Himmelklar: Ich habe Sie immer als jemanden erlebt, der sich ganz persönlich dafür einsetzt, dass christliche Werte wie die Nächstenliebe weitergegeben werden. Warum ist das so wichtig? Was wird aus dieser Welt, wenn uns Gott und Glaube noch weiter verloren gehen?
Pater Eberhard von Gemmingen SJ (langjähriger Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan): Ich glaube, die Menschheit in allen Kontinenten braucht eine weltanschauliche Grundüberzeugung. Ohne eine Grundüberzeugung geht es nicht. Und die Grundüberzeugungen sind rund um den Globus oft oder weitestgehend religiös begründet – die Chinesen, die Japaner, die Inder, die muslimischen Araber, aber auch in Afrika die Stämme, also ohne eine intellektuelle Weltanschauung geht es nicht.
Wozu bin ich auf Erden? Was soll ich eigentlich? Warum soll ich nicht klauen? Warum soll ich nicht betrügen? Die Menschheit braucht Normen – und zwar nicht nur Normen, sondern auch einen geistigen Hintergrund, warum es Normen gibt. Es gibt nicht nur Normen, weil die Polizei sonst kommt, sondern weil ich nur vernünftig leben kann, wenn ich eine Weltanschauung und ein Verständnis vom Kosmos und von der Menschheit habe. Das gehört einfach zum Menschsein.
Himmelklar: Sie haben jetzt Ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert. Dieser runde Geburtstag fällt in eine Zeit, die viele als Zeit multipler Krisen erleben: die diversen Kriege, das Auseinanderdriften der Gesellschaft und große Unzufriedenheit. Erleben Sie persönlich die Welt aktuell auch vor allem als eine krisenhafte?
von Gemmingen: Ja, sehr. Und zwar nicht nur die Kriege. Also ein Präsident Trump, der ist sehr seltsam, und ein Putin, der ist wirklich böse. Ich erlebe aber nicht nur die Kriege – Ukraine, Naher Osten, Mittlerer Osten, Sudan –, sondern ich habe zum Beispiel gestern erst gelesen, dass Kinder nach der Volksschule nicht lesen und schreiben können. Dann kommen sie ins Gymnasium. Und wenn sie das Gymnasium abschließen, sind sie längst nicht vorbereitet auf die Universität.
Das ist seit langem bekannt. Das Schulsystem funktioniert nicht mehr. Warum? Weil Jugendliche und Kinder ununterbrochen abgelenkt sind von etwas anderem. In der guten alten Zeit war das Leben langweilig. Da war die Schule auch eine gewisse Unterhaltung und es gab Druck von den Eltern. Und die Eltern haben auch ihre Autorität ausgespielt. Heute übertreiben wir wohl manchmal: "Du musst Rücksicht nehmen auf das Kind" und "Du darfst das Kind nicht überfordern" und so weiter. Der Niedergang an Grundbildung und Grundwissen und der Wunsch, immer alles essen und trinken zu können, wozu man Lust hat.
Früher war es auch nicht gut, aber es gab eine Begrenzung. Eine normale bürgerliche Familie vor 50 oder 100 Jahren hat Grenzen erlebt. Es gibt unendlich viele Arme, aber es gibt auch unendlich viele Leute, die jeden Tag zwei, drei, vier oder fünf Bier trinken müssen oder viel Wein. Leider bin ich kulturskeptisch – vor allem, dass das Bildungswesen so den Berg hinuntergeht.
Himmelklar: Das also macht Ihnen große Sorge. Was erfüllt Sie dagegen mit Hoffnung?
von Gemmingen: Hoffnung geben mir jetzt im kirchlichen Bereich einige erstaunliche Aufbrüche, neue Anfänge. In Augsburg gibt es das berühmte Gebetshaus, wo Tausende von jungen Menschen hinkommen zum Beten, und zwar tagelang. Das ist ein kleines Zeichen.
Hoffnung macht aber auch, dass die Rückkehr von Religion – weltweit vielleicht unsichtbar – doch da ist, in ganz anderer Weise. Jahrhundertelang war es allgemein üblich, zu beten. Heute taucht es da und dort auf.
Die Erwachsenen, die heute in eine Messe gehen, kommen freiwillig, jedenfalls in den Städten. Die kommen nicht aus Zwang und Pflicht, sondern sie kommen freiwillig. Und das ist wunderbar, dass die Freiwilligkeit, das heißt der eigene Wunsch, da etwas vom Evangelium mitzunehmen, so vorhanden ist.
