Der Passauer Bischof Stefan Oster hat davor gewarnt, christliche Identität mit ethnischer und kultureller Homogenität zu verwechseln und dadurch in völkisch-nationalistische Denkmuster abzurutschen. Das sagte er im Interview der katholischen Wochenzeitung "Die Tagespost". Zugleich warnte er vor der AfD: "Die hat sich verbal und in ihrem politischen Aktivismus in den letzten Jahren immer mehr radikalisiert, Schlagworte wie 'Remigration' sind jetzt völlig salonfähig geworden."
Manche Vertreter der Rechten propagierten die "fragwürdige Reinhaltung von eigener Kultur und Ethnie", sagte Oster. Jemand aus einer anderen Ethnie habe aber nicht automatisch eine fragwürdige Kultur. Natürlich müsse politisch etwa darüber gesprochen werden, wie viel Zuwanderung ein Land vertrage. "Nur darf so ein Prozess nicht einhergehen mit Verachtung und einer generellen Hermeneutik des Verdachts, zum Beispiel gegen Menschen aus dem globalen Süden oder gegen Muslime."
Versuchung für konservative Katholiken
Konservative Katholiken gerieten teils in Versuchung, politisch rechts beziehungsweise identitätspolitisch unterwegs zu sein, so Oster. "Sehr konservativer Katholizismus vertritt häufig die Auffassung: 'Wir haben die Wahrheit', und diese Wahrheit kommt dann aber oft genug in der Gestalt eines 'intellektuellen Rechthabens' daher." Es brauche eine Haltung der Demut, um "jeden Menschen als Kind Gottes in seiner Würde" zu achten.
Ein Menschenbild wie "Ich kann dich akzeptieren, wenn du so bist, wie ich dich gerne hätte", bezeichnete Oster als lieblos. "Gott ist der Vater aller Menschen. Das sollte unsere primäre Identität als Christen sein!" In der aktuellen Kultur habe er daran viele Anfragen. "Wenn wir nur noch die Fassade eines 'christlichen Abendlandes' bewahren und meinen, wir müssen uns vor Migration schützen, weil die vermeintlich Bösen kommen, dann doch deshalb, weil wir offenbar die geistige und geistliche Kraft zur Transformation der Welt verloren haben."
Ausschluss schafft keinen Glauben
Wer sich als Kind Gottes sehe, solle das als Korrektiv verstehen, sagte Oster. "Wenn das Christentum sich in einer Kultur inkarniert, dann bewahrt es das Gute und korrigiert Dinge, die dem widersprechen." Wenn Christen glaubten, dass Jesus Christus der Retter aller Menschen sei, dann bräuchten sie keine Angst vor Menschen aus anderen Kulturen zu haben. Dass immer weniger Menschen glaubten, bedeute zwar eine Destabilisierung des Systems Deutschlands. Aber: "Ausschluss anderer schafft noch keinen Glauben – eher im Gegenteil."