DOMRADIO.DE: In ihren Gastspielen performen und tanzen Sie. Sie gestalten Kabaretteinlagen. Müssen Sie das alles proben oder haben Sie das seit der Kindheit so abgespeichert und gehen einfach auf die Bühne?
Ilja Richter (Schauspieler, Sänger, Buchautor und ehemaliger TV-Moderator der ZDF-Show "Disco"): Wer behauptet, dass er etwas aus seiner Kindheit auch als Erwachsener abrufen kann, ist ein Dilettant. Selbstverständlich muss man üben. Ich bin jemand, der sehr schön improvisieren kann, wenn irgendwas schief geht oder wenn ich gerade eine Eingebung habe. Aber das tue ich nur innerhalb eines Konzepts, wie zum Beispiel bei der Show "Meine Lieblingslieder".
Viel öfter als mit den Liedern bin ich als sprechender, singender und spielender Autor mit meinen Büchern unterwegs, beispielsweise mit meinem aktuellen Buch "Lieber Gott als nochmal Jesus". Es ist eine religiöse Suche, aber nicht nach Gott. Denn ich stelle nicht ihn, sondern mich in Frage und möchte wissen, wo denn nun die Adresse ist, an die ich mich wenden kann.
DOMRADIO.DE: Offenbaren Sie in dem Buch eine eigene Jesusdefinition?
Richter: Ich sage am Ende meiner musikalischen Lesung immer "Und wenn Sie es immer noch nicht verstehen können oder wollen, dann müssen Sie das auch nicht." Das Buch heißt "Lieber Gott als nochmal Jesus", weil ich mir Sorgen über Jesus mache. Wenn er nun wieder auf die Erde käme, könnte sich wiederholen, was vor 2000 Jahren mit Jesus passierte. Da muss ich mir doch wohl Sorgen um Jesus machen, denn letzten Endes ist er ein entfernter Verwandter von mir.
Ich meine damit meine jüdischen Wurzeln, denn wer will leugnen, dass Jesus Jude war? Ich bin einer, der zwischen Kreuz und Davidstern wandelt und sich Gedanken macht. Auch in Zukunft werde ich mich immer wieder mit Jesus beschäftigen, auch wenn ich in ihm nicht wie im Christentum den schon als Kind dagewesenen Erlöser erkennen kann. Wenn ich dann eines Tages von der Welt gehe und eines Schöneren belehrt werde, nämlich dass er der Erlöser war und ist, dann muss ich mich natürlich bei ihm persönlich entschuldigen.
DOMRADIO.DE: Sie haben gesagt, dass Sie sich so ein bisschen religiös obdachlos fühlen, aber niemals mit Gott brechen. Wie geht das eigentlich?
Richter: Ganz einfach, weil ich überhaupt nicht an der Existenz Gottes zweifle. Auch wenn man daran verzweifeln kann, wie man sich ihm nähert. Oder besser gesagt: wie wir uns ihm nähern. Er hat immer ein Ohr für uns, wenn wir uns ihm zuwenden, aber wir müssen auch ein Ohr für ihn haben, sonst kann man mit ihm nicht telefonieren.
Was meine religiöse Obdachlosigkeit angeht sind die Zweifel eher geistiger Natur. Ich frage mich, wo ich zu Hause bin. Und da gibt es auch am Ende meines Buches keine Antwort. Es gibt kein "Ich bin bei den Juden zu Hause, ich bin bei den Christen zu Hause", sondern "Ich bin daheim in Gott auf dem Wege zu ihm". In unserem Leben sind wir hoffentlich auf dem Wege dann auch zu ihm, wenn wir nicht mehr hier sein dürfen. Und das nehme ich als Basis.
DOMRADIO.DE: Ist der ständige Wandel zwischen Christentum und Judentum nicht ein immerwährender Konflikt?
Richter: Jahrzehntelang war ich damit nicht sehr glücklich. Mittlerweile habe ich mich jedoch zwischen den Stühlen eingerichtet. Ich bin einer, der sich aus beiden Religionen das nimmt, was er braucht. Mein atheistischer Vater und meine jüdische Mutter wollten beide nicht, dass man die Wurzeln freilegt. Ich sollte nicht darüber sprechen. Da habe ich mal ein Gedicht in den Neunzigern geschrieben. Das habe ich auch in das Buch gepackt.
"Ich war ein Kind, das durfte nie als Jude sich bekennen,
sagten Protestant,
sprach meine Mutter und hielt das an sich.
Ja, Jüdin, fast für salomonisch,
sagt Atheist,
sprach Vater und fand meinen Hang zur Religion
und meiner Lehrerin fast komisch.
Da stellt sich raus:
Der Jesus war gar nicht katholisch, nicht mal protestantisch.
Ich musste mit ihm brechen
und wollte unbedingt
mit seinem Vater sprechen."
DOMRADIO.DE: Was ist an Ihrer, zugegebenermaßen speziellen, Musikauswahl "göttlich"?
Richter: Ich habe zwar keine Titel ausgesucht, die unmittelbar mit Gott zu tun haben, aber ich halte es für eine göttliche Gabe Musik zu hören, sie zu genießen und die Fähigkeit zu haben, etwas über den Tag hinaus zu komponieren. In meiner Plylist ist das meiste populär, besonders die großen Meister des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Quellen, aus denen bis zum heutigen Tag mehr oder weniger begabte Komponisten neben den sehr wunderbaren begabten Komponisten Einflüsse zulassen, sind die Quellen, aus denen sich die Popmusik entwickelt hatte.
Es gibt Rockmusiker, die sowohl Jazz, als auch Johann Sebastian Bach lieben. Denn wenn du Bach hörst, dann hörst du auch die Elemente, mit denen dieser Mann experimentiert hat. Zu diesem Zeitpunkt waren diese Elemente innerhalb der religiösen Musik so nicht üblich. Und woher hatte denn der große Leonard Bernstein seine Einfälle? Nicht etwa, dass er sie geklaut hatte - nein, er war von der großen Klassik inspiriert.
DOMRADIO.DE: Was haben Sie als ehemaliger Moderator der ZDF-Show "Disco" und Erfinder des Slogans "Licht aus, Spot an!" in Zukunft vor?
Richter: Ich habe mir vorgenommen ein Kinderbuch zu schreiben. Es wird, so Gott will, im Herbst 2027 herauskommen. Darin wird es um den Papst, den Vatikan und den Glauben gehen.
Das Interview führte Bernd Knopp.