Magdeburger Altbischof Leo Nowak ist im Alter von 97 Jahren gestorben

"Ich lebe von der Hoffnung"

Er suchte den Dialog mit Kirchenfernen und verfolgte bis ins hohe Alter theologische Debatten. Hoffnung zu schenken, war ihm ein Herzensanliegen. Nun ist Leo Nowak, der erste Bischof des wiedererrichteten Bistums Magdeburg, gestorben.

Autor/in:
Karin Wollschläger
Leopold Nowak, emeritierter Bischof von Magdeburg, am 26. Juni 2018 in Fulda / © Harald Oppitz (KNA)
Leopold Nowak, emeritierter Bischof von Magdeburg, am 26. Juni 2018 in Fulda / © Harald Oppitz ( KNA )

Leo Nowak starb am Sonntagmorgen im Alter von 97 Jahren nach einer Operation in Magdeburg, wie das Bistum mitteilte. Nowak wurde 1990 zum Bischof geweiht und stand bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2004 an der Spitze der Katholiken in Sachsen-Anhalt.

Nowak war der erste Bischof des Bistums Magdeburg, das 1994 im Zuge der deutschen Wiedervereinigung neu gegründet wurde. In seine Amtszeit fielen die Gründung von drei Gymnasien und vier Grundschulen in kirchlicher Trägerschaft sowie eine schwere Finanzkrise des Bistums.

Blick auf Magdeburg mit dem Dom bei Sonnenuntergang / © Animaflora PicsStock (shutterstock)
Blick auf Magdeburg mit dem Dom bei Sonnenuntergang / © Animaflora PicsStock ( shutterstock )

Nowak kam am 17. März 1929 in Magdeburg zur Welt und wurde dort 1956 zum Priester geweiht. Papst Johannes Paul II. ernannte ihn 1990 zum Bischof "in" Magdeburg; das sogenannte Bischöfliche Amt Magdeburg gehörte zum Erzbistum Paderborn. Mit der Errichtung des Bistums Magdeburg 1994 wurde Nowak dann Bischof von Magdeburg. Von 1991 bis 1996 leitete er zudem die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Seit 2004 war Nowak im Ruhestand.

Bischöfe trauern um Zeitzeugen der DDR

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, würdigt  Nowak für seinen Einsatz für die Menschen. "Leo Nowak ist Zeit seines Lebens Seelsorger geblieben und war für die Menschen da – jene, die der Kirche nahestanden, und auch solche, die auf der Suche waren", schrieb Wilmer am Sonntag in einem Kondolenzschreiben. 

Heiner Wilmer / © Harald Oppitz (KNA)
Heiner Wilmer / © Harald Oppitz ( KNA )

Der frühere Bischof habe bis in die letzten Lebensmonate in einer nachklingenden Weise Seelsorge ermöglicht, die sich aus den Erfahrungen der DDR ebenso speiste wie aus dem Wissen um den Wert der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, so Wilmer. Auch die Bischofskonferenz habe von Nowaks Erfahrungen als Zeitzeuge der DDR profitiert.

Lob für politisches Engagement 

Der ernannte Bischof von Münster betonte auch das politische Engagement Nowaks: "Er war ein Staatsbürger und Demokrat, dem die liebgewonnene Freiheit nach dem Kommunismus ein Herzensanliegen geworden ist." Menschenverachtende Tendenzen in der Politik habe er ebenso deutlich kritisiert wie jene, "die dumpfe Parolen auf den Straßen brüllen und damit vorgeben, die Demokratie zu verteidigen".

Nowaks Nachfolger als Magdeburger Bischof, Gerhard Feige, hob hervor, sein Vorgänger habe die ureigene Aufgabe der Kirche – Seelsorge, Gottvertrauen und Menschenfreundlichkeit – aus tiefstem Herzen authentisch gelebt. "Er hatte immer ein offenes Ohr und interessierte sich für jede und jeden einzelnen Menschen, egal, ob Christ oder nicht", so Feige.

Spaziergänge und Lektüre theologischer Fachzeitschriften

Mit Spaziergängen und der Lektüre theologischer Fachzeitschriften wie der Herder Korrespondenz hielt er sich bis ins hohe Alter fit. Der katholische Magdeburger Altbischof Leo Nowak blieb beweglich und stand kirchlichen Reformen aufgeschlossen gegenüber. "Ich kann mir vorstellen, dass Frauen auch am Altar stehen und Priesterinnen werden können", sagte er kurz vor seinem 95. Geburtstag. Und räumte ein, er habe seine Einstellung zu diesem Thema geändert.

Magdeburger Dom / © Marcus_Hofmann (shutterstock)

"Die Gesellschaft verändert sich, und wir sind als Kirche Teil davon. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, sonst sind wir draußen und verlieren den Draht zu den Menschen", konstatierte Nowak 2024. Er verfolgte mit wachem Geist die aktuellen theologischen und gesellschaftspolitischen Debatten, suchte das Gespräch: "Am liebsten mit Menschen, die sagen, sie haben mit Kirche und Glauben nix am Hut."

Gesprächskreis mit Ärzten

Bis vor Corona hatte er fast zehn Jahre lang einen Gesprächskreis mit über 20 Ärzten. "Einmal ging es um die Frage, ob man einem Sterbenden immer die Wahrheit sagen muss", erzählte Nowak. "Einer sagte: 'Ja, müssen wir. Aber wir dürfen auch keinen Menschen ohne Hoffnung lassen. Nur: Wie geht das, wenn es keine medizinische Hoffnung mehr gibt?' Es trat eine lange Stille ein."

