DOMRADIO.DE: Wenn jemand seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt, spricht man gerne von "Berufung". Was verstehen Sie denn unter diesem Wort?
Pfarrer Heinz-Peter Teller (Stadtdechant von Leverkusen): Einen Beruf wähle ich selbst. Eine Berufung wird mir geschenkt. Man entdeckt in sich eine Leidenschaft oder Freude für einen bestimmten Beruf oder eine bestimmte Tätigkeit. Der Idealfall ist natürlich, wenn der Beruf zur Berufung wird. Denn ich glaube, wenn man einen Beruf ausübt, der einem im Grunde zuwider ist, wird man krank.
DOMRADIO.DE: Was ist darüber hinaus das Spezifische an einer geistlichen Berufung?
Teller: Eine geistliche Berufung betrifft den ganzen Menschen. Ich als Priester habe keine Dienstzeiten und privaten Zeiten, sondern das ganze Leben ist in diese Berufung eingebettet. Das ist so ein wenig, wie wenn ich mit Leidenschaft Arzt bin. Dann werde ich auch nicht auf die Uhr schauen nach Dienstzeiten, sondern ich bin da, wenn ich gebraucht werde. So ist es für mich auch bei der geistlichen Berufung. Ich bin Priester als ganzer Mensch, 24/7. Das ganze Leben schenkt man für eine Aufgabe und man bekommt auch ganz viel zurückgeschenkt.
DOMRADIO.DE: Sie sind bereits seit 36 Jahren Priester. Wenn Sie sich noch einmal zurückerinnern an den Anfang, wie haben Sie Ihre eigene Berufung gespürt?
Teller: Es hat kein Berufungserlebnis gegeben wie bei Saulus. Ich habe als Kind mit meiner Oma Gottesdienste besucht, die ich eigentlich immer langweilig fand. Aber es war selbstverständlich, dass man zum Gottesdienst ging.
Nach der Erstkommunion bin ich Messdiener geworden und ab da hat sich das geändert. Ich fand Gottesdienste interessant und schön und habe entdeckt, was dabei alles zu tun ist. Schritt für Schritt bin ich in das Gemeindeleben hineingewachsen mit einem Jugendchor, einer Messdienergruppe und einem Pfarrgemeinderat. Das hat mir immer Freude gemacht, meine Heimatpfarrei in Bergheim war wie eine große Familie.
Nach dem Abitur musste ich mir die Frage stellen: Zivildienst oder Militär? Oder ins Priesterseminar? Ich habe mir gedacht: Guck dir das mal an. Also habe ich das Albertinum besucht.
Zum Wintersemester habe ich dann tatsächlich mein Theologiestudium in Bonn begonnen, sehr zum Missfallen meiner Mutter. Sie hatte Angst, dass ich unglücklich werde. Aber das hat sich dann beruhigt mit der Zeit. Vor vier Jahren ist sie gestorben, aber zum Schluss war alles gut.
Ich hätte auch nicht sagen können, was ich sinnvollerweise als Alternative gehabt hätte. Mein Berufungsweg ist sehr unspektakulär. Er hat zu tun mit der Gemeinschaft, die ich in meiner Pfarrei erlebt habe, und auch mit dem, wie die Priester vor Ort waren. Was die so taten und in der Predigt sagten, das hat mich schon immer gefangen.
DOMRADIO.DE: In 36 Jahren gibt es sicherlich Höhen und Tiefen. Gab es denn Herausforderungen oder Durststrecken in Ihrem Leben als Priester?
Teller: Die gibt es immer zwischendurch, wie in jeder anderen beruflichen oder persönlichen Situation. Man kann nicht immer obenauf sein, so sehr man sich das wünscht. Man erlebt das, was alle Menschen erleben: Zeiten der Depression und der Verzweiflung oder des Zweifels, welchen Sinn alles hat.
Aber unterm Strich bin ich noch immer da herausgekommen, wo ich jetzt bin, und darüber bin ich froh. Ich stelle mir das vor wie in jeder Freundschaft, in jeder Ehe, in jedem anderen Beruf auch. Die Herausforderungen ändern sich. Die Kräfte, die man selbst hat, ändern sich auch. Die Schwierigkeiten ändern sich.
Als ich vor 36 Jahren geweiht worden bin, war überhaupt nicht klar, wie die Situation der Kirche heute ist. Ich bin geweiht worden und war dann Kaplan in einer einzigen Pfarrei; es gab sogar zwei Kapläne. Das wäre heute unvorstellbar. Wir waren bei meiner Weihe 14 Weihekandidaten. Das ist heute das gesamte Priesterseminar zusammen.
Jetzt bin ich für drei Viertel der Stadt Leverkusen zuständig, zusammen mit anderen Seelsorgern und Seelsorgerinnen. Das hat sich schon sehr verändert. Was sich nicht verändert hat, ist die Freude am Glauben. Ostern ist heute genauso schön wie vor 30 Jahren.
