Bei seinem Besuch in Algerien hat Papst Leo XIV. der kleinen christlichen Minderheit Mut gemacht, ihren Glauben zu leben. Am Montagabend erinnerte er in Algier an die antiken Wurzeln der christlichen Kirche in Nordafrika – und an jene, die dort im 20. Jahrhundert wegen ihres Glaubens getötet wurden.
Angesichts von Hass und Gewalt seien sie "in der Nächstenliebe bis zum Opfer ihres Lebens treu" geblieben; "ohne Ansprüche und ohne Aufhebens; mit der Gelassenheit und Standhaftigkeit derer, die weder vermessen sind noch verzweifeln, weil sie wissen, wem sie ihr Vertrauen geschenkt haben".
In der Basilika Unserer Lieben Frau von Afrika in Algier konnte Leo XIV. ganz sicher sein, dass seine Zuhörer wussten, von wem er sprach: von jenen sieben Trappisten-Mönchen, die vor 30 Jahren, Ende März 1996, aus ihrem Kloster in Tibhirine entführt und zwei Monate später geköpft aufgefunden wurden. Und von Pierre Lucien Claverie, dem Bischof von Oran und Pionier des christlich-islamischen Dialogs, der am 1. August 1996 im Eingang seiner Kathedrale starb, als dort eine Bombe explodierte.
Als Nachbarn der muslimischen Bevölkerung
Eigentlich ist ihre Geschichte nicht eine Geschichte des Krieges, sondern des Friedens. Als eine Handvoll Weniger lebten die französischen Trappisten im Kloster Notre-Dame de l'Atlas im Norden Algeriens, in Nachbarschaft mit der weitestgehend muslimischen Bevölkerung. Dorfbewohner besuchten den Arzt, Bruder Luc, oder ließen sich von den Mönchen beim Schriftverkehr mit den Behörden helfen.
Doch Ausländer waren keineswegs von allen gern gesehen. Bald forderten Islamisten sie alle auf, das Land zu verlassen - und sie ließen Taten folgen. Als eine Gruppe kroatischer Arbeiter brutal ermordet wurde, stellte sich auch für die Mönche von Tibhirine die Frage: bleiben oder gehen?
Die Trappisten aus Frankreich verstanden sich als Brüder im Dialog zwischen Christentum und Islam. Von 1830 bis 1962 war Algerien französische Kolonie gewesen, Missionsgebiet; die Scheidung verlief im Unfrieden. Die Ordensleute wollten Wunden heilen helfen, in Frieden leben. Sie entschieden sich zu bleiben, die Dorfbewohner nicht im Stich zu lassen. Militärischen Schutz für ihr Kloster lehnten sie ab.
Die Köpfe der Mönche – abgetrennt
Zu Weihnachten 1995 forderten islamistische Kämpfer die Mönche auf, einen verletzten Waffenbruder zu versorgen – was sie auch taten. Doch ziemlich genau drei Monate später kamen die Islamisten wieder. In der Nacht zum 27. März 1996 führten sie sieben der Mönche ab. Zu der Tat bekannte sich eine terroristische Splittergruppe, die die Freilassung eines ihrer Anführer verlangte.
Am 30. Mai wurden die abgetrennten Köpfe der Mönche gefunden; die Körper sind bis heute verschwunden. Unklar ist auch, ob die Ordensleute tatsächlich von ihren Entführern getötet wurden – oder aber vom algerischen Militär und Geheimdienst. Der französische Regisseur Xavier Beauvois griff das Drama von Tibhirine in seinem vielfach preisgekrönten Film "Von Menschen und Göttern" (2010) auf – und machte ihr Schicksal damit einem breiteren Publikum bekannt. Millionen Menschen sahen den Film.
Aufgewachsen in "kolonialer Seifenblase"
Spätestens seit den Morden von Tibhirine musste Bischof Claverie wissen, dass es auch ihn jederzeit treffen könnte. Der Dominikaner war ein Kind sogenannter Pieds-noirs ("Schwarzfüße"). So bezeichnete man jene Franzosen, die sich seit der Eroberung Algeriens 1830 dort angesiedelt hatten. Geboren 1938 in der Hauptstadt Algier, wuchs Claverie nach eigenen Worten in einer "kolonialen Seifenblase" auf, ohne Kontakt zu muslimischen Kindern oder zur arabischen Sprache.
