur für einen Massenmord

Tanz ums Feuer, alte Bräuche und Bibi Blocksberg? Hexen sind gerade zur Walpurgisnacht zum 1. Mai in. Für den Historiker Kai Lehmann ist das ein Graus, denn kaum jemand beachtet, was hinter der harmlos anmutenden Folklore steckt.

Autor/in:
Christoph Arens
Traditionelle Hexenparade in der Walpurgisnacht in Schierke, einem Ortsteil der Stadt Wernigerode im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt, staatlich anerkannter Luftkurort und die letzte Ortschaft unterhalb des Brockengipfels / © MiViK (shutterstock)
Traditionelle Hexenparade in der Walpurgisnacht in Schierke, einem Ortsteil der Stadt Wernigerode im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt, staatlich anerkannter Luftkurort und die letzte Ortschaft unterhalb des Brockengipfels / © MiViK ( shutterstock )

Bald tanzen sie wieder, die Hexen und Teufel. In der Walpurgisnacht auf den 1. Mai feiern jedes Jahr rund um den Brocken im Harz Tausende Menschen ein karnevalistisch angehauchtes Volksfest. Sie tanzen um Feuer, verbrennen Strohpuppen, verkleiden sich als Dämonen. In anderen Regionen spielen Jugendliche teilweise anarchische Streiche.

Da der 1. Mai in diesem Jahr auf einen Freitag fällt und damit zu einem langen Wochenende beiträgt, dürfte das Hexenbrauchtum in diesem Jahr besonders intensiv begangen werden.

Hexenpuppen in Blankenburg im Harz im Oktober 2007 / © Bernd Zillich (shutterstock)
Hexenpuppen in Blankenburg im Harz im Oktober 2007 / © Bernd Zillich ( shutterstock )

Der Historiker Kai Lehmann findet das problematisch: "Also ich bin alles andere als eine Spaßbremse", sagte der Leiter des Schlossmuseums Wilhelmsburg im thüringischen Schmalkalden kürzlich im Deutschlandfunk. Aber ihm stocke wegen des Brauchtums an Walpurgis bisweilen der Atem – wegen der verbreiteten Unwissenheit. Man blende die realen Hexenverbrennungen völlig aus. Für einen der größten Massenmorde der europäischen Geschichte fehle die Erinnerungskultur.

30.000 Menschen in Deutschland als Opfer

Schätzungen zufolge wurden im damaligen Heiligen Römischen Reich zwischen 1500 und 1700 rund 30.000 Menschen wegen Hexerei hingerichtet. Lehmann befasst sich seit mehr als zehn Jahren mit den Hexenverfolgungen, wertet Prozessakten aus und hat eine Datenbank angelegt, in der er über 100.000 Einzelfälle der Hexenverfolgung gesammelt hat. 2017 hat er eine große Ausstellung zu "Luther und die Hexen" verantwortet.

Das Wissen der Bevölkerung, sagt er, sei gespickt mit Vorurteilen und Klischees. "Was wir daraus gemacht haben – Bibi Blocksberg und diese Pervertierung der Hexenfolklore an Walpurgis oder an Halloween oder an Fastnacht" – das sei gefährlich. Dem Hexenwahn seien Zehntausende unschuldige Menschen zum Opfer gefallen: "Und das sollte man bei solchen Walpurgisfeiern wirklich auch im Hinterkopf haben."

Viele historische Stränge laufen zusammen

Dabei haben Walpurgisnacht und Hexenbrauchtum ursprünglich gar nichts miteinander zu tun. Die katholische Kirche erinnert am 1. Mai an die Heiligsprechung der aus England stammenden und 779 oder 780 gestorbenen Äbtissin Walburga, deren Gebeine in Eichstätt bestattet sind.

Symbolbild Lagerfeuer / © Aleksey Boyko (shutterstock)

Zugleich war die Nacht auf den 1. Mai mit heidnischen Bräuchen verbunden, bei denen die Ankunft des Frühlings mit nächtlichen Freudenfeuern gefeiert wurde. Die Volkskundler des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) betonen, dass die Walpurgisnacht ursprünglich nichts mit Hexen zu tun hatte. Nach ihren Erkenntnissen wurde der 1. Mai seit dem 8. Jahrhundert als Tag der Waffenschau der Wehrfähigen begangen. Damit könnte das Recht zusammenhängen, vor dem Militärdienst noch einmal ausgiebig "über die Stränge zu schlagen".

Der Brocken kommt erst spät ins Spiel

Eine Verbindung zwischen Walpurgisnacht und angeblichen Hexen gibt es nach Erkenntnissen der Göttinger Märchenforscherin Ines Köhler-Zülch erst seit dem 16. Jahrhundert. In einem Hexenprozess im Harzort Elbingerode gestand 1540 die Angeklagte Grete Wroist, sie sei mit anderen in einer "Rotte" durch die Luft zum Teufelstanz auf den Brocken geflogen, und zwar in der Walpurgisnacht – so hatte es die 2019 gestorbene Mitherausgeberin der Enzyklopädie des Märchens herausgefunden.

Das blieb zunächst ein Einzelfall: Zwar waren in den Folterkellern der Hexengerichte Fragen nach Zusammenkünften der Hexen bei "Teufelstänzen" und "Hexensabbat" für die Richter von besonderem Interesse. "Aber auch unter den schrecklichsten Folterqualen gaben die unglücklichen Opfer in aller Regel weder die Walpurgisnacht noch den Brocken im Harz als Zeitpunkt und Ort ihrer Hexentänze an", wie die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen zusammenfasst.

Populär durch Goethes "Faust"

Dennoch breitete sich der Mythos vom Hexentanz auf dem Blocksberg im 17. Jahrhundert in wissenschaftlichen Werken und in der
Unterhaltungs- und Reiseliteratur aus. Richtig populär wurde die Walpurgisnacht durch Goethes 1808 veröffentlichte Tragödie "Faust".
Darin überredet Mephisto Faust, an einer Hexenfeier auf dem Brocken teilzunehmen. Die erste organisierte Walpurgisfeier auf dem Brocken ist allerdings erst aus dem Jahr 1896 überliefert.

Der Jahrtausende alte Aberglaube, dass Hexen und Zauberer für das Böse verantwortlich seien, hat sich auch in Märchen und Sprichwörtern bis heute gehalten – bis hin zum "Hexenschuss", unter dem mancher Zeitgenosse mit lädiertem Rücken leidet. Ottfried Preußlers 1957 veröffentlichte Geschichte "Die kleine Hexe" hat selbst die Kinderzimmer erobert, ebenso wie die 1980 entstandene Kinderhörspielserie "Bibi Blocksberg".

Hexenglaube heute noch aktuell

Historiker Lehmann mahnt demgegenüber, sich die Wurzeln solcher Geschichten bewusst zu machen. "Um den Äquator herum ist das Thema tödlich aktuell: Dort glauben auch heute noch große Teile der Bevölkerungen an Hexen", mahnt er. Jährlich verlören tausende Frauen, Männer und Kinder ihr Leben wegen angeblicher Hexerei. Ein Thema, auf das auch das katholische Hilfswerk missio immer wieder hinweist.

Auch in den vermeintlich so rationalen westlichen Ländern sieht Lehmann Mechanismen weiter wirken. "Wir verbrennen zwar nicht mehr, aber eine angsthabende Gesellschaft schreckt auch heute nicht vor Diffamierung und Ausgrenzung zurück", sagt Lehmann. In Sozialen Medien würden Menschen öffentlich an den Pranger gestellt und Gerüchte verbreitet, um sie mundtot zu machen.

Walpurgisnacht

Als Walpurgisnacht wird die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai bezeichnet. Namensgeberin ist die mittelalterliche Äbtissin Walburga, deren Festtag die katholische Kirche am 1. Mai feiert. Die Nacht auf den 1. Mai ist zugleich mit zahlreichem Volksbrauchtum verbunden, das mit der Heiligen allerdings in keinerlei inhaltlicher Beziehung steht.

Walpurgisnacht / © Maksimilian (shutterstock)
Quelle:
KNA