"Kinder, ist das Leben schön, unerträglich schön!" Immer wieder hat Eberhard von Gemmingen während seiner Zeit als Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan diesen einen Satz gesagt. Gern lud er dann alle ein zum spontanen Ausflug an den Lago di Bracciano, knapp 35 km nordwestlich von Rom, zum Schwimmen und Spaghetti-Essen.
Generationen von Radio Vatikan-Redakteurinnen und -Redakteuren haben den gebürtigen Schwaben als ebenso lebenslustigen wie lebensnahen Chef kennengelernt, der sich für die Sorgen seiner Praktikanten genauso interessierte wie für die nächste Auslandsreise des Papstes.
Als er 1982 sein neues Amt in Rom antrat, hatte er selbst noch nie Radio Vatikan gehört. Angekommen im Herz der Weltkirche war er aber schnell begeistert von der Vielfalt an Menschen und Meinungen, die ihm im Vatikan in nächster Nähe begegneten. Ihm war klar, dass es einen Vermittler brauchte, um den Leuten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu erklären, wie der Papst tickt und der Vatikan funktioniert.
Genauso notwendig fand er es, den Kollegen in Radio und Vatikanbehörden die deutsche Mentalität, die deutschen Befindlichkeiten verständlich zu machen. In eben dieser Brückenbauerfunktion fand der Jesuit seine Lebensaufgabe.
Diese Berufung verstärkte sich, als nach dem Tod von Johannes Paul II. mit Jospeh Ratzinger nicht nur ein Deutscher, sondern sogar ein alter Bekannter zum neuen Papst gewählt wurde. Sie waren sich früh schon in Tübingen begegnet und später in Rom immer wieder mal über den Weg gelaufen, hatten sogar einmal zum Weihnachtsessen zusammengesessen.
Die deutsche Stimme des Papstes
Jetzt war Eberhard von Gemmingen als Benedikt-Erklärer gefragt wie nie und wurde auch auserkoren, auf Deutsch das erste Interview überhaupt mit dem neuen Papst zu führen, zunächst exklusiv für den Hörfunk; einige Zeit später folgte ein gemeinsames Fernsehinterview mit handverlesenen TV-Kollegen.
Vor allem rund um den Weltjugendtag in Köln im Jahr 2005 war er dann als Analyst in so vielen deutschsprachigen Medien zu hören und zu sehen, dass Beobachter ihn schlicht "die deutsche Stimme des Papstes" nannten. Wobei die Kollegen besonders auch seine klar verständliche, humorvolle Art zu sprechen schätzten. In diesem deutschen Pater in Rom hatten die Medienmacher jemanden gefunden, der kein Blatt vor den Mund nahm und vatikanische Angelegenheiten so zu transportieren wusste, dass sie auch bei einem kirchenferneren Publikum ankamen.
Noch bevor mit Franziskus ein Jesuitenkollege den Petrusstuhl bestieg, wurde Gemmingen zurück nach Deutschland berufen und ging 2009 nach München. Der Abschied sei ihm deutlich leichter gefallen, sagt der Pater heute, weil dort auch mit 74 Jahren noch eine wichtige Aufgabe auf ihn wartete: als "Bettelmönch" sollte er sich dem Fundraising für seinen Orden widmen.
Er nutzte sein reiches Netzwerk, reiste durch die Republik und hielt Vorträge über den Vatikan, schrieb eine ganze Reihe von Büchern. Allerdings, so merkte er dann, fehlte ihm Rom lange Zeit doch mehr als erwartet. "Meine Seele irrt noch immer durch die Altstadt von Rom, meine Seele ist in Rom geblieben", gab er in einem Interview zu seinem 80. Geburtstag offen zu.
Zehn Jahre später ist das nicht mehr so, sagt Pater von Gemmingen. Heute begibt er sich gern mit Hilfe von Google Maps auf altbekannte Plätze und Straßen der Ewigen Stadt, die er selbst ungezählte Male gelaufen ist. Aber die Seele ist inzwischen bei ihm in München angekommen.
Noch immer verfolgt er mit großem Interesse, was im Vatikan passiert. Franziskus, so meint Gemmingen, habe wichtige Akzente gesetzt, sei aber in mancherlei Hinsicht einseitig gewesen. Er teilt den Eindruck vieler, Leo könne mit seiner ausgleichenden Art Einseitigkeiten und Spaltungen aufheben.
Ein "Kinder, ist das Leben schön, unerträglich schön" allerdings kommt ihm längst nicht mehr so leicht über die Lippen wie damals zu Radio Vatikan-Zeiten. Zu sehr bedrückt ihn die internationale Lage, zu sehr sorgt er sich darum, was aus der Welt werden soll, wenn skrupellose Machthaber wie Putin und irrlichternde Gestalten wie Trump das Sagen haben.
Hoffnung machen dem nun mehr 90-Jährigen dagegen neue Aufbrüche des Christentums, die er an manchen Stellen ebenso ausmacht wie eine zarte Renaissance des Religiösen an sich. "Dass Erwachsene, die heute einen Gottesdienst besuchen, dies aus eigenem Wunsch heraustun und nicht länger aus Konvention, ist doch wunderbar!"
Für sein langsam doch wirklich hohes Alter, versichert Eberhard von Gemmingen, gehe es ihm gut. Die Ohren machten nicht mehr so mit und die Beine auch nicht immer, aber er komme schon klar. Die Auseinandersetzung mit dem Alter und dem Altwerden aber dränge sich natürlich auf und man dürfe sie auch nicht verdrängen, sagt er. "Ich denke schon seit längerer Zeit oft an den Tod und ans Sterben", so der Jesuit.
Er sehe seine Schwestern, die ähnlich alt seien wie er selbst und erlebe auch die alten Mitbrüder im Orden. "Da fragst du dich schon, wer als nächstes von uns gehen wird." Er selbst, so gibt er zu, hat Angst davor, ans Bett gefesselt zu sein und langsam dahinzusiechen. Das Sterben an sich mache ihn dagegen nicht solche Angst. "Weil ich hoffe, dass Jesus mich auf der anderen Seite erwartet und in die Arme nimmt."