Zu jener Zeit – 1930 hatte Frankreich mit einigem Pomp 100 Jahre "Wiederauferstehung der Kirche Afrikas" gefeiert - sah die französische Republik, dem betonten Laizismus im eigenen Land zum Trotz, in Algerien Christianisierung und Kolonisierung als eins an. Ziel war, Algerien eine französische Seele zu geben. Und diese zivilisatorische Attitüde kam bei der einheimischen Bevölkerung auch genau so an; erst recht, nachdem 1945 ein Aufstand gegen die Kolonialmacht niedergeschlagen worden war und Kirchenvertreter die Aufständischen als undankbar und das Christentum als dem Islam überlegen charakterisierten.
Das Leben mit den Armen teilen
Erst allmählich setzte in den folgenden Jahrzehnten bei Teilen von Klerus und Ordensleuten ein Umdenken ein. Sie suchten nun verstärkt geschwisterlichen Kontakt mit der muslimischen Bevölkerung, widmeten sich der Caritas, Bildungs- und Gesundheitsprojekten, teilten ihr Leben mit den Armen. Claverie studierte unterdessen im französischen Grenoble und wandte sich dem Ordensleben zu; 1958 trat er bei den Dominikanern ein. Sein Geburtsland Algerien erkämpfte in einem blutigen Krieg (1954-1962) seine Unabhängigkeit. Claverie wollte dorthin zurück, lernte Arabisch und beschäftigte sich nun mit dem Islam. 1973 wurde er Leiter eines interreligiösen Forschungsinstituts in Algier. 1981 schließlich ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Oran.
Im Zuge des Unabhängigkeitskrieges war die Zahl der Christen im Land stark zurückgegangen. Viele Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt, und die verbliebenen Christen mussten sich die Frage nach ihrer Identität und ihrer Aufgabe beantworten: Wollten sie eine französische "Diplomatenkirche" oder eine Kirche Algeriens sein? Auch wenn die Antwort b) lautete: Die politische Lage machte das Unterfangen schwierig und zunehmend gefährlich. In den 90er Jahren gerieten die Christen in den Sog des algerischen Bürgerkrieges.
Anfang 1989 hatte Präsident Chadli Bendjedid eine neue Verfassung verabschiedet, die politische Parteien und Pressefreiheit zuließ. 60 Parteien bildeten sich; sehr zum Unwillen des mächtigen Militärs, das vor allem ein Erstarken des politischen Islam befürchtete.
Erstarken des politischen Islam
Mit Recht: Die sogenannte Islamische Heilsfront (FIS) siegte bei den Kommunal- und Provinzwahlen 1990 mit Zweidrittelmehrheit. Als die Armee 1991 die ersten freien Parlamentswahlen aussetzte, brach der Bürgerkrieg zwischen Militärregime, FIS und anderen radikalislamischen Gruppierungen aus. Immer häufiger wurden nun Christen aufgefordert, das Land Richtung Europa zu verlassen. Doch die Überzeugten sahen in Algerien ihre Heimat, engagierten sich. Ab 1993 nahmen Entführungen von Christen zu, ab 1994 auch politische Morde. Die immergleiche Botschaft: Nicht-Muslime haben keinen Platz mehr in Algerien. Die Mönche von Tibhirine mussten sterben, dann Claverie, der auch bei gebildeten Muslimen hoch angesehen war.
Algeriens Bürgerkrieg endete 2002 mit einem Sieg der Sicherheitskräfte, dem Verbot der FIS und einer Zerschlagung islamistischer Terrorgruppen. Die Todesopfer werden zwischen 60.000 und 200.000 beziffert. 19 Ordensleute, die zwischen 1994 und 1996 in Algerien ermordet wurden, sprach der Vatikan 2018 selig; ein Zeichen der Ermutigung für die wenigen verbliebenen Christen im Land, denen die einfache Bevölkerung heute vielerorts vertraut. Ein Zeichen, das Leo XIV. in diesen Tagen neu bekräftigen will.