DOMRADIO.DE: Sie sagen es, die Aufgaben haben sich verändert, inzwischen ist zur Seelsorge auch viel Verwaltung dazugekommen. Wie leben Sie da noch Ihre Berufung im Alltag?
Teller: Es wird immer behauptet, man würde nur noch Verwaltung machen als Pfarrer, aber das empfinde ich gar nicht so. Natürlich gibt es schon mal Zeiten, in denen das ansteht, zum Beispiel vor den Wahlen für den Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat. Aber das ist nicht immer so. Wir haben außerdem auch gute Verwaltungsleiter, über die ich sehr froh bin.
Viele ehrenamtliche Frauen und Männer arbeiten in den Kirchenvorständen und übernehmen alle handwerklichen, versicherungstechnischen und finanziellen Fragen. Darum habe ich mich hier in Leverkusen eigentlich nie kümmern müssen, das ist großartig. Man muss natürlich ein Stück Verantwortung delegieren und denjenigen, die die Aufgaben übernehmen, Autorität geben. Man darf nicht sagen: Macht mal und zum Schluss entscheide ich. Ich sage: So, wie ihr das beschließt, machen wir das. Das ist bis jetzt immer sehr gut gegangen, weil ich immer Glück hatte mit den Leuten, mit denen ich zusammengearbeitet habe.
Es ist auch gut, dass man nicht nur Seelsorger ist, sonst hebt man ab. Man muss auch immer an die konkreten Gegebenheiten und die Begrenzungen der Möglichkeiten und Ressourcen denken. Wenn man andererseits nur Verwaltung und keine Seelsorge hat, dann bleibt nichts mehr von dem übrig, wofür man eigentlich Priester geworden ist. Es muss eine gute Mischung sein, so empfinde ich das, und das gelingt hier meiner Meinung nach ganz gut.
DOMRADIO.DE: Feiern Sie mit Ihrer Gemeinde den Weltgebetstag um geistliche Berufungen am 26. April?
Teller: Der Weltgebetstag um geistliche Berufungen ist hier in der Pfarrei Sankt Remigius immer der Tag der Jubelkommunion. Der ganze Gottesdienst mit den Jubelkommunionkindern ist auf dieses Thema ausgerichtet. In einer anderen Pfarrei, in Sankt Josef, gibt es nach dem Sonntagsgottesdienst Gespräche und Gebetszeiten rund um den Weltgebetstag.
Abgesehen davon haben wir einmal im Monat eine Betstunde für die geistlichen Berufe. Das haben wir einem ehemaligen Praktikanten zu verdanken, der jetzt auch schon Pfarrer ist. Das Anliegen ist also jeden Monat präsent.
DOMRADIO.DE: Warum meinen Sie, braucht es explizite Zeiten, um für geistliche Berufungen zu beten – und bewirkt das Gebet etwas?
Teller: Was das bewirkt, weiß ich nicht, das muss man Gott allein überlassen. Vielleicht haben auch für mich damals Menschen gebetet und ich weiß gar nichts davon.
Erstens ist Beten immer gut. Zweitens ist es eine Erinnerung an die, die mit dabei sind, dass es auch ihre Sorge ist, Berufe der Kirche im Blick zu behalten. Es geht ja auch darum, jemandem Mut zu machen, der den Weg gehen könnte. Jemanden anzusprechen und zu sagen: "Hör mal, wäre das etwas für dich?"
Gottes Geist wirkt immer. Aber damit wir Menschen verstehen, was sein Anliegen ist, oder uns ihm öffnen, bedarf es des Gebets und der Stille. Auch wenn wir zum Beispiel um den Frieden beten, sind das alles Anliegen, die im Grunde uns selbst verändern.
DOMRADIO.DE: Gab es denn einen Moment in Ihrer Zeit als Priester, in dem Sie gespürt haben: Es war richtig, dass Sie diesen Weg gegangen sind?
Teller: Ich bin schon seit 28 Jahren hier in Leverkusen. Ich war auch schon Jugendseelsorger und Schulseelsorger und ich habe es überall gut angetroffen. Auch bei meinen vorherigen Stellen habe ich überall freundliche Menschen gefunden, die es einem leichtmachen, sich wohlzufühlen. Das versichert mir auch, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich glaube, das liegt nicht an mir, sondern das ist ein Geschenk.
Mein silbernes Priesterjubiläum, das wir hier gefeiert haben, war ein Punkt, an dem ich mich sehr gefreut habe, dass viele gekommen sind. Ich bin jetzt 61 Jahre alt und nach wie vor mit Freude dabei. Das zeigt mir schon, dass ich wahrscheinlich auf dem richtigen Weg bin, sonst wäre das längst aufgefallen.
Das Interview führte Teresa Kammerlander.