Himmelklar: "Altwerden ist nichts für Feiglinge", das hat der Schauspieler Joachim Fuchsberger schon vor langer Zeit mal auf einem Buchtitel so formuliert. Hat er recht? Ist das Älter- und Altwerden wirklich so eine große Herausforderung?
von Gemmingen: Ich glaube, es ist verschieden. Wenn man sehr gesund ist, so wie ich es bin, ist die Herausforderung geringer. Wenn ich aber viele andere Leute meines Alters sehe, die auf Krücken oder Stöcken oder mit Rollator durch die Stadt gehen, dann ist das schon mühsam.
Die Verringerung der Kraft und das Altern anzunehmen, ist nicht so einfach. Das muss man wirklich versuchen. Ich nehme es an, dass ich nicht mehr kann, dass ich vergesse, dass ich schwach bin, dass ich vieles, was ich jahrelang konnte, wie das Autofahren, halt nicht mehr kann. Das muss man annehmen. Das ist nicht so einfach.
Himmelklar: "Media vita in morte sumus" – "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen", so fängt ein gregorianischer Choral aus dem 8. Jahrhundert an. Wir verdrängen das immer gern, aber je älter wir werden, desto mehr beschäftigt uns wahrscheinlich doch der Gedanke an unsere eigene Vergänglichkeit. Ist das bei Ihnen auch so?
von Gemmingen: Ja, ich denke schon seit ein paar Jahren immer mehr ans Sterben und an den Tod. Ich habe noch drei Schwestern, die alle etwa so alt sind wie ich. Ich frage mich, wer von uns als Erster sterben wird. Ich lebe unter lauter Jesuiten und vielen älteren Jesuiten. Und ich beobachte, wie schwach schon manche Jüngere sind.
Das Nachdenken über Krankheit und Sterben drängt sich auf. Und man darf das auch nicht verdrängen. Ich wünsche mir, dass ich leicht und schnell sterbe und dass ich nicht ewig lang im Bett liegen muss oder Schmerzen habe. Davor habe ich Angst. Vor dem Sterben als solchem. Ich hoffe, ich bekenne einfach, dass Jesus auf der anderen Seite steht und mich in seine Arme schließt. Das hoffe ich und wünsche ich mir. Aber lange leiden möchte niemand.
Himmelklar: Damit haben Sie eigentlich ja meine Frage schon vorweggenommen, wie Sie nämlich dem Tod entgegenblicken: mit Angst vielleicht oder mit Hoffnung oder mit beiden?
von Gemmingen: Mit Angst vor Schmerzen, vor Lähmung und mit der Hoffnung, dass nach dem Tor des Todes Jesus Christus dasteht und mich in seine Arme nimmt.
Himmelklar: Was wünschen Sie sich? Was wollen Sie den Leuten heute noch sagen? Wofür wollen Sie in Erinnerung bleiben?
von Gemmingen: …dass ich ein zugewandter, freundlicher, hilfsbereiter und ein bisschen intelligenter Mensch gewesen bin.
Himmelklar: Was wünschen Sie sich jetzt für die nahe Zukunft? Womit möchten Sie Ihre kostbare Zeit verbringen?
von Gemmingen: Ich bin am Bücherschreiben. Zwei Manuskripte liegen bei Verlagen. Das eine geht über Konvertiten, und zwar hochgebildete Menschen, die katholisch geworden sind.
Und das andere sind Gespräche zwischen Personen der Moderne und Personen der Bibel, zum Beispiel ein Gespräch zwischen Pontius Pilatus und Nelson Mandela. Oder ein Gespräch zwischen Kaiser Augustus und Humboldt. Das ist ein anderes Buch. Oder zum Beispiel: Der Pater Rupert Mayer, ein Jesuit, sitzt im Beichtstuhl und zu ihm kommt Judas zur Beichte.
Himmelklar: Da haben Sie noch viel vor mit Ihren Projekten.
von Gemmingen: Ja, und dann möchte ich gerne noch ein Buch schreiben über Gruppen von Märtyrern. Vor ungefähr 15 Jahren wurden koptische Christen von libyschen Muslimen umgebracht. Ganz feierlich wurden sie in der Wüste geköpft. Ich würde gerne noch ein Buch über Menschen schreiben, die so zu ihrer Überzeugung gestanden sind, dass sie sich umbringen ließen.
Das Interview führte Hilde Regeniter.