"Es ist ein Vorfall, wie es ihn in der Geschichte noch nie gegeben hat: Ein US-Präsident greift den Papst frontal an", so die Tagesschau. Nicht einmal Hitler und Mussolini hätten zu ihrer Zeit den Papst so direkt und öffentlich angegriffen, so Massimo Faggioli, einer der besten Kenner der neueren Kirchen- und Papstgeschichte. Tatsächlich sucht man nach historischen Vergleichen, um das, was "moralisch bodenlos" (James Martin) oder als "maßloser Narzissmus" oder als irrationaler emotionaler Ausbruch erscheint, einordnen zu können.
Denkt man an die Verschleppungs- bzw. Exilsandrohungen, die angeblich in Trumps Umfeld ausgesprochen worden sein sollen, dann ist man vor allem an die Internierung Papst Pius‘ VII. 1812 in Fontainebleau durch Napoleon erinnert, nachdem der Kirchenstaat von Frankreich annektiert worden war und der Papst nicht gefügig werden wollte. Auch Pius XII. fürchtete im Zweiten Weltkrieg, von Hitler interniert zu werden. Schon der mächtige spätantike Kaiser Justinian ließ im 6. Jahrhundert Papst Vigilius nach Konstantinopel verschleppen, um ihn zu nötigen, eine Formel zu unterschreiben, die seinen syrischen Untertanen entgegenkam, sich aber vom Glauben entfernte, wie er rund 100 Jahre vorher auf dem Konzil von Chalcedon definiert worden war.
Theologie und Moral statt Politik
Interessanter ist es, den Streit um die Rolle des Papstes in den Blick zu nehmen und nach historischen Vorbildern zu suchen. Sieht man von Trumps beleidigenden Ausbrüchen ab, so hat sein Vize JD Vance den Kern des Konflikts auf den Punkt gebracht: Er solle sich auf Theologie und Moral konzentrieren und nicht in Fragen der Politik einmischen.
Tatsächlich scheint man in der US-Administration schon seit Jahresbeginn über die Stellungnahmen der Kirche verärgert gewesen zu sein, die die Regierung in Fragen der Gewalt gegen Migranten und dann auch in Bezug auf deren Kriegspolitik kritisierten. Soll der Papst politisch neutral sein und allein die geoffenbarte Lehre verkünden? Oder soll er konkret sagen, was in einer Situation politisch gut und richtig ist? Die Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, erstaunt der Konflikt zwischen US-Präsidenten und Papst nicht: Das Evangelium habe eben notwendigerweise politische Konsequenzen, die Trump nicht schmecken könnten.
Vater aller oder höchste Schiedsinstanz?
Zwei unterschiedliche, letztlich konfligierende Rollen des Papstes stehen hier in Konkurrenz, die beide in einer langen Tradition seit dem Mittelalter verwurzelt sind. Ist der Papst der "Vater aller", der überparteilich ist und das Wahre und Gute lediglich abstrakt verkündet? Dann kann er in Konflikten und Kriegen für alle Seiten als moralische Instanz fungieren. Oder ist er, mittelalterlich gesprochen, "arbiter mundi", höchste Schiedsinstanz, die alle im Licht des Evangeliums deutet und so in konkreten Situationen erklärt, was gut und schlecht, christlich geboten und moralisch verwerflich ist? Dass der Erzbischof von Washington D.C., Kardinal Robert McElroy, zum Irankrieg in seiner Kathedrale erklärte, dass der amerikanische Irankrieg für Katholiken inakzeptabel sei, bedeutete den Anlass in der darauffolgenden Eskalation: "Wir müssen laut und mit einer Stimme antworten: Nein! Nicht in unserem Namen! Nicht jetzt! Nicht mit unserem Land!"
"Pater omnium/Vater alles" oder "arbiter mundi/höchste Schiedsinstanz": die beiden Ideale standen bereits in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts miteinander in Konflikt. Papst Benedikt XV. hatte sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs zum überparteilichen Vater aller erklärt, zumal Katholiken auf beiden Seiten kämpften, die von der Gerechtigkeit ihrer Position überzeugt waren. Damit in Spannung stand der Wunsch des Papstes, einen konkreten Frieden zu vermitteln, mithin sich konkret zu äußern, was gut und was schlecht ist. So initiierte er dann doch 1917 eine Friedensinitiative, die konkrete Vorschläge, etwa den einseitigen Rückzug aus Belgien, unterbreitete, die die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn, akzeptieren sollten, was dann wiederum die Entente moralisch auf Kompromissbereitschaft verpflichtet sollte.
Bekanntlich scheiterte die Initiative, wohl auch aufgrund der zu optimistischen Lagebeurteilung des jungen Nuntius Eugenio Pacelli, der im Zweiten Weltkrieg als Papst sich erneut positionieren musste. Seine Haltung bestimmte ab 1939 das Überparteilichkeitsideal. Als Lehrer der Kirche nahm Pius XII. wie kein Papst vor ihm zu moraltheologischen Problem Stellung. Zu Politik und Krieg wollte er nur "uneigentlich" reden, indem er zum Frieden aufrief, ethische Prinzipien einschärfte und Verbrechen verurteilte, ohne doch konkret Zeit und Ort anzugeben oder die Täter beim Namen zu nennen. Diese Zurückhaltung half, Spielräume für konkrete Hilfsleistungen an die Verfolgten zu erhalten und die Kirchenregierung weiter ausüben zu können.
Vorsicht bei Lagebeurteilungen
Im Streit zwischen der Trump-Regierung und dem Papst geht es sicher nicht nur um zwei alte Rollenideale für den Papst, die miteinander in Spannung stehen. Dennoch ist auch ein theologisches Problem aufgeworfen. Welche Kompetenz und Autorität kommt dem kirchlichen Lehramt in der Beurteilung irdischer Sachverhalte zu? Das Zweite Vatikanische Konzil wollte hier stärker scheiden. Anders als bei der Auslegung der Offenbarung ist der Papst in Fragen der Politik, der Kunst und der Wissenschaft per se auch nicht kompetenter als andere. So gibt es eine "legitime Autonomie weltlicher Kultursachbereiche" (Gaudium et spes 36), so dass Christen legitimerweise etwa in politischen Fragen unterschiedlicher Meinung sein können.
Auf der anderen Seite will dieselbe Konzilskonstitution, dass die Kirche die (konkreten) "Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums deutet" (Gaudium et spes 4). Zur Verkündigung gehört nicht nur das Einschärfen von Dogmen und moralischer Prinzipien, sondern auch die Anwendung und konkrete Lagebeurteilung. Hier hat das Lehramt aber niemals die gleiche Gewissheit und Kompetenz. Von da her kann sich Vorsicht und Zurückhaltung nahelegen, gerade im Interesse der eigenen Lehrautorität. Die verbalen Attacken aus Washington machen dies nicht gerade leicht.
Zum Autor: Prof. Dr. Klaus Unterburger ist seit 2022 Lehrstuhlinhaber für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Außerdem ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Kirchenhistoriker und Kirchenhistorikerinnen im deutschen Sprachraum, eine Gruppe, die mehr als hundert Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen umfasst.