Dogmatiker warnt vor Ideologisierung der "Alten Messe"

"Innerkirchlicher Kulturkampf"

Die Debatte um die "Alte Messe" entzündet sich laut dem Theologen Oliver Wintzek nicht nur am Ritus. Dahinter stünden Machtfragen, Identitätspolitik und ein Streit über den Kurs der Kirche. Liturgie entwickle sich weiter, so Wintzek.

Lateinischen Messe in der Holy Innocents Church in New York City / © Gregory A. Shemitz/OSV News (KNA)
Lateinischen Messe in der Holy Innocents Church in New York City / © Gregory A. Shemitz/OSV News ( KNA )

Die Debatte um die sogenannte "Alte Messe" ist nach Einschätzung des Mainzer Dogmatikers Oliver Wintzek weit mehr als ein Streit um liturgische Formen. In einem Beitrag in der Herder Korrespondenz (Mai) bezeichnet er die Auseinandersetzung als "innerkirchlichen Kulturkampf".

Prof. Dr. Oliver Wintzek (privat)
Prof. Dr. Oliver Wintzek / ( privat )

Die Liturgie fungiere heute vielfach als Marker für konservative, traditionalistische oder fundamentalistische Strömungen. Wintzek zufolge dient sie teils als Vehikel für politische und kirchliche Anliegen. Dazu zählten die Bekämpfung einer "Genderideologie", die vermeintliche Rettung der "klassischen Familie" mit klarer Rollenverteilung sowie das Narrativ einer "Lehre der Kirche aller Zeiten".

Querverbindungen

Dahinter sieht der Theologe eine grundsätzliche Opposition gegen liberale Modernisierungen und politische Querverbindungen zu identitären Positionen und totalitären Bestrebungen. Als historische Bezugsgestalt nennt er Pius X., dessen Antimodernismus bis heute nachwirke.

Papst Pius X. (KNA)
Papst Pius X. / ( KNA )

Auch Begriffe wie "Alte Messe" oder "Messe aller Zeiten" seien nicht neutral, sondern Ausdruck theologischer Deutungskämpfe. Die Vorstellung eines unveränderten Ritus weist Wintzek zurück. Liturgie sei geschichtlich gewachsen und fortlaufender Entwicklung unterworfen.

Zelebrationsrichtung

Kritik übt Wintzek an der gegenwärtig üblichen Zelebrationsrichtung versus populum - mit Blick des Priesters zum Volk. Diese biete "weit größere Möglichkeiten personalisierter klerikaler Selbstinszenierung", weil sich der Fokus leichter von der Gottesausrichtung auf die Gemeinde verlagern könne.

Zugleich plädiert Wintzek für eine differenzierte Würdigung der älteren Liturgie. Diese Gottesdienstform sei ein historisch gewachsenes Kunstwerk und könne Räume persönlichen Glaubens und Betens eröffnen.

Entscheidend sei bei all diesen Fragen eine Feier des Gottesdienstes, die nicht mit vermeintlichen Gewissheiten überwältige, sondern Glauben in einer säkularen Moderne ermögliche.

Alte Messe

Die "Alte Messe" bezeichnet die Feier der heiligen Messe meist nach dem Messbuch von 1962, dem "Missale Romanum" von Papst Johannes XXIII. Diese Liturgieform wurde durch die Erneuerung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil außer Kraft gesetzt. 1984 gestattete Papst Johannes Paul II. die Feier nach dem Messbuch von 1962 unter bestimmten Voraussetzungen. Papst Benedikt XVI. weitere mit dem Motu proprio "Summorum Pontificum" (2007) die Kriterien für die Zulassung weiter aus. Papst Franziskus schränkte die Feier später mit "Traditionis Custodes" (2021) wieder stärker ein.

Tridentinische Messe / © Natalia Gileva (KNA)
Tridentinische Messe / © Natalia Gileva ( KNA )
Quelle:
KNA