DOMRADIO.DE: Wie haben Sie von der Aufhebung der Einschränkung und damit auch von der Wiedereröffnung der Grabeskirche erfahren?
Bruder Jakobus-Maria Raschko (Franziskanermönch in der Jerusalemer Grabeskirche): Wir haben eine WhatsApp-Gruppe. Unser Oberer hat die Nachricht vom Heimatschutzkommando bekommen und er hat gleich weitergegeben, dass Jerusalem wieder im grünen Bereich ist und dass ab 6 Uhr wieder alles normal läuft. Die Arbeiter dürfen kommen, die Büros werden geöffnet sein und auch die Grabeskirche.
DOMRADIO.DE: Haben Sie das auch in den Gottesdiensten gemerkt, dass mehr los war als sonst? Viele Christen sind zurzeit nicht in Jerusalem.
Br. Jakobus-Maria: Das nicht, aber ich habe einen deutschen Verteiler mit Schwestern, Brüdern und Studenten, die noch da sind. Denen habe ich die Information in der Nacht noch weitergeschickt. Heute morgen habe ich gemerkt, es war eine ganz andere Stimmung. Die Absperrungen waren weg, alle Türen waren offen und auch im Gottesdienst selber waren noch mehr Mitbetende bei uns.
DOMRADIO.DE: Waffenruhe bedeutet nicht automatisch Frieden. Wie schnell können diese Beschränkungen wiederhergestellt werden?
Br. Jakobus-Maria: Eigentlich sofort. Wenn das Heimatschutzkommando das den Polizeistationen weitergibt, dann sperren sie die Wege sofort ab.
DOMRADIO.DE: Sie haben die Gottesdienste in der Kar-und Osterwoche weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefeiert. Wie blicken Sie auf die vergangenen Tage zurück?
Br. Jakobus-Maria: Es war ein zweischneidiges Schwert. Natürlich haben die Mitbetenden gefehlt, die Konzelebranten und die Seminaristen, die alle auch eine Aufgabe hatten. Auf der anderen Seite haben wir so in Ruhe mit dem Patriarchen den Gottesdienst gefeiert.
Einmal waren wir elf, einmal waren wir 13. Jeder hat seinen Teil gemacht und es ging auch etwas schneller, aber auch intensiver. Ich denke, wir waren viel näher dran, am Patriarchen und am Altar. Das war schon anders.
DOMRADIO.DE: Sie waren in der Corona-Zeit noch nicht in Jerusalem. Aber kann man das in etwa vergleichen?
Br. Jakobus-Maria: In der Corona-Zeit war es heftiger, da war die Kirche ganz zu. Da kam auch kein Patriarch. Nur die zehn Brüder haben vor Ort alles alleine gefeiert. Jetzt waren immerhin ein paar von außerhalb mit uns. Die Medien waren auch immer da. Es wurde auch fotografiert. Dieses Mal hatten wir aber in den Internet-Foren spürbar mehr Follower.
DOMRADIO.DE: War ihre Medienpräsenz in diesem Jahr besonders hoch, weil die Öffentlichkeit selbst am Gottesdienst nicht teilnehmen konnte?
Br. Jakobus-Maria: Die Medienpräsenz war intensiver. Normalerweise wurde eine Zusammenfassung gemacht und ein paar Clips wurden zusammengestellt, aber diesmal hat ein Großteil online live mitgefeiert.
DOMRADIO.DE: Jetzt stehen am kommenden Wochenende die Ostertage für die orthodoxen Christen an. Was bedeutet das konkret für die Grabeskirche, wenn sie wieder geöffnet ist?
Br. Jakobus-Maria: Wir haben schon gemerkt, dass sie im Stress sind. Sonst hatten sie mehrere Tage Vorlauf, um das Fest vorzubereiten. Als ich morgens gegen acht aus der Kirche bin, sind schon die Kameraleute und die Techniker und auch die Polizei noch einmal durchgegangen.
Es kommen keine Pilger von außerhalb. Aber das ist das schöne für die arabischsprechenden griechisch-orthodoxen, armenisch-orthodoxen und koptischen Christinnen und Christen. Jetzt können die Einheimischen da sein und sie werden auch da sein.
Ich denke schon, dass es großartig gefeiert wird. Der griechische Patriarch hat am Donnerstagmorgen schon mit der Gründonnerstagliturgie angefangen. Die ist im Nebengebäude und nicht direkt in der Grabeskirche. Deshalb konnten die Techniker in aller Ruhe aufbauen.
DOMRADIO.DE: Wird die orthodoxe Liturgie mit dem Feuerwunder genauso stattfinden können wie sonst auch?
Br. Jakobus-Maria: Ich denke, es wird so sein wie bei uns. Wenn kein Volk mit dabei sein kann, der Patriarch wird auf jeden Fall kommen. Die Liturgie am Karsamstag wird so sein, dass um 13 Uhr unserer Zeit die Polizei das Grab selber versiegeln wird. Dann wird der Patriarch um 14 Uhr das Siegel wieder brechen, reingehen und die orthodoxen Gebete sprechen. Nach ihrem Glauben kommt vom lieben Gott dann das Osterfeuer.
DOMRADIO.DE: Bedeutet das orthodoxe Osterfest für Sie als Vertreter der Westkirche auch eine Umstellung? Müssen Sie sich etwas mehr einschränken in diesen Tagen, um den orthodoxen Christen etwas mehr Raum zu geben?
Br. Jakobus-Maria: Das ist seit Jahrhunderten so eingespielt, dass wir am Karsamstag eine Sonntagsordnung haben. Das heißt, um 6.30 Uhr findet die lateinische Messe statt. Anschließend haben wir eine Dreiviertelstunde lang eine Prozession, die eigentlich am Nachmittag für eine Stunde wäre, aber diese Zeit geben wir jetzt den Orthodoxen. Am Karsamstag wird es ähnlich sein, am Karsamstag werden wir um 8 Uhr die Kirche verlassen müssen.
DOMRADIO.DE: Wie läuft es in den Jahren, in denen das Osterfest zusammenfällt?
Br. Jakobus-Maria: Das war letztes Jahr der Fall. Da haben wir zum Teil in einem Nebenteil gefeiert, die Armenier haben oben in der Galerie gefeiert und die Griechen dann bei ihnen im Katholikon. In den Zeiten war das genauer geteilt, wer wann wo kurz mal ins Grab darf. Das ist alles abgesprochen.
DOMRADIO.DE: Die Absprachen geschehen im Regelfall reibungslos oder wie ist Ihre Erfahrung?
Br. Jakobus-Maria: Im Moment ist es so, dass wir an jedem Montag eine Status-Quo-Sitzung haben mit den entsprechenden Fachleuten, die genau wissen, was da alles seit 1853 passiert ist. Dann wird es genau aufgeschrieben. An allen Kar- und Ostertagen gibt es ein richtiges Heft, in dem alles steht, wer wann, wo, was machen darf.
Das Interview führte Jan Hendrik Stens.