Wie Schwester Hannah mit Krisen im Ordensleben umgeht

"Schwester ist ein Tu-Wort"

Mit 13 kam der erste Ruf, heute lebt sie als Ordensfrau: Bei Schwester Hannahs Berufung hat Humor eine wichtige Rolle gespielt. Warum sie trotz Krisen geblieben ist, verrät sie anlässlich des Weltgebetstags um geistliche Berufungen.

Autor/in:
Teresa Kammerlander
Sr. Hannah Rita Laue OP, Novizenmeisterin der Dominikanerinnen von Bethanien. / © Anna Tyssen
Sr. Hannah Rita Laue OP, Novizenmeisterin der Dominikanerinnen von Bethanien. / © Anna Tyssen

DOMRADIO.DE: Wann haben Sie gespürt, dass Sie zum Leben als Ordensfrau berufen sind?

Schwester Hannah Rita Laue OP (Novizenmeisterin der Dominikanerinnen von Bethanien): Das war schon relativ früh. Zum ersten Mal hatte ich den Gedanken, als ich mich mit 13 Jahren auf die Taufe vorbereitet habe. Da habe ich das aber noch weit weggeschoben. Ich hatte das Gefühl: Die Taufe reicht jetzt erstmal, man muss es nicht gleich übertreiben. Der Gedanke wurde aber mit 16 Jahren wieder intensiver und verschwand dann auch nicht mehr. All die anderen Vorstellungen, die ich als Lebensentwürfe hatte, verblassten im Vergleich dazu. 

DOMRADIO.DE: Wie ging Ihr Weg weiter bis hin dazu, dass Sie bei den Dominikanerinnen von Bethanien eingetreten sind?

Sr. Hannah

"Ich bin auf eine Homepage gestoßen, auf der eine relativ junge Ordensfrau in Ordensgewand mit einem Pinguin auf der Hand durch die Seite geleitet hat. Da habe mir gedacht: Die haben wenigstens Humor."

Sr. Hannah: Ich hatte ziemlich wenig Ahnung von verschiedenen Ordensgemeinschaften und habe damals tatsächlich im Internet gesucht. Ich hatte die Idee: Orden auf Probe geht, Ehe auf Probe nicht. Also sollte ich lieber vorher klären, ob es das denn wirklich sein könnte. Auf der Internetseite www.orden.de gab es 500 Auflistungen und ich wusste nicht, wie sie sich unterscheiden. Deswegen bin ich nach meinem Bauchgefühl gegangen und bin dann auf eine Homepage gestoßen, auf der eine relativ junge Ordensfrau in Ordensgewand mit einem Pinguin auf der Hand durch die Seite geleitet hat. 

Da habe mir gedacht: Die haben wenigstens Humor. Bei den anderen Seiten hatte ich eher das Gefühl: Wenn die alle 90 Jahre alt sind, was wissen die davon, wie es heute ist, einzutreten? Ich habe dann Kontakt aufgenommen und wollte mir das erstmal anschauen. Aber als ich dann mal da war, habe ich sehr bald gespürt, dass das der Ort ist, wo es stimmt und wo Gott mich haben will. Danach habe ich gar nicht viel weitergesucht. 

Sr. Hannah im Straßenkarneval in Kessenich 2026, verkleidet als Gießkanne.  (privat)
Sr. Hannah im Straßenkarneval in Kessenich 2026, verkleidet als Gießkanne. / ( privat )

DOMRADIO.DE: Seit 22 Jahren sind Sie bereits Ordensfrau. Worin bestätigt sich für Sie jetzt, nachdem Sie eingetreten sind, dass die Spiritualität der Dominikanerinnen von Bethanien die Richtige für Sie ist?

Sr. Hannah: Zu dem Humor und dem Alter kam damals natürlich mit dazu, dass ich mir auch durchgelesen habe, wofür die Dominikanerinnen von Bethanien stehen. Die Geschichte, dass sie aus dem Gefängnis heraus gegründet wurden, hat mich sehr angesprochen. Die Idee dahinter ist: Gottes Barmherzigkeit ist so groß, dass wir immer wieder einen zweiten Anfang machen dürfen, dass wir immer wieder eine neue Chance bekommen. Das gilt auch für die Möglichkeit, so etwas wie ein Ordensleben zu führen. Es heißt also nicht: Einmal böse, immer böse. Dieser Gedanke war 1866 recht revolutionär, dass man mehr ist als eine Tat. 

