DOMRADIO.DE: Herr Millowitsch, welche Musik hören Sie?
Peter Millowitsch (Schauspieler, Sohn von Willy Millowitsch): Ich bin inzwischen ein alter Mann, und für mich waren die 50er, 60er und 70er Jahre prägend. Das war der Rock 'n' Roll in allen Facetten. Ich liebe das vor allen Dingen an der amerikanischen Musik, weil das fließt: Der Blues fließt in den Soul, der Soul in Country.
DOMRADIO.DE: Schauspieler als Künstler haben oft ein Faible für Musik. Würden Sie sich als musischen Typen bezeichnen?
Millowitsch: Durchaus. Ich habe immer eine Beziehung zur Musik gehabt, und ich bin etwas verärgert darüber, dass ich mich da nicht mehr drum gekümmert habe. Ich hatte als Kind natürlich, wie sich das gehört, bei anständigen Leuten Klavierunterricht. Aber die hatten mir damit die Liebe zur Musik ausgetrieben, weil ich immer furchtbare Sachen üben musste. Wenn mir zum Beispiel diese Klavierlehrerin, die wir hatten, so einen Boogie auf der linken Hand gezeigt hätte, dann hätte ich den so lange geübt. Man hätte bei mir zu Hause das Klavier abschließen müssen.
DOMRADIO.DE: Wie viel Musik hat Ihnen und Ihren Geschwistern Ihr berühmter Vater Willy Millowitsch in die Wiege gelegt?
Millowitsch: Nicht so viel. Wir kamen zwar erst über ihn an die Musik, aber das war dann eher karnevalistisch und ging in die ganz grobe „Schnaps, das war sein letztes Wort“ – Richtung, die klassische „Ich klatsche auf die Eins“- Musik.
DOMRADIO.DE: Wer von Ihnen spricht, der kommt natürlich an Ihrem berühmten Vater Willy nicht vorbei. Ist das eine Ehre oder manchmal auch eine Belastung?
Millowitsch: Früher war es eine Belastung, jetzt ist es eine Ehre. Damals war es belastend, weil sich niemand für mich interessiert hat. Alle hatten sich für Willy interessiert, und keiner für mich. Das hat mich geärgert, aber das ist jetzt vorbei.
DOMRADIO.DE: Wie würden Sie Ihren Vater aus der Retrospektive beschreiben?
Millowitsch: Es kommt darauf an, wo man war. Zu Hause war er sehr liberal. Es hat ihn im Grunde nicht interessiert, es war ihm wurscht. Es musste funktionieren. Wie, das war ihm egal. Das Theater war immer wichtiger. Und da musste meine Mutter herhalten, sie musste ja quasi erziehen. Das war diese alte Arbeitsteilung in der Ehe: Der Mann verdient das Geld, und die Frau erzieht die Kinder. Bei ihm habe ich gelernt, was das Theaterspielen ausmacht. Ich war in Hamburg auf der Schauspielschule. Da kriegt man die technischen Dinge beigebracht. Aber wie das dann funktioniert, das lernt man auf der Bühne, und das habe ich von ihm gelernt.
DOMRADIO.DE: Sie wurden katholisch erzogen, sehen sich aber eher als Agnostiker, oder?
Millowitsch: Ja, das ist richtig. Der Glaube gibt mir ein Gewissen. Die katholische Kirche hat den Menschen eine gewisse Form von Manieren gelehrt. Das ist etwas, wofür man ihr nicht dankbar genug dafür sein kann. Ich rede vom Ethischen natürlich: Zum Beispiel auch davon, anderen Menschen helfen zu können. Wenn ich jemanden in Not sehe, helfe ich sofort.
DOMRADIO.DE: Sie wohnen außerhalb von Köln, aber mit der Familie Millowitsch verbindet man immer, durch das mittlerweile geschlossene Volkstheater, das Sie nach dem Tod Ihres Vaters lange weiterführten, die Domstadt. Wenn Sie mal in Köln sind, gehen Sie dann auch mal in den Dom?
