Acht Präsidenten in acht Jahren, mehrere von ihnen wegen Korruption im Gefängnis – die politische Instabilität ist in Peru zum Dauerzustand geworden. "Die Stabilität, die wir vor 20 Jahren noch hatten, ist einfach dahin", sagt Martina Fornet Ponse, Peru-Referentin des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Immer wieder wurden Staatschefs wegen "moralischer Unfähigkeit" abgesetzt. Gleichzeitig hat sich die Macht zunehmend vom Präsidentenamt hin zum Kongress verschoben.
Dieser habe es in den vergangenen Jahren geschafft, zentrale Kompetenzen an sich zu ziehen und Politik vor allem im eigenen Interesse zu gestalten. Maßnahmen gegen Korruption seien geschwächt, Ermittlungen erschwert worden. Beobachter sprächen inzwischen von einer "Diktatur ohne Diktator", so Fornet Ponse. Der Kongress agiere vielfach ohne ausreichende demokratische Kontrolle.
Klientelpolitik überwiegt
Ein Grund für die anhaltende Krise liegt auch im Parteiensystem. Anders als etwa in Deutschland gibt es in Peru kaum etablierte Parteien mit klaren Programmen. Stattdessen treten bei Wahlen Dutzende Gruppierungen an, die häufig Partikularinteressen vertreten. "Es geht oft darum, der eigenen Klientel, der eigenen Familie oder bestimmten Wirtschaftssektoren zu dienen", erklärt die Expertin. Parteiwechsel und -spaltungen während der Legislaturperioden seien an der Tagesordnung, Fornet Ponse spricht von einer "Demokratie ohne Demokraten".
Die Wahl des politischen Außenseiters Pedro Castillo im Jahr 2021 verschärfte die Lage zusätzlich. Ohne eigene Mehrheit im Kongress konnte er kaum regieren. Nach einem gescheiterten Putschversuch wurde er abgesetzt und verhaftet. Seine Nachfolgerin Dina Boluarte stützte sich auf rechte Kräfte, blieb jedoch politisch geschwächt. In diesem Machtvakuum konnte der Kongress seine Position weiter ausbauen.
Armut und Gewalt steigen an
Für die Bevölkerung hat die Krise spürbare Folgen. Erpressung, organisierte Kriminalität und tödliche Angriffe gehören vielerorts zum täglichen Risiko. Alle vier Minuten – dies besagen aktuelle Zahlen – wird in Peru ein Mensch getötet. "Viele wissen nicht, wie sie sicher durch den nächsten Tag kommen sollen", so die Peru-Referentin. Gleichzeitig profitieren breite Teile der Bevölkerung kaum vom wirtschaftlichen Wachstum. Rund 70 Prozent der Menschen arbeiten im informellen Sektor.
Vor diesem Hintergrund wächst die Sehnsucht nach einem starken Führungsstil. Eine zu Anfang des Jahres veröffentlichte Meinungsumfrage ergab, dass sich die Mehrheit der Peruaner einen Präsidenten vom Typ Nayib Bukeles in El Salvador als nächsten Regierungschef des Landes wünscht. An zweiter Stelle steht der Wunsch nach einem Gewinner mit einem Profil von US-Präsident Donald Trump und Javier Milei in Argentinien.
Wunsch nach Sicherheit
"Es ist weniger ein Wunsch nach Autorität als nach Sicherheit", sagt Martina Fornet Ponse. Dennoch könnten autoritär auftretende Kandidaten von dieser Stimmung profitieren. Zu den aussichtsreichen Bewerbern zählt derzeit der rechtskonservative Politiker Rafael López Aliaga, der für einen harten sicherheitspolitischen Kurs und eine neoliberale Wirtschaftspolitik steht.
Der rechtskonservative Unternehmer war Bürgermeister von Lima und hatte in der Vergangenheit immer wieder Schlagzeilen mit seinen Äußerungen gegen Frauenrechte, Abtreibungen und queere Menschen gemacht. Fornet Ponse bescheinigt ihm populistische Züge wie Jair Bolsonaro in Brasilien oder Javier Miley in Argentinien.
Mitglied im Opus Dei
López Aliaga gehört dem Opus Dei an. In einem peruanischen Fernsehinterview gab er an, zölibatär zu leben und sich regelmäßig mit einem Bußgürtel zu geißeln. Erst im vergangenen Jahr hatte er dem ehemaligen Erzbischof von Lima, Juan Luis Cipriani, einen Verdienstorden verliehen. Cipriani war nach Missbrauchsvorwürfen 2019 in den Ruhestand gegangen, Papst Franziskus hatte ihn damals angewiesen, Peru zu verlassen, keine Kardinalsgewänder und -symbole zu tragen und keine öffentlichen Erklärungen abzugeben.
"Die Geschichte des Opus Dei in der Kirche von Peru ist eine sehr leidvolle. Es geht immer um die Verbindung von Macht, Geld und Personen, die nicht den Armen dienen, sondern versuchen, Menschen klein zu halten und mit rechtskatholischen Ideologien zu knechten", erklärt Martina Fornet Ponse von Adveniat.
Kommt der Papst zu Besuch?
Das katholische Lateinamerikahilfswerk legt den Schwerpunkt seiner Hilfe vor allem auf zwei Punkte: Die Verbesserung der Lebensbedingungen durch Projekte, in denen beispielsweise Frauen warmes Mittagessen für Kinder und alte Leute in der Nachbarschaft ermöglichen oder Hausgärten betreiben. Zudem biete man politische Bewusstseinsbildung an, die sich sowohl an die Bürger als auch an politische Verantwortungsträger richte, so die Referentin.
Auch Perus Bischöfe blicken mit Sorge auf die Entwicklungen. Mitte März hatten sie in einem offenen Schreiben angesichts der politischen Zersplitterung zu einer Politik aufgerufen, die sich in den Dienst und das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft stellt, insbesondere von Menschen in Not. Sie forderten die Wählerinnen und Wähler dazu auf, ihre Stimmen überlegt und verantwortungsbewusst abzugeben.
Zugleich laufen in Peru bereits die Vorbereitungen für einen Papstbesuch: Auch wenn vom Vatikan noch nicht offiziell bestätigt, wird Leo voraussichtlich im November seine frühere Wahlheimat besuchen, wo er über 20 Jahre lang als Missionar und Bischof tätig war. Vielleicht animiert der Papstbesuch Perus künftige Regierung zu mehr Disziplin und politischer Kooperationsbereitschaft, damit sie den Besuch noch miterlebt.