"Q hat mich geschickt" – der Slogan, der auf Transparenten beim Sturm auf das US-Kapitol im Nachgang der damals verlorenen Präsidentschaftswahl von Donald Trump am 6. Januar 2021 zu sehen war, ging um die Welt. Er nahm Bezug auf die QAnon-Bewegung, ein im Internet gestartetes Sammelbecken von finsteren bis teilweise völlig absurd scheinenden Verschwörungstheorien.
Den Kern von QAnon bilden – wie bei vielen Verschwörungsideologien – Mythen über eine geheime Elite, in den USA der sogenannte Deep State, die im Hintergrund das Weltgeschick lenkt und alles kontrolliert. Auch in Trumps Anhängerschaft, der MAGA-Blase, fand QAnon viel Zustimmung, was sich nach dem zweiten Wahlsieg Trumps deutlich zeigte. Schon kurz nach seiner Amtsübernahme im Januar 2025 begnadete der wiedergewählte Präsident einige der Kapitol-Stürmer – und bekräftigte damit indirekt die Rechtmäßigkeit und den Gehalt ihres Verschwörungsglaubens.
Verschwörungsglaube auch ohne Belege
Dabei ist es unerheblich, dass sich bislang keine der Behauptungen der QAnon-Bewegung stichhaltig belegen lässt. Derartige Verschwörungsmythen können sich dennoch erfolgreich halten, weil sie gerade in chaotisch scheinenden Zeiten, in denen große (Um-)Brüche stattfinden, vermeintlich sinnstiftend sind.
Wie langlebig sie mitunter sein können, zeigt wohl kaum ein Mythos eindrücklicher als der über den Illuminatenorden. Die vor 250 Jahren in Ingolstadt gegründete Geheimgesellschaft steht bis heute praktisch als Synonym für den Glauben an eine geheime Weltverschwörung. Was auch für Ereignisse sich abspielen – den "Erleuchteten" wird scherz- oder ernsthaft eine Mitwirkung unterstellt.
Historisch gesehen war den Illuminaten hingegen nur ein kurzes Zwischenspiel vergönnt. Am 1. Mai 1776 gründete der Philosoph Adam Weishaupt den Orden mit dem Ziel, die Aufklärung weiter voranzutreiben und den gerade im Kurfürstentum Bayern starken Einfluss der katholischen Kirche zu bekämpfen. Als Hochschullehrer in Ingolstadt hatte sich Weishaupt zuvor vor allem mit dem 1773 offiziell aufgelösten Jesuitenorden überworfen – seinerseits übrigens auch ein bis heute gern genutztes Ziel von Verschwörungsmythen.
Unterwanderung des Absolutismus
Der durch die fortschreitende Aufklärung europaweit in Bedrängnis geratenen kirchlichen Lehre stellten die Illuminaten eine auf der neuen Vernunft basierende Lehre entgegen, die auch den Absolutismus als damals vorherrschende Regierungsform ablehnte. Eine Methode des Ordens – und hier beginnt nun der eigentliche Verschwörungsteil – war die Unterwanderung staatlicher Institutionen. Damit waren die Illuminati durchaus erfolgreich: So bestand das bayerische Zensurkollegium, das für die Kontrolle und Einschränkung von Publikationen im Kurfürstentum zuständig war, zeitweise mehrheitlich aus Mitgliedern des Ordens. Diese konnten somit dafür Sorge tragen, dass Dokumente in ihrem Sinne veröffentlicht wurden und auch Verbreitung finden konnten.
In der Folgezeit schlossen sich zahlreiche Intellektuelle den Illuminaten an. Besonders bedeutend für die weitere Geschichte war dabei der Eintritt von Adolph Freiherr von Knigge. Der bis heute für seinen Benimmkodex bekannte Adelige trat 1780 bei und nahm sofort eine prägende Rolle ein. Er gab dem Orden eine feste Struktur und warb in seiner niedersächsischen Heimat Hunderte neue Illuminaten an, darunter auch große Namen wie Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Herder.
Erfolg führte zum Zusammenbruch
Der rasante Erfolg der Illuminaten sollte jedoch auch ihr Ende besiegeln. In der Führungsriege kam es zum Machtkampf zwischen Gründer Weishaupt und Knigge, der letztlich im Austritt Knigges endete. Gleichzeitig wurde Bayerns Kurfürst Karl Theodor auf die Tätigkeit der Organisation aufmerksam. Am 2. März 1785 folgte das Verbot der Gesellschaft aufgrund von landesverräterischen und religionsfeindlichen Umtrieben. Einige überführte Ordensmitglieder wurden des Landes verwiesen oder verloren ihre Stellung, Weishaupt floh schließlich – wobei seine Funktion als Gründer damals noch unbekannt blieb.
Doch begann nun die Legendenbildung um die Illuminati. Gerüchte darüber, dass sie im Geheimen weiter existierten, erhielten durch die fortschreitende Radikalisierung der Aufklärung Nahrung. Unter anderem der Ausbruch der Französischen Revolution 1789 wurde als Werk den Illuminaten zugeschoben. In den jungen Vereinigten Staaten wurde ebenfalls schon Ende des 18. Jahrhunderts eine Unterwanderung des kurz zuvor gegründeten Staates durch die Illuminaten gefürchtet.
Der Mythos setzte sich in den kommenden Jahrhunderten immer weiter fort. Dabei vermischten sich zunehmend Vorurteile und Motive. Illuminaten und Freimaurer verschmolzen quasi zu einer Einheit; gleichzeitig kamen etwa antisemitische Motive hinzu, die eine Verbindung zu einem alles beherrschenden Weltjudentum zogen. Auch die populäre Kultur trug dazu bei, das ursprüngliche Bild der Illuminaten zu verfälschen, so im viel beachteten Thriller "Illuminati" des US-Autors Dan Brown, in dem sie als finstere Schurken versuchen, das Papsttum zu stürzen.
Widerlegung fast unmöglich
Ist auch die Gegnerschaft zur katholischen Amtskirche ursprünglicher Kern des Ordens gewesen, sind die ihnen in der Popliteratur zugeschriebenen Umtriebe zweifellos ins Reich der Legenden zu verweisen. Dennoch wird an der Langlebigkeit des Illuminaten-Mythos über Jahrhunderte deutlich, wie schwer die Widerlegung derartiger Theorien ist. Denn, so die Argumentation, nur weil es keine offensichtlichen Beweise gibt, negiert das noch lange nicht, dass wirklich Geheimbünde im Hintergrund tätig sind - schließlich könnten diese Zeugnisse auch verschwinden lassen oder manipulieren.
Dass der Glaube an solche Theorien aber eben nicht nur harmlose Spinnerei ist, sondern auch gefährliche Auswüchse annehmen kann, hat sich in der QAnon-Bewegung zuletzt nun deutlich manifestiert. Vielleicht nicht 250 Jahre, doch zumindest solange die Maga-Bewegung in den USA die Macht hat, werden sie sich wohl weiter verbreiten können.