Die Debatte um die sogenannte "Alte Messe" ist nach Einschätzung des Mainzer Dogmatikers Oliver Wintzek weit mehr als ein Streit um liturgische Formen. In einem Beitrag in der Herder Korrespondenz (Mai) bezeichnet er die Auseinandersetzung als "innerkirchlichen Kulturkampf".
Die Liturgie fungiere heute vielfach als Marker für konservative, traditionalistische oder fundamentalistische Strömungen. Wintzek zufolge dient sie teils als Vehikel für politische und kirchliche Anliegen. Dazu zählten die Bekämpfung einer "Genderideologie", die vermeintliche Rettung der "klassischen Familie" mit klarer Rollenverteilung sowie das Narrativ einer "Lehre der Kirche aller Zeiten".
Querverbindungen
Dahinter sieht der Theologe eine grundsätzliche Opposition gegen liberale Modernisierungen und politische Querverbindungen zu identitären Positionen und totalitären Bestrebungen. Als historische Bezugsgestalt nennt er Pius X., dessen Antimodernismus bis heute nachwirke.
Auch Begriffe wie "Alte Messe" oder "Messe aller Zeiten" seien nicht neutral, sondern Ausdruck theologischer Deutungskämpfe. Die Vorstellung eines unveränderten Ritus weist Wintzek zurück. Liturgie sei geschichtlich gewachsen und fortlaufender Entwicklung unterworfen.
Zelebrationsrichtung
Kritik übt Wintzek an der gegenwärtig üblichen Zelebrationsrichtung versus populum - mit Blick des Priesters zum Volk. Diese biete "weit größere Möglichkeiten personalisierter klerikaler Selbstinszenierung", weil sich der Fokus leichter von der Gottesausrichtung auf die Gemeinde verlagern könne.
Zugleich plädiert Wintzek für eine differenzierte Würdigung der älteren Liturgie. Diese Gottesdienstform sei ein historisch gewachsenes Kunstwerk und könne Räume persönlichen Glaubens und Betens eröffnen.
Entscheidend sei bei all diesen Fragen eine Feier des Gottesdienstes, die nicht mit vermeintlichen Gewissheiten überwältige, sondern Glauben in einer säkularen Moderne ermögliche.