Die Frage nach der Hoffnung, wie man sie stärken und weitergeben kann, war ein Herzensthema von Nowak. "Ich erlebe es immer wieder, dass man darüber auch gut ins Gespräch mit Nichtgläubigen kommt. Meines Erachtens steckt Hoffnung oder die Sehnsucht nach Hoffnung in jedem Menschen. Und wenn wir den Hoffnungsfunken – gerade auch in unsicheren Zeiten – stärken können, dann haben wir als Kirche, haben wir als Christen den Menschen schon einen großen Dienst erwiesen."

14 Jahre Bischof in und von Magdeburg

Nowak stand von 1990 bis 2004 an der Spitze des Magdeburger Kirchengebietes, das 1994 in Folge der deutschen Wiedervereinigung zum Bistum erhoben wurde. Als ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof "in" Magdeburg ernannte, war in der damals noch existierenden DDR der gesellschaftliche und politische Wandel in vollem Gange. Die Kirche stand vor der Herausforderung, ihren Standort neu zu bestimmen. Nowak schien dafür genau der richtige Mann.

Der Paderborner Dom nach den Luftangriffen auf die Stadt (EBP)
Der Paderborner Dom nach den Luftangriffen auf die Stadt / ( EBP )

Nach einem abenteuerlichen Beginn seines Theologiestudiums – er reiste wenige Jahre nach Kriegsende bei Nacht und Nebel mit falschem Pass über Berlin nach Paderborn – empfing er 1956 in Magdeburg die Priesterweihe.

In der Abschlussbeurteilung schrieb der Regens des Erfurter Priesterseminars: "Nowak ist begabt, fleißig, geistig interessiert, dazu von einer großen Ruhe und Überlegenheit. Seine humorvolle, sichere Art half über viele Schwierigkeiten hinweg. Er ist zugleich praktisch begabt, musikalisch, kann Singekreise leiten, sodass er verspricht, auf vielerlei Posten voll seinen Mann zu stehen."

Bischof mit Blick auf Nicht-Christen

Während seiner Zeit als Bischof war es Nowak stets wichtig, in seinem Bistum mit einem Katholikenanteil von drei Prozent auch die Nicht-Christen zu erreichen, etwa im Bereich der Werteerziehung. So gründete er in seiner Amtszeit drei Gymnasien und vier Grundschulen, deren Plätze auch bei Konfessionslosen sehr begehrt sind.

Als die katholische Kirche aus dem System der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung im Jahr 1999 ausstieg, trieb Nowak die Sorge um die werdenden Eltern um und er gründete die Stiftung "Netzwerk Leben". Sie unterstützt bis heute in Notfällen mit schneller, unbürokratischer Hilfe, etwa durch Rechtsberatung oder finanzielle Beihilfen. Auch damit erreicht das Bistum viele Nicht-Christen.

"Hoffnung, dass es gut sein wird"

Eine weitere Initiative von ihm war die Wiederbesiedlung des mittelalterlichen Zisterzienserinnenklosters Helfta. In Nowaks Bischofsjahre fielen indes auch verlustreiche Immobilien- und Finanzgeschäfte, mit denen das Diaspora-Bistum eigentlich seine finanzielle Situation verbessern wollte und dann beinahe in den Ruin steuerte.

Altbischof des Bistums Magdeburg, Leo Nowak, predigte am am Reformationstag (31.10.04) in der Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Es war das erste Mal seit der Reformation, dass ein katholischer Bischof auf dieser Kanzel stand, von der der Reformator Martin Luther häufig gepredigt hatte. / © Kai-Uwe Hündorf (epd)
Altbischof des Bistums Magdeburg, Leo Nowak, predigte am am Reformationstag (31.10.04) in der Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Es war das erste Mal seit der Reformation, dass ein katholischer Bischof auf dieser Kanzel stand, von der der Reformator Martin Luther häufig gepredigt hatte. / © Kai-Uwe Hündorf ( epd )

Nowak mochte Lyrik, besonders von ostdeutschen Frauen wie Eva Strittmatter. In ihrem Gedicht "Ewigkeit" heißt es: "Ich schreibe von der einfachen Sache: Geburt und Tod und der Zwischenzeit". Bischof Nowaks Metier ging noch darüber hinaus: die Perspektive ins Jenseits offenhalten. 

Er tat es nachdenklich, ohne Aufdringlichkeit: "Ich lebe von der Hoffnung, aber nicht vom Wissen, wie es nach dem Tod sein wird. Ich lebe von der Hoffnung, dass es gut sein wird und dass es gut gehen wird."

Bistum Magdeburg

Das Bistum Magdeburg zählt zu den jüngsten Bistümern in Deutschland. Die Geschichte des katholischen Glaubens in der Region reicht allerdings zurück bis ins achte Jahrhundert. 

Das Gebiet des Bistums umschließt ein Territorium, das zu den ältesten deutschen Kulturlandschaften zählt. Hier stand die Wiege des Deutschen Reiches und bis heute ruhen hier die ersten deutschen Herrscher: König Heinrich I. in der Stiftskirche von Quedlinburg und Kaiser Otto der Große im Magdeburger Dom, der ersten gotischen Kathedrale diesseits der Alpen. 

Die Kathedrale Sankt Sebastian zwischen Wohnhäusern in Magdeburg / © Dominik Wolf (KNA)
Die Kathedrale Sankt Sebastian zwischen Wohnhäusern in Magdeburg / © Dominik Wolf ( KNA )
Quelle:
KNA