Sr. Hannah

"Später im Noviziat habe ich ein Praktikum in der Gefängnisseelsorge gemacht und das war sehr stark. Es hat mein Gebetsleben stark geprägt und eine große Nähe zu Gott geschaffen."

Das hat mich sehr abgeholt in meinem Blick auf Menschen und in meiner Erfahrung von Gott, dass er mir Chancen zum Leben hin eröffnet, dass Wandel möglich ist, dass auch etwas, was mit Schuld in Verbindung steht, zu etwas Neuem werden kann.

Später im Noviziat habe ich ein Praktikum in der Gefängnisseelsorge gemacht und das war sehr stark. Es hat mein Gebetsleben stark geprägt und eine große Nähe zu Gott geschaffen. Ich habe im Gefängnis gespürt: Gott ist schon da. Ich muss ihn nicht hinbringen, er ist schon da. Das passte wie Hand in Handschuh. 

Im Orden geht es darum, eine Gemeinschaft zu ermöglichen, die geschwisterlich ist wie die Geschwister von Bethanien aus der Bibel. Darum haben wir den Begriff in unserem Ordensnamen "Dominikanerinnen von Bethanien" als Zeichen dafür, dass das ein Ort ist, wo auch Jesus gern zu Gast ist, sei es in Person in der Anbetung, durch die Mitschwestern oder auch durch Gäste und Besucher. Ich habe diesen Ort gefunden, wo diese Gemeinschaft auch erfahren werden kann. Ich habe das erfahren dürfen und seitdem bin ich Teil davon und versuche das auch so zu leben. 

Sr. Hannah steht rechts von Papst Franziskus bei seinem Besuch 2018 in Riga. Papst Franziskus segnet eine Ikone für die Arbeit im Gefängnis und signiert sie auf der Rückseite. (privat)
Sr. Hannah steht rechts von Papst Franziskus bei seinem Besuch 2018 in Riga. Papst Franziskus segnet eine Ikone für die Arbeit im Gefängnis und signiert sie auf der Rückseite. / ( privat )

DOMRADIO.DE: Wie leben Sie Ihre Berufung im Alltag?

Sr. Hannah: Ich bin Gefängnisseelsorgerin in Siegburg in der JVA mit einer halben Stelle in der U-Haft. Seit eineinhalb Jahren lebe ich in Bonn in einem kleinen Dominikanerinnen-Konvent. Ich habe auch Aufgaben in der Leitung der Ordensgemeinschaft und den Auftrag zur Berufungspastoral. Ich versuche, Menschen zu helfen auf ihrem Berufungsweg. Ob der dann in den Orden führt und auch noch zu uns, das zeigt sich dann. Das wäre natürlich schön, aber das Hauptziel ist es, Leute zu begleiten auf ihrem Weg.

DOMRADIO.DE: Was würden Sie einer Person empfehlen, die dieser Frage der Berufung nachgeht?

Sr. Hannah: Ich empfehle ihr, den Mut zu haben, das Gefühl zuzulassen. Menschen zu finden, mit denen sie darüber reden möchte und kann. Das muss nicht immer kirchenintern sein. Das können gute Freunde sein. Das kann auch ein Gespräch im Café sein. Dann wünsche ich ihr die Offenheit, auszuprobieren, wie sich das anfühlt. Also mal zu Besuch zu gehen. Es gibt auch Angebote von den Diözesen und den Gemeinden. Es gibt auch einen eigenen Abend in Köln für junge Leute, die Herzfrequenz. Dort erfährt man: Es gibt mehr Leute, die sich mit der Frage beschäftigen. 

Sr. Hannah zu Besuch bei der Campus-Weggemeinschaft, Sommerakademie Bistum Paderborn, 2024.  / © Campus-Weggemeinschaft e.V.
Sr. Hannah zu Besuch bei der Campus-Weggemeinschaft, Sommerakademie Bistum Paderborn, 2024. / © Campus-Weggemeinschaft e.V.