Millowitsch: Durchaus. Wenn ich keine Eile habe, gehe ich in den Dom. Vor dem Treffen der Kölner Brauer, bei dem ich war, habe ich sie beispielsweise im Dom getroffen, als ich ihn besuchte. Seine Geschichte finde ich schon großartig. Mein Vater hat mir über den Dom viel erzählt: Vom Ende des Zweiten Weltkriegs, als Köln völlig kaputt war und nur der Dom noch stand. Willy erzählte immer, die Alliierten hätten den Dom nicht bombardiert, weil er das optische Zeichen war. Und da die Piloten auf Sicht fliegen mussten, habe man ihnen befohlen, in Richtung der Kathedrale zu fliegen, ihn jedoch nicht zu zerstören. Das haben sie Gott sei Dank auch nicht gemacht.
Wo wir jetzt beim Thema sind: Während des Krieges wurde der Dom bombardiert. Der Nordturm war sehr schwer getroffen und drohte umzufallen. Dann wurde aus Backstein eine Plombe eingebaut, damit der Turm weiter stehen bleibt. Die Plombe gibt es nicht mehr, aber das bedauere ich.
DOMRADIO.DE: Wie haben sich die Schwänke, die Sie nach dem Tod Ihres Vaters im Volkstheater Millowitsch aufgeführt hatten, von denen Ihres Vaters unterschieden?
Millowitsch: Es war genau dasselbe. Der Schwank lebt von Regel und Regelverstoß. Und in einer Zeit, in der es keine Regeln mehr gibt, wie in der aktuellen Lage, kann es natürlich auch keine Verstöße mehr geben.
DOMRADIO.DE: Und diese Regeln und die Regelbrüche, die Sie in den Stücken dann personifiziert dargestellt haben, funktionieren heute nicht mehr, oder?
Millowitsch: Ich glaube es nicht.
DOMRADIO.DE: Aber die Werte, die daraus entstanden sind, die immer den Schlusspunkt eines Schwanks bilden, beispielsweise Versöhnung, Sympathie, Familie, Gesellschaft etc., das sind ja abgebildete christliche Werte?
Millowitsch: Ja, absolut. Das ist eben der Unterschied, zum Beispiel, zwischen dem deutschen und dem britischen Humor. Am Schluss ist hier im Deutschen immer alles gut, und im Englischen gibt es nicht immer ein Happy End.
DOMRADIO.DE: Sie sind gelernter Schauspieler. Wenn Sie keine Rolle spielen: Wer ist der wahre Peter Millowitsch?
Millowitsch: Ein netter Kerl.
DOMRADIO.DE: Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Der nette Kerl hat mal ein Theaterstück geschrieben, das „Der Papst kütt“ heißt. Worum geht es da?
Millowitsch: Es ging darum, dass in Köln das Gerücht aufkam, der Papst würde kommen. Und daraus haben wir was entwickelt. Das war lustig.
DOMRADIO.DE: In Ihrem Leben haben ja zahlreiche Päpste Sie begleitet. Was haben Sie von den unterschiedlichen Kirchenoberhäuptern gehalten?
Millowitsch: Ich finde Leo XIV. beispielsweise ganz nett. Ich schätze die Kraft und Macht der katholischen Kirche oft falsch ein. Ich hätte nie seinerzeit gedacht, dass, als der damalige US-Präsident Reagan mit Papst Johannes Paul II. zusammentraf, daraus der Niedergang des Kommunismus erwuchs, weil der Vatikan den Widerstand in Polen unterstützte, insbesondere die Gewerkschaft Solidarnosc. Da kann man Johannes Paul II. schon Danke sagen.
DOMRADIO.DE: Sie haben das berühmte Volkstheater Millowitsch irgendwann an den Nagel gehängt, weil ein Fernsehsender aus dem Schwank-Business ausstieg. Ihr Fazit dazu?
Millowitsch: Schade, dass es das nicht mehr gibt.
Das Interview führte Bernd Knopp.