Papst Leo XIV. hat am letzten Tag seines Aufenthalts in Kamerun eine zentrale Soziallehre seines Vorgängers Franziskus bestätigt. Bei einem Massengottesdienst am Flughafen von Yaoundé bekräftigte er am Samstag die "vorrangige Option der Kirche für die Armen". Dieser zunächst umstrittene Ansatz hatte sich Ende des 20. Jahrhunderts als eine zentrale Forderung der Befreiungstheologie in der katholischen Kirche in Lateinamerika durchgesetzt. Papst Franziskus (2013-2025) entwickelte sie in seinem Pontifikat weiter.
Bürgersinn und ziviles Verantwortungsbewusstsein
In seiner Predigt sagte Leo XIV. wörtlich: "Die Aufforderung 'Fürchtet euch nicht' erhält eine umfassende Bedeutung, auch auf sozialer und politischer Ebene, als Ermutigung, Probleme und Herausforderungen – insbesondere jene, die mit Armut und Gerechtigkeit zusammenhängen – gemeinsam, mit Bürgersinn und zivilem Verantwortungsbewusstsein anzugehen." Weiter führte er aus: "Der Glaube trennt das Geistliche nicht vom Sozialen, sondern gibt dem Christen vielmehr die Kraft, mit der Welt in Beziehung zu stehen, um auf die Bedürfnisse der anderen, insbesondere der Schwächsten, einzugehen."
Ausdrücklich betonte er, dass mehr gefordert sei als gute Taten einzelner Menschen. "Für das Heil einer Gemeinschaft reichen die individuellen und isolierten Bemühungen einzelner Menschen nicht aus: Es bedarf einer gemeinsamen Entscheidung, die die geistliche und ethische Dimension des Evangeliums in das Herz der Institutionen und Strukturen integriert und sie zu Werkzeugen für das Gemeinwohl macht statt zu Schauplätzen von Konflikten, Eigeninteressen oder fruchtlosen Kämpfen."
Papst: "Mut, Gewohnheiten zu verändern"
Erforderlich sei der "Mut, Gewohnheiten und Strukturen zu verändern, damit die Würde des Menschen stets im Mittelpunkt bleibt und Ungleichheiten und Ausgrenzungen überwunden werden". Theologisch begründete der Papst, der als Missionar und Bischof lange in Peru gearbeitet hat, dies mit den Worten: "Im Übrigen hat sich Gott, indem er Mensch wurde, mit den Geringsten identifiziert, und dies macht die vorrangige Sorge für die Armen zu einer grundlegenden Option unserer christlichen Identität, wie Papst Franziskus mehrfach betont hat."
Die "Option für die Armen" hatten die Bischöfe Lateinamerikas bei ihren historischen Versammlungen in Medellín (1968) und Puebla (1979) aus der linken Befreiungstheologie übernommen. Die Frage, inwieweit sich die Kirche auch in Fragen der Politik und der sozialen Gerechtigkeit einmischen sollte, spielt auch in den gegenwärtigen Konflikten zwischen dem Weißen Haus und dem Vatikan eine wichtige Rolle.