Einfach unterwegs bleiben mit dieser Sehnsucht oder mit dieser Frage. Dann auch den Mut haben, zu sagen: Nein, das ist es aber so noch nicht. Es kommt dann schon irgendwann das, wo es mehr passt oder wo sich es zumindest so stimmig anfühlt, dass man es mal für 14 Tage oder für 3 Monate ausprobiert. Dann kann man ja immer noch gehen. Gerade wenn es in den Orden geht, ist das ein Weg, auf dem es viele Prüfstufen gibt für beide Seiten. Ich würde einer jungen Person wünschen, dass sie den Mut hat, es einfach einmal auszuprobieren. 

Im Nachhinein habe ich gemerkt: Es beten so viele Leute für einen, wenn man auf der Suche ist. Das wusste ich natürlich damals nicht. Aber wenn ich mitbekomme, wie oft wir in der Gemeinschaft, wie oft in den allgemeinen Fürbitten im Gemeindegottesdienst oder eben auch an besonderen Gebetstagen Menschen für Menschen beten, die auf diesem Weg sind, das finde ich stark. Da merkt man: Du bist getragen, du bist nicht allein und diese Berufung hat mit uns allen etwas zu tun. Deswegen finde ich auch den Weltgebetstag um geistliche Berufungen so gut. 

Sr. Hannah (links) bei einem Treffen mit jungen Dominikanerinnen aus Europa  im Jahr 2024.  (privat)
Sr. Hannah (links) bei einem Treffen mit jungen Dominikanerinnen aus Europa im Jahr 2024. / ( privat )

DOMRADIO.DE: Wie feiern Sie denn den Weltgebetstag? Beten Sie dabei mit Ihrer Ordensgemeinschaft auch um Nachwuchs?

Sr. Hannah: Ja. Das machen wir natürlich nicht nur am Weltgebetstag. Dieses Gebet hat einen Platz in unserer Tagzeitenliturgie, im Morgengebet oder auch im Abendgebet. Ich werde auch im Gottesdienst im Gefängnis mit den Menschen dort um Berufungen beten. Die Inhaftierten erleben Ordensleute in der Seelsorge erfahren und sagen, dass das sehr wichtig für sie ist. Auch in unserer Gemeinde in Bonn wird gebetet. 

Sr. Hannah

"Ich wollte mein Leben in den Dienst Gottes stellen und auch in den Dienst der Menschen, damit sie diesen Gott kennenlernen, der für mich so befreiend und lebensbejahend ist."

DOMRADIO.DE: Der diesjährige Weltgebetstag steht unter dem Leitwort "Niemand lebt sich selbst" aus dem Römerbrief. Bedeutet Ihnen dieser Bibelvers auch persönlich etwas? 

Sr. Hannah: Wir sind auf Beziehung hin geschaffen und für mich war eine Motivation, in den Orden zu gehen, eben genau das. Ich wollte nicht mir selbst leben, sondern ich wollte mein Leben in den Dienst Gottes stellen und auch in den Dienst der Menschen, damit sie diesen Gott kennenlernen, der für mich so befreiend und lebensbejahend ist.

DOMRADIO.DE: Eine Berufung ist ja sicher ein Weg mit Höhen und Tiefen, vielleicht auch Herausforderungen. Gab es da Momente, in denen Sie Ihre Berufung in Frage gestellt haben oder sogar in eine Krise gekommen sind?

Sr. Hannah: Ja, die gab es. Bevor ich eingetreten bin, habe ich irgendwann mal im Freundeskreis gesagt: Wenn ich dann aus dem Noviziat anrufe und sage, macht die Bettlaken klar, ich will hier raus, dann bitte tut mir den Gefallen, erzählt mir erst noch mal, warum ich eingetreten bin. Wenn ich dann immer noch raus will, holt mich ab. 

Sr. Hannah (links) bei der Generalversammlung "Dominican sisters international" in Rom 2025. / © DSIC
Sr. Hannah (links) bei der Generalversammlung "Dominican sisters international" in Rom 2025. / © DSIC

In der Zeit des Noviziats wird man gezielt auf sich selbst zurückgeworfen und muss sich mit sich selbst auseinandersetzen. Da gab es einen Moment, in dem ich sehr auf dem Zahnfleisch gegangen bin. Da habe ich eine Freundin angerufen. Sie hat einfach angefangen, mir Fragen zu stellen, und hat gesagt: Ich erinnere mich noch an damals…

Dann war sehr schnell wieder im Fokus, warum ich das eigentlich machen will, und dann war es auch wieder gut. Dann brauchte ich kein Taxi. 

Es gab auch später ein Erlebnis, da hatte ich einen Unfall und habe in diesem Unfallgeschehen das Gefühl gehabt, Gott sehr nahegekommen zu sein. Es war kein Nahtoderlebnis, aber vom Gefühl her doch sehr ähnlich. Da kam bei mir die Frage auf, ob mich das von den Gelübden entbindet, im Sinne von: Bis zum Tod und wieder zurück. Ich hatte die Frage: Wofür bin ich jetzt noch hier? Was mache ich eigentlich mit meinem Leben?

Solche Fragen hätte ich sicher auch gehabt, wenn ich nicht Ordensfrau gewesen wäre. 

Aber das hat auch im Gebetsleben seine Wellen geschlagen. Es hat eine Weile gedauert, aber dann haben wir uns wieder zusammengerüttelt und dann war das eigentlich sehr klar, dass ich weiterhin auf dem richtigen Weg bin als Ordensfrau. 

Sr. Hannah

"Die Begleitung von Menschen ist für mich so, wie am Dornbusch zu stehen. Das sind Wunder, wenn Gott und Mensch miteinander im Kontakt sind."

DOMRADIO.DE: Gab es denn andererseits auch Lichtmomente, die Ihnen Kraft oder Mut geben, weiterzumachen?

Sr. Hannah: Es sind so viele kleine Lichter. Ich darf so oft in Gesprächen erleben, wie Leute von ihrer Gotteserfahrung erzählen und darf sehen, wie dann Augen und Gesichter leuchten. Die Begleitung von Menschen ist für mich so, wie am Dornbusch zu stehen. Das sind Wunder, wenn Gott und Mensch miteinander im Kontakt sind, und gerade in der Seelsorge darf man da ja oft sehr nah dran sein. Das ist schon echt ein Geschenk, so etwas machen zu dürfen, so etwas leben zu dürfen.

Da bekomme ich oft einen Vertrauensvorschuss als Ordensfrau oder als Seelsorgende. Schwester sein ist für mich ein Verb, Schwester ist ein Tu-Wort. Für mich ist das sehr kostbar, mich als Schwester den Menschen um mich herum zu erweisen und dazu ein Feedback zu bekommen, dass das so erlebt wird oder dass Gottes Gegenwart erlebt wird durch etwas, woran ich beteiligt bin. Ganz stark für mich ist natürlich das Gemeinschaftsleben und das gemeinsame Gebet. Auch die Anbetung hat mich immer durchgetragen. Ich habe sie sehr unbeholfen kennengelernt, ohne groß eingeleitet zu werden, aber das hat mich sehr berührt. Das ist immer noch ein Ort, an dem ich sehr gut einfach vor Gott sein kann und ihn auch in mir wirken lassen kann.

Das Interview führte Teresa Kammerlander. 

Weltgebetstag um geistliche Berufungen 2026

Am 25. und 26. April 2026 lädt Papst Leo XIV. zum 63. Weltgebetstag um geistliche Berufungen ein. Im Erzbistum Köln steht dieser Tag unter dem Leitwort "Niemand lebt sich selbst!" (Röm 14,7). Dieses Jahr gibt es einen neuen Teilnahmerekord: In über 120 Gottesdiensten wird für Berufungen gebetet. 

Das Motto zum Weltgebetstag um geistliche Berufungen 2026 im Erzbistum Köln. (rogamus-Stiftung)
Das Motto zum Weltgebetstag um geistliche Berufungen 2026 im Erzbistum Köln. / ( rogamus-Stiftung )
Quelle:
DR

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