KNA: Die Nachrichten aus der Welt der Klöster klingen derzeit dissonant: Einige klagen über sterbende Klöster, andere schwärmen von neuer Blüte. Was stimmt denn nun?
Abt Jeremias Schröder OSB (Abtprimas der Benediktiner): Wir haben es mit zwei gegenläufigen Bewegungen zu tun. Auf der einen Seite gibt es tatsächlich Gemeinschaften, die langsam aussterben, und es ist eine große Herausforderung, diesen Übergang gut zu gestalten.
Dann gibt es andere, die man schon abgeschrieben hatte und die sich dann doch wieder fangen. Ich habe das selbst im Kloster Georgenberg in Tirol erlebt. Das sollte ich eigentlich abwickeln, sozusagen, aber dann gab es wieder ein paar Eintritte, und die Gemeinschaft ist jetzt wieder lebendig.
KNA: Stimmt der Eindruck, dass strenge Orden wie Trappisten oder Kartäuser es schwerer haben, zu überleben?
Schröder: Ich weiß nicht, ob Strenge das richtige Unterscheidungskriterium ist. Ich würde eher sagen, es geht um Kontinuität und um Qualität. Wenn es lange keine Eintritte gibt, reißt etwas ab. Und ganz wichtig ist die Qualität des Gemeinschaftslebens. Man spürt, ob es da gemeinschaftliche Ziele und ein gutes Miteinander gibt. Solche Klöster ziehen auch immer wieder Menschen an. Also ich bin zuversichtlich, dass diese Form des Lebens nicht aussterben wird.
KNA: Welche Rolle spielt dabei die Liturgie? Gibt es einen Trend zur alten Liturgie in den benediktinischen Klöstern? Gibt es da einen Konflikt zwischen Traditionalisten und Modernen?
Schröder: Einen Konflikt sehe ich da nicht. Bei uns Benediktinern stehen traditionelle Liturgie und heutige Liturgie sehr versöhnt nebeneinander. Wir haben im gesamten Orden etwa zehn Abteien, die im alten Ritus feiern, die meisten davon in Frankreich. Die gehören überwiegend zur Kongregation von Solesmes, wo aber die Mehrheit der Klöster im neuen Messbuch zuhause ist.
Ausgehend von der Abtei von Fontgombault ist dann aber eine Gruppe von Klöstern entstanden, die nach dem alten Ritus feiern. Die sind in ihrer Kongregation voll integriert. Daneben gibt es noch das Kloster Le Barroux mit seinen Tochtergründungen, das war anfangs lefebvrianisch orientiert. Nach den unerlaubten Bischofsweihen 1988 ist das Kloster in die volle Gemeinschaft mit Rom zurückgekehrt und untersteht direkt mir als Abtprimas. Und dann gibt es noch die Gemeinschaft in Norcia.
Wir begegnen einander alle mit Respekt, und als Abtprimas bin ich auch für diese Gemeinschaften Abtprimas, obwohl ich selber nur mit dem neuen Messbuch die Messe feiern kann. Das habe ich dann auch so getan, als ich in Fontgombault zur Feier des Konventamtes eingeladen war, und das wurde selbstverständlich akzeptiert.
KNA: Können die Benediktiner damit vorbildlich sein für die ganze Kirche?
Schröder: In gewisser Weise schon, weil wir dieses friedliche Nebeneinander schon praktizieren. Ich bin sehr gespannt, wie Papst Leo das Problem angehen wird. Nachdem Papst Benedikt hier Türen geöffnet hat, wird man die alte Form nicht mehr ganz hinausdrängen können.
Wir haben Mitbrüder und auch Schwestern, die auf dieser Form des Betens und Messfeierns ihr Ordensleben aufgebaut haben. Das hat inzwischen auch ein Heimatrecht in der Kirche, und sollte wenigstens in einigen Bereichen zugelassen werden.
KNA: Smartphones und Social Media verändern auch das Leben hinter Klostermauern. Unlängst hat ein Abt in Italien gefordert, weitgehend darauf zu verzichten. Wie sehen Sie das?
Schröder: Das entscheidet bei uns jedes Kloster für sich. Aber in der Noviziatsausbildung muss es auf jeden Fall ein Thema sein, und es muss Verzicht eingeübt werden. Und das geschieht auch, einschließlich Handy abgeben im Noviziat. Wie weit das geht, hängt von der jeweiligen Ausrichtung des Klosters ab. Eine sehr kontemplative Gemeinschaft wird damit anders umgehen als eine, die eine aktive Jugendarbeit macht.
Aber es ist wirklich eine Anstrengung nötig. Ich habe mir zum Beispiel selbst wieder bestimmte Zeiten für das klassische Lesen von Büchern gesetzt, ganz bewusst nicht digital, um wieder in diese Form des Lesens hineinzufinden.
KNA: Und wie ist es mit Künstlicher Intelligenz? Macht die sich auch schon im Kloster breit?
Schröder: Das gilt vor allem für Simultan-Übersetzungen bei Synoden und Versammlungen, wir stammen ja aus ganz unterschiedlichen Ländern. Und ich muss sagen, das funktioniert wirklich gut mit der Simultanübersetzung per KI. Aber hier bei uns an der Hochschule Sant'Anselmo sprechen die meisten Studenten weiterhin mehrere Sprachen, und das ist gut für die Entwicklung des Verstehens anderer Denkhorizonte.
KNA: Wie ist die Lage bei den Päpstlichen Hochschulen in Rom? Unter Papst Franziskus schien es da Bestrebungen für weitreichende Fusionen zu geben...
Schröder: Natürlich sind unsere Hochschulen im internationalen Vergleich eher klein, was die Anzahl der Studierenden angeht. Aber das Projekt einer weitgehenden Fusionierung für das Grundstudium scheint mir derzeit nicht mehr weiterverfolgt zu werden.
Die Päpstlichen Hochschulen hier in Rom haben alle ihr je eigenes Profil, und ich denke, das wird auch so bleiben. Unsere Hochschule kann jedenfalls nicht über mangelnden Zulauf klagen, wir sind nahe an einem Allzeithoch bei den Studentenzahlen.
Das Interview führte Ludwig Ring